Lüdenscheid. Herscheid. Marian Heuser. Ein Herscheider Künstler, der im Sauerland besonders durch seine „World of Wordcraft“-Veranstaltungen bekannt geworden ist. Poetry Slammer. Eigentlich noch viel zu jung, um schon so erfolgreich zu sein. Das ist er aber trotzdem und sogar schon recht lange. 1984 geboren trat er bereits 2008, also mit knapp 24 Jahren in Münster das erste Mal öffentlich als Poetry Slammer auf und kam bereits bei seinem fünften Auftritt in das Finale der NRW-Meisterschaften. 2012 folgte dann der endgültige Sieg bei den niedersächsisch-bremischen Meisterschaften in Osnabrück. 2010 begann er in Lüdenscheid sehr erfolgreich mit „World of WORDcraft“. Marian ist zudem Musiker und bevorzugt Rapmusik, aber auch Reggae und SKA. Alles Musikrichtungen, in denen der Text die fast größere Rolle spielt und lediglich unterstützt wird von besonderen rhythmischen Tonfolgen.

Marian Heuser während der Versteigerung der Gospelday-Bilder im STOCK.
Marian Heuser während der Versteigerung der Gospelday-Bilder im STOCK.

Marian schreibt, arbeitet als freier Sprecher und Texter und als Foto- und Videokünstler. Seine Liebe gilt zudem der Dramaturgie und dem Theater. Last but not least, gibt er bundesweit auch Workshops zum Thema „Poetry Slam“, sowohl in Bereichen der Erwachsenenbildung als auch an Schulen und Universitäten.

Marian ist ein künstlerisches Multitalent. An dem Tag, als ich ihn kennenlerne, arbeitet er für uns als Auktionator. Im STOCK. Um die für den Gospelday gespendeten Bilder für einen guten Zweck zu versteigern. Und glänzt auch dort. Nach der Auktion trinkt er einen Pfefferminztee, lehnt lässig am Tresen des STOCKS und hat ein breites zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht. Ich frage ihn, wie es war und er antwortet mit: „Ich denke, das sollte ich öfter machen.“

Ja, das sollte er unbedingt. Er hat nämlich alle Anwesenden nicht nur zwei Stunden lang mit seiner Präsenz glatt umgehauen, sondern jedes Bild allein mittels besonderer „Marian-Interpretation“ noch einmal „wertgesteigert“. Sätze wie: „Nun, dieses Bild könnte man auch umdrehen, dann hieße es nicht mehr „Boote in der Unendlichkeit“ sondern „Pilze, die herumfliegen“ oder „Ich kenne mich da jetzt nicht aus, aber ich nehme an, dass es sich um ein buntes Bild handelt“, verfehlten keineswegs ihre Wirkung. Manch ein Gast fiel erst vom Stuhl vor Lachen und schaute sich dann das Bild doch noch einmal ganz genau an. Um es dann sogar letztendlich zu ersteigern. Selten wurde wohl soviel bei einer Auktion gelacht, wie an diesem Nachmittag. Der „Meister der Worte“ hat alle überzeugt und bis auf ein paar Ausnahmen, auch alle Bilder verkauft.

Er ist auch ein gegabter Fotograf. Hier versteigert er gerade eines seiner eigenen Fotos, die er gespendet hat.
Er ist auch ein gegabter Fotograf. Hier versteigert er gerade eines seiner eigenen Fotos, die er gespendet hat.

Wer ihn schon einmal gesehen hat, wird bestätigen: Er hat eine ganz besondere Ausstrahlung, kombiniert Intelligenz mit Herz und einer Eloquenz, die den Zuschauer staunen lässt. Marian macht süchtig. Hat man ihn einmal gehört, will man mehr von ihm. Viel mehr. Er ist einfach der geborene Entertainer, ohne wenn und aber. Und dabei ein echter Sauerländer. Man wundert sich, dass das möglich ist. Aber, wie soll man sagen: Läuft! Zumindest bei ihm.

An diesem Nachmittag stürmen Marian und ich ganz ohne vorherige Absprache nach getaner Versteigerung erst einmal das STOCK-Büffet. Beziehungsweise, das, was noch davon übrig geblieben ist. Wir leiden beide unter dem Phänomen, dass wir VOR einer Veranstaltung absolut nichts runter bekommen, danach dann aber das Gefühl haben, gleich zu verhungern. Wir werden fündig, irgendjemand hat vergessen, den großen Topf mit dem Rührei zu plündern. Das tun wir dafür jetzt. Ich kann mein Glück kaum fassen. Marian sucht sich derweil den passenden Belag für sein Brötchen. Sandwich mit „Alles“. Mit unserer Beute verziehen uns dann erst einmal sehr zufrieden an einen Tisch. Essen kann so schön sein.

Danach mache ich draußen ein paar Fotos von ihm und finde dabei heraus, dass er echt fotogen ist. Er wertet jeden Platz auf, an den ich ihn stelle. Aha, also kein Wunder, das er sich so gut auf großen Bühnen macht. Schließlich sitzen wir dann doch noch im STOCK, schön am Fenster, die Sonne scheint uns ins Gesicht und mein Aufnahmegerät läuft.

Wie war das heute für Dich Marian? Mal nicht der typische Poetry Slam, sondern eher Situationskomik. Reagieren auf Zuruf und ohne Manusskript. Und dann noch lauter unbekannte Kunstwerke und Menschen. Ganz schön herausfordend. Was mir direkt an Dir aufgefallen ist, Du nimmst eine Situation und setzt sie augenblicklich und in Echtzeit in Sprache um. Das ganze auch noch mit Humor. Das ist eine besondere Gabe, oder?

Die Sonne scheint und wir trinken Tee. Gaaanz entspannt.
Die Sonne scheint und wir trinken Tee. Gaaanz entspannt.

Ja, das ist so eine Freestyle Komponente, die mir wirklich liegt und die mir auch Spaß macht. Die ich mir aber auch erst langsam wieder aneigne, denn ich komme im Moment eher aus dem Hintergrund, dass ich journalistisch an Sachen herangehe, also vor einem Auftritt genau recherchiere. Ich lebe ja in Münster und habe dort fürs Radio gearbeitet. Erst fürs Campus-Radio und dann auch für den WDR. Da lernst Du, dass Du mit einem ausgearbeiteten, fertig durchstruktuierten Manuskript vor das Mikro gehst. Also alles andere als spontan, Du musst Dich ganz genau vorbereiten. Und Du hast das, was Du zu sagen hast, vorher dann auch schon 500 Mal geübt. Und das ist dann genau das Gegenteil von diesen Freestyle Elementen, so wie wir das heute hier hatten. Die klassische Ausbildung, die ich habe, ist weit weg von Spontanität. Die hole ich mir gerade erst wieder zurück. Im Fall der Auktion habe ich das Strukturieren ganz bewusst weggelassen. Einfach, weil ich mir gesagt habe: Das ist eine neue Herausforderung. Da bietet es sich an, ohne Vorbereitung einfach mal ins kalte Wasser zu springen und zu schauen, ob ich die Situation meistern kann.

Warst Du nervös?

Man muss schon schauen, dass einen die Nervosität nicht überwältigt. Sonst bekommt man das nicht hin. Also, eine Aktion sofort in Worte umzusetzen. Aber wenn man sich selbst ein wenig Ruhe gönnt und sich nicht unter Druck setzt, dann kann man super mit den Zurufen aus dem Publikum arbeiten, eben so, wie es sich gerade ergibt.

Z.B. die Bilder ein bisschen „runtermachen“?!;-)

Genau, die Bilder ein bisschen runtermachen und sie dann zum doppelten Preis verkaufen.

Ja, das war echt genial! Hast Du super gemacht. Guter Plan! Sag mal, wie alt bist Du eigentlich, dass Du sowas schon so gut drauf hast?

Auf den STOCK-Terassen. Nein, Marian sieht nicht viel älter aus, als er ist. Aber das habe ich ihm nicht verraten;-)
Auf den STOCK-Terrassen. Nein, Marian sieht eigentlich nicht viel älter aus, als er ist. Er sieht einfach zeitlos aus. Aber das habe ich ihm nicht verraten;-)

Ich bin 31. Ok, ja, ich weiß. Ich sehe älter aus. Schon immer. Als ich mit 14 Jahren den Schlüssel zu einem Auto bekommen habe, um das Auto mal eben wegzusetzen, war mir klar, dass ich durchaus etwas älter wirke, als ich bin.

Sag mal, Du studierst ja, Politik, Soziologie und Niederländisch. Was genau hindert Dich daran, Dein Studium abzuschliessen?

Das fragen sich viele Menschen, vor allem meine Eltern (lacht). Neee, ich hab einfach so viel zu tun, ich komme nicht dazu, meine Masterarbeit zu schreiben. Ich muss NUR noch eine Masterarbeit von 150 Seiten schreiben, aber ich habe parallel dazu so viel anderes zu tun, dass es mir einfach schwer fällt, das jetzt abzuschließen. Dafür braucht man Zeit und die habe ich im Moment einfach nicht. Ich schreibe mittlerweile für Online-Magazine und fürs Dramaturgische Theater und bin einfach generell sehr viel mit Schreiben beschäftigt. Und mache die ganzen Veranstaltungen wie „World of Wordcraft“ und meine Workshops. Da habe ich echt wenig Raum für eine Masterarbeit.

Schreibst Du auch Romane? Oder denkst Du drüber nach?

Selbstverständlich. Aber da habe ich mich noch nicht so richtig dran gewagt. Ich suche noch nach einer Struktur. Um für mich eine Geschichte anzufangen, brauche ich immer im Vorfeld einen Anfang und ein Ende. Den Raum dazwischen fülle ich schon aus, aber Anfang und Ende sind für mich Grundvoraussetzungen. Solange ich das nicht habe, kann ich auch nicht wirklich sagen, dass ich damit anfangen könnte. So schreibe ich auch meine Gedichte. Am besten endet ein Gedicht so, wie es begonnen hat. Aber das ist nur vermeintlich einfach. In der Realität ist genau das am allerschwierigsten.

Bist Du als Kind und später als Teeny klar gekommen mit den Menschen um Dich herum? Du bist ja durchaus hochbegabt zu nennen und solche Menschen haben es bekanntlich nicht immer einfach im Leben.

Das Bild von Yves Thomé hatte es ihm angetan. 1001 Möglichkeit, es zu interpretieren. Yves fand es witzig.
Das Bild von Yves Thomé hatte es ihm angetan. 1001 Möglichkeit, es zu interpretieren. Yves fand es witzig.

Na ja, ich war jetzt nicht der superbeliebte Typ, mit dem alle ihre Zeit verbringen wollten. Ich bin in der zweiten Klasse nach Herscheid gezogen und habe mich nur schwer eingefunden. Alles war fremd und ich der Aussenseiter in einer ansonsten gewachsenen Struktur. Das war sehr schwierig für mich. Mir fehlten meine Freunde. Und wir hatten einen sehr harten Lehrer, der uns viel abverlangte. Im Nachhinein weiß ich ihn zu schätzen, er hat uns viel Naturverbundenheit gelehrt, aber er war schon sehr fordernd. Nicht jeder kam mit ihm klar. Was er aber geschafft hat, war, mich nachhaltig zu prägen. So hat er mir z.B. beigebracht, Gedichte auswendig auf Bühnen zu rezitieren, einfach indem er uns mit auswendig zu lernenden Gedichten richtig gedrillt hat. Damals konnte ich das nicht sehen, aber im Nachhinein hat mich das vorbereitet für die Arbeit, die ich heute tue.

Ist das mit der Sozialisation besser geworden, als Du aufs Gymnasium kamst?

Na ja, notenmäßig schon. Zwischenmenschlich nicht. Die ganzen Leute aus der Grundschule kamen ja mit. Da war ich zu Anfang auch nur wieder der „seltsame Typ“.
Ich hatte auch damals schon eine extrovertierte Art, die nicht bei allen gleich gut ankam. Ich habe mich viel gemeldet, viel mit den Lehrern diskutiert. Das hat nicht soooo vielen wirklich gefallen. Und eines hat mich echt genervt an den Leuten. Kunst wurde grundsätzlich abgewertet. Immer hieß es: „Damit kann man doch nichts verdienen“. Das hat mich echt geärgert und ich habe oft zu den Leuten gesagt. „Ihr habt ein Talent und könnt das so gut wie kein anderer und dann geht ihr scheinbar auf Nummer sicher und lernt was Langweiliges, was nicht zu euch passt?!“ Ich konnte das nie nachvollziehen. Bei mir hat es irgendwann innendrin Klick gemacht und ich wusste das ich Kunst machen wollte und nichts anderes. Ich habe ja auch bereits mit 13 Jahren meine ersten Gedichte geschrieben, war also schon sehr früh „auf dem Weg“.

Haben Dich Deine Eltern dabei unterstützt?

Begeisterung. Dieses Bild wurde ratzfatz verkauft.
Begeisterung. Dieses Bild wurde ratzfatz verkauft.

Ja, schon. Zu Anfang eher verhalten und besorgt, aber dann kam der Poetry Slam auf und sie haben gesehen, was das für mich bedeutet. Und ich habe ganz schnell damit begonnen, die Veranstaltung „World of Wordcraft“ nach Lüdenscheid zu holen, damit ich meine Eltern nicht immer nach Münster in irgendwelche Kneipen einladen musste. In den ersten beiden Veranstaltungen hatte ich Torsten Sträter auf der Bühne, der heute ständig im Fernsehen zu sehen ist. Und da war meinen Eltern auch relativ schnell klar, dass das nicht einfach eine kleiner Spinneraktion von mir ist, sondern eine durchaus zukunftsträchtige und ernstzunehmende Beschäftigung. Von da an haben sie mich richtig unterstützt.

Wann genau hast Du denn angefangen mit dem Poetry Slam?

2008 habe ich richtig damit angefangen. Da war klar, dass sich der Poetry Slam zu einem eigenständigen Genre entwickeln würde. Es gab Meisterschaften und eine gute Infrastruktur. Ich habe mich damals erst in Paderborn und dann in Münster umgesehen und hab dann geschaut, wo etwas Entsprechendes in der Stadt passierte. Es gab drei Veranstaltungen und ich bin bei allen dreien aufgetreten. Danach sagte man mir: „Du hast hier wirklich gut mitgemischt. Möchtest Du bei den NRW-Meisterschaften auftreten?“

Wieso Poetry Slam. Was unterscheidet das von anderen Genres. Also Kabarett oder Comedy?

Er schlug vor, dieses Bild umzudrehen und aus den Schiffchen Pilze zu machen. Verkauft war das Bild nach diesem Vorschlag innerhalb von fünf Minuten.
Er schlug vor, dieses Bild umzudrehen und aus den Schiffchen Pilze zu machen. Verkauft war das Bild nach diesem Vorschlag innerhalb von fünf Minuten.

Es ist eine Kunst-Form, die der Lyric, ganz ohne Beat, eine Plattform bietet. Das war für mich die Möglichkeit, all diese Gedichte, die ich mit 15, 16 und 17 Jahren bereits geschrieben hatte, noch einmal aus der Klamottenkiste zu holen und festzustellen, hej, krass, da ist ja mein Publikum auf einmal, es war ja doch die ganze Zeit da.

Der besondere Unterschied zu Comedy und Co. liegt zudem darin, dass es lustig sein darf, aber nicht lustig sein muss. Du hast also erst einmal für Deine Texte eine Plattform. Da sind nur Du, Deine Texte und Deine fünf Minuten, die Du Zeit hast, sie dem Publikum zu präsentieren. Wobei es vollkommen egal ist, ob Du die abliest, schreist, flüsterst oder frei sprichst, ob es ein Gedicht ist, ein Prosa-Text oder etwas dazwischen. Es muss nur von Dir geschrieben sein, ansonsten ist alles erlaubt. Das war damals der Freifahrtschein für mich, und nicht nur für mich. Für viele Literaten gleichermaßen.  Ich dachte, fünf Minuten schaffst Du auf der Bühne, ohne einen Herzkasper zu bekommen.

Wie war das für Dich, da auf der Bühne zu stehen?

Ich habe mich über wettbewerbsfreie Bühnen da rangetastet. Ganz bewusst. Ich wollte mich erst einmal nicht dem Wettbewerb stellen, sondern habe vorgelesen, immer mit dem Hintergedanken, wenn ich es da schaffe, dann kann ich auch zum Poetry Slam und mich einer Jury stellen. Ich habe damals in einem sogenannten Poeten-Bus bei Hochsommer und bestens gelaunten Menschen um mich herum eine Geschichte gelesen, die davon handelte, wie jemand vor Hunger krepierte. Die Gesichter um mich herum waren wirklich sehenswert… Da war ich 23 Jahre alt.

Ihr setzt euch ja sehr tief mit euren Themen auseinander. Geht in Bereiche, die gar nicht so gerne berührt werden wollen. Habt manchmal echt krasse Themen.

Absolut, aber das ist ja auch genau das, was Poetry Slam ausmacht. Du hast diese fünf Minuten Zeit, um Dein Publikum zu berühren. Nicht mehr. Nicht weniger. Und Du musst das Publikum ja mit irgendetwas fesseln. Seine Aufmerksamkeit erringen. Für den Wettbewerb ist es sogar wichtig, dass sie dich danach lieben. Aber eigentlich ist das erstmal unerheblich. Weil es erst einmal darum geht, dass man auf die Bühne geht und dabei versucht, irgendetwas bei den Leuten auszulösen. Und nicht nur Gehör zu finden nach dem Motto, da hat irgendjemand etwas geredet, sondern mit dem Ziel, dass die Leute sich an Dich erinnern. Dass Du irgendetwas bei ihnen ausgelöst hast. Positive oder negative Gefühle, das ist egal. Ziel ist es, zu berühren. Und zwar, in der Tiefe zu berühren.

Berührt DICH das dann auch?

Die Kamera liebt Marian.
Eine Kulisse wie auf dem Montmatre in Paris. Marian passt gut hinein.

Ja, besonders dieses unmittelbare. Ohne doppelten Boden, ganz echt. Dabei unter Umständen auch politisch zu sein, für bestimmte Themen zu sensibilisieren, das ist für mich ein großer Anreiz.

Du musst aber auch 100%ig dahinter stehen. Das ganze komplett durchdacht haben.

Absolut ja. Es darf natürlich auch oberflächlich sein, aber das würde meinem eigenen Anspruch an mich nicht gerecht werden. Einem fünfminütigen Vortrag kann also durchaus eine dreivierteljährige Schreibphase vorangegangen sein. Je nachdem, was ich ausdrücken will, mache ich mir schon sehr, sehr viele Gedanken.

Das Thema berührt Dich dann selbst auch besonders?

Ja, davon kann man immer ausgehen, dass es einen erst selbst berühren muss, damit es andere berühren kann. Wenn ich ein Publikum, das mich nicht kennt aus der Reserve locken möchte, sollte ich mir ein Thema ausdenken, dass zumindest mich selbst schon einmal angerührt hat. Wenn mich ein Thema kalt lässt, brauche ich darüber auch nicht zu reden. Nur aus Kalkül, weil das Thema gerade angesagt ist, etwas auf die Bühne zu bringen, funktioniert meiner Meinung nach einfach auf die Dauer nicht.

Wo siehst Du Deinen Wirkungsbereich als Veranstalter?

Die Kamera liebt Marian. Er ist einfach sehr präsent.
Die Kamera liebt Marian. Er ist einfach sehr präsent.

Ich habe für mich das Sauerland entdeckt, es kommen aber auch einige Orte in Richtung niederländische Grenze in Betracht. Man spricht sich halt unter den Veranstaltern ab,  damit es nicht zu Konkurrenzverhalten kommt. Veranstalter und nicht nur auftretender Künstler zu sein hat seine Vorteile und in dieser Szene gibt es ein gutes Miteinander. Man versteht sich einfach.

Wo gehts hin beim Poetry Slam? Wird der auch irgendwann mal abendfüllend?

Ich glaube, dass Poetry Slam als eigenständiges Format bestehen bleiben wird. Aber die Leute entwickeln sich auch weiter. Es gibt mittlerweile viele Grenzgänger, die sich dann eher so zum Kabarett und Comedy hinentwickeln, was aber auch klar ist. Man verdient viel mehr, das Ganze ist von der Medienpräsenz her viel stärker. Wenn man als Poetry Slammer drei Texte hat, reicht das, um im ganzen deutschsprachigen Raum jede Bühne mitzunehmen und dann ist es auch vollkommen ok, wenn man z.B. in Dortmund nur einen Text liest. Man hat ja eh nur drei.

Hat man aber viele Texte und weiß, dass man locker ein Abendprogramm alleine stemmen kann, fragt man sich, warum man für einen einzigen Text noch irgendwo hinfahren soll. Im Klartext: Je mehr Texte ein Poetry Slammer hat, je mehr Bühnenerfahrung dazu kommt, desto wechselwilliger ist er. Man kann einen ganzen Abend alleine gestalten und es kommen nur Leute, die MICH sehen wollen. Und das ist auch fürs Ego mal ganz nett, wenn man sich nicht ständig batteln muss, sondern auch mal einfach liebgehabt wird.

Wird Poetry Slam also irgendwann gänzlich absorbiert von Kabarett und Comedy?

Er hatte immer den passenden Spruch auf den Lippen. Situationskomik pur.
Er hatte immer den passenden Spruch auf den Lippen. Situationskomik pur.

Nein, es wird eigenständig bleiben. Es bietet einfach zu vielen anderen Formen des literarischen Ausdrucks eine gesunde Plattform. Es hat so viele Möglichkeiten, sich frei zu entfalten. Beispielsweise zwischen drei lustigen Nummern, einfach mal das Gedicht vom Kindersoldaten bringen zu können, ohne dass das jemand seltsam findet. Das entfaltet seine Wirkung nur im Rahmen eines Poetry Slams. Fürs Kabarett wäre das ein No Go.

Ein Break durch so etwas, wie so ein ernstes Thema zwischen zwei lustigen Geschichten und die Stille, die dabei ensteht und das Nachdenken, das erzeugt nur das Format Poetry Slam. Sonst nichts. Das bekommt man sonst nicht vermittelt. Ziel ist natürlich, das ein Poetry Slammer auch von seiner Kunst leben kann. Aber da bin ich zuversichtlich. Auch das wird noch kommen.

Ihr werdet ja alle auch älter. Da ändern sich auch die persönlichen Bedürfnisse.

Ja, wie gesagt, das wird kommen. Jetzt ist es eigentlich fast immer so, dass wir alle in gewissen Überschneidungsformen leben. Ich arbeite beispielsweise noch als Dramaturg am Theater, schreibe, gebe Workshops deutschlandweit. Man macht halt viele Dinge parallel. Das, was wir tun, geht auch in andere Bereich hinein. Z.B. Coachen oder in die Werbung.

Da, wo wir arbeiten, handelt es sich um sehr interessante Schnittstellen zu allen möglichen Bereichen von Kunst, Performance und Literatur. Wir sind zudem Entertainer und haben es gelernt, Dinge in Kürze auf den Punkt zu bringen. Wir wollen auch in den Workshops Leute nicht zuerst zu Poetry Slammern machen, sondern unser erstes Ziel ist es, ihnen Erkenntnis über sich selbst mitzugeben, ihnen den Anstoß dafür zu geben, die eigenen Gedanken so auf den Punkt zubringen, das sie in ein ganz knappes Zeitfenster passen.

Das Wesentliche zu extrahieren und zu kommunizieren. Also das Gegenteil von dem, was ich heute gemacht habe. Heute habe ich meine Gedanken zu spontanen Aussagen gebracht, konnte mich nicht vorbereiten und habe erst reagiert und dann agiert. Beim Poetry Slam agiere ich zuerst, setzen mich tief mit meinen Texten auseinander und sehe dann zu, dass ich eine Reaktion provoziere, die von außen kommt. Auf die reagiere ich dann. Man nimmt dann Menschen mit auf eine Reise, von der sie vorher noch gar nichts wussten.

Was denkst Du, wohin Deine Lebensreise geht? 

Sympathisch. Und gar nicht von sich eingenommen sondern trotz seines Erfolges sehr bescheiden und geerdet. Er wird es noch weit bringen!
Sympathisch. Und gar nicht von sich eingenommen, sondern trotz seines Erfolges sehr bescheiden und geerdet. Er wird es noch weit bringen!

Das ist eine spannende Frage, die ich so noch gar nicht beantworten kann. Mehr auf die Bühne auf jeden Fall. Förderung junger Leute, also Frühförderung an Schulen. Theater und Texte für andere schreiben. Die Umsetzung betreuen. Das macht mir sehr viel Spaß.

Aber eigentlich will ich gar nicht nur eine Sache machen. So sehr ich mir Sicherheit wünsche in meinem Leben, so sehr würde ich sie verdammen, wenn sie mich fesseln würde und dazu führt, dass ich nur noch eine Sache machen darf. Ich habe Angst vor Langeweile. Und so, wie ich das derzeit mache, kommt die gar nicht erst auf. Ich arbeite in allen möglichen Bereichen der Kunst. Mache auch Musik, fotografiere, stelle gerne aus. Es gibt noch so viele schöne kreative Sachen und ich hoffe, dass das Leben noch lang genug sein wird, um sie irgendwann einmal alle auszuprobieren.

Das ist ein schöner Abschluss eines schönen Interviews. Marian hat mich mit seiner Gradheit, seinem großen Herzen und seiner Kreativität sehr beeindruckt. Ihm nimmt man jedes Wort ab, das er sagt. Da ist ehrliches Interesse und große Begeisterung für das Leben und die Menschen um ihn herum. Bald ist er wieder in Lüdenscheid zu sehen, nämlich am 31.10. beim Sience Slam und am 21.11. im Kulturhaus Lüdenscheid. Darauf darf man sich freuen. Und wer mehr von ihm wissen möchte, der kann ihn auf Facebook liken, auf Youtube anschauen oder einfach einmal auf seiner Webseite besuchen: www.marian-heuser.de.

 

 

 

 

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