Jutta Beißner

Lüdenscheid. Wer ist eigentlich Jutta Beißner? Jutta ist ein bekanntes Gesicht in Lüdenscheid. Kaum jemanden, den sie nicht kennt und der sie nicht kennt. Ich habe sie in vielen verschiedenen Situationen erlebt, immer souverän, immer nett, immer sehr warmherzig. Ich frage mich, was wohl noch so hinter dieser großen, agilen Frau steckt, die zeitweise häufiger in der Zeitung ist, als irgendeiner unsere Politiker und die auf fast jedem Bild lächelt und strahlt.

Jutta, das sind ganz schön große 1,80 m, wuscheliges schwarzes Haar und blitzblaue, neugierig leuchtende Augen. 2015 hat sie zusammen mit Andreas Wolf vom Gospelchor „Risecorn“ den sehr erfolgreichen Lüdenscheider „Gospelday“ gewuppt, parallel dazu gehörte sie zu den ersten Personen in Lüdenscheid überhaupt, die Flüchtlinge in der Flüchtlingsunterkunft Dickenberg begrüßte und ganz generell mit der Welle der Flüchtlinge zurechtkommen musste, die ab Mitte 2015 nach Lüdenscheid schwappte. Jutta ist zudem Johanniterin und bei den Johannitern zuständig für Presse, Marketing und Kommunikation, was im Klartext heißt: Sie ist das Gesicht der Johanniter und wenn es etwas der Öffentlichkeit zu sagen gibt, ist es meistens sie, die dies dann zu sagen hat.

Jonglieren mit Worten

Jutta bei eine Probe des Chores Risecorn für den Gospelday.
Jutta bei eine Probe des Chores Risecorn für den Gospelday.

Parallel dazu, hat sie eine eigene kleine Grafikwerkstatt, die sich „Klönart“ nennt. „Klönart“ jongliert mit Worten, anders kann man es nicht beschreiben. Jutta gestaltet Karten, auf denen sie sich Gedanken macht zu einem Begriff. „Liebe“ z.B. oder „Dankbarkeit“ oder „Freude“. Aber auch „Trauer“ oder „Verlust“. Jutta ist jemand, deren Texte genau das wiedergeben, was sie auch lebt: Tiefsinniges mit einer großen Prise Humor.

Sie fasst sowohl in ihren Karten, als auch in ihren Pressetexten Gesehenes und Geschehenes in genau die richtigen Worte, die dieses für andere dann fassbar machen.

Wir zwei treffen uns im „Ciccolina“, setzen uns in eine Ecke und bestellen erst einmal einen Wein, denn wir sind beide abgehetzt und haben einen langen Tag hinter uns. Jutta strahlt dennoch über das ganze Gesicht, man fühlt sich sofort ein wenig besser in ihrer Nähe.

Ihre Passion: Karten entwerfen. Für jede Gelegenheit.
Ihre Passion: Karten entwerfen. Für jede Gelegenheit.

Jutta, erzähl mir mal ein bisschen von Dir! Wie lange bist Du denn eigentlich schon bei den Johannitern?

Mittlerweile seit 20 Jahren. Eigentlich bin ich Arzthelferin. War auch mal selbstständig mit einem Schreibbüro. Das lief gut, aber ich war zu viel alleine. Nach einer Zeit fiel mir einfach die Decke auf den Kopf und ich konnte nicht anders, ich musste wieder unter Menschen. Die Johanniter haben da gerade jemanden gesucht, als Vorstandssekretärin. Ich habe mich einfach beworben, ohne mir viele Chancen auszurechen und sie haben mich tatsächlich genommen.

Keine Scheu vor Kameras und Prominenz

Aber jetzt bist Du dort doch im Bereich Marketing und Kommunikation tätig und zuständig für die Presse?

Ich bin aber auch noch Vorstandssekretärin. Die Pressearbeit habe ich mir im Laufe der Zeit angeeignet. Als ich bei den Johannitern anfing, hatte ich davon keinerlei Ahnung.

Du verfügst über eine große Eloquenz, bist sprachlich voll dabei, weißt Dich auszudrücken und hast ein besonderes „Standing“, auch vor vielen Menschen. Du hast gar keine Scheu vor Kameras oder Prominenz …

Keine Scheu vor Prominenz: Hier mit Bürgermeister Dzewas, Landrat Gemke und Superintendent Klaus Majoress.
Keine Scheu vor Prominenz: Hier mit Bürgermeister Dzewas, Landrat Gemke und Superintendent Klaus Majoress.

Das Selbstbewusstsein hatte ich früher aber nicht. Ich war ein sehr schüchternes Kind, das kaum die Zähne auseinanderbekommen hat.

Ich konnte auch nicht schreiben. Bis zu einer Interpretation im Deutschunterricht in der 10. Klasse. Da ist der Knoten geplatzt. Da hatte ich die Bestnote „Eins“. Seitdem konnte ich schreiben. Und habe geschrieben. Von da an immer. Für mich, für andere. Tagebuch, Gedichte. Zudem habe ich professionell Klavier gespielt, ich wollte eigentlich Musik studieren. Aber im Nachhinein bin ich froh, das nicht getan zu haben. Ich habe statt dessen eine Ausbildung im medizinischen Bereich abgeschlossen. Und das war einfach mein Ding. Dieses Praktische, das Organisatorische, das liegt mir. Ich hatte dank dieser Gaben auch nie Stillstand in meinem Leben, konnte mich stetig weiter entwickeln.

Das ist spürbar. Du bist ja spürbar offen dafür, immer wieder etwas Neues zu lernen, neue Herausforderungen anzunehmen.

Große Medienpräsenz auf dem Sternplatz. Jutta moderiert den Gospelday.
Große Medienpräsenz auf dem Sternplatz. Jutta moderiert den Gospelday.

Sich weiterzuentwickeln, ist mir wichtig. Aber auch durch Herausforderungen zu erleben und herauszufinden, was ich nicht kann. Ich kann diese Dinge dann auch sehr gerne Leuten überlassen, die das besser machen. Ich will gar nicht alles und jedes können.

Bei den Johannitern stehst Du ja als „Pressestelle“ ständig in der Öffentlichkeit. Bist das Lüdenscheider Gesicht dieser Organisation. Wie kommt man als Sekretärin dazu, solch eine öffentlichkeitswirksame Funktion zu bekleiden.

Ach, das hat sich so ergeben. Irgendwann war ich einfach die Pressesprecherin. Man hat wohl gemerkt, dass ich schreiben kann. Meine Vorgesetzten haben mir das zugetraut und wenn Dir jemand so etwas zutraut, bist Du doch schon ganz anders motiviert, das dann auch umzusetzen. Sie waren der Meinung, ich sei diejenige, die die Johanniter als Organisation genau so vertritt, wie die Johanniter nun mal sind. Sehr authentisch.

Verband ist sehr groß geworden

Die Johanniter haben sich ja auch sehr gewandelt. Von „Essen auf Rädern“ zu einer der maßgeblichen Organisationen im Bereich Flüchtlingshilfe.

Spenden für die Flüchtlinge. Hier werden sie ausgepackt und sortiert. Zusammen mit Pastorin Deitenbeck und anderen Helfern.
Spenden für die Flüchtlinge. Hier werden sie ausgepackt und sortiert. Zusammen mit Pastorin Deitenbeck und anderen Helfern.

Ja, der Verband ist in den letzten Jahren sehr groß geworden und bietet der Gesellschaft ein sehr vielfältiges Angebot.

Es gibt kaum eine Zielgruppe, für die wir nicht da sein können. Es fängt bei U3- Kindern an, geht über Jugendliche bis hin zu Senioren, Menschen mit Behinderungen, Demenzerkrankten und eben Flüchtlingen.

Man wächst eben auch mit den Jahren an seinen Herausforderungen. Auch als Organisation. Ich glaube nicht, dass ich selbst vor 20 Jahren in der Lage gewesen wäre, mit hohen Politikern, Würdenträgern, Künstlern oder sonstigen besonderen Persönlichkeiten so nahbar umzugehen. Ich habe mich jetzt aber daran gewöhnt. Ich habe dadurch heute auch ein anderes, offeneres, toleranteres Menschenbild. Und nehme erst einmal jeden so, wie er ist, verurteile und werte niemanden ab.

Ich glaube, ich habe früher oft einmal ein Vorurteil gehabt und habe auch daran festgehalten. Heute bin ich viel offener anderen gegenüber, aber auch definitiv gnädiger mit mir selbst, kann auch über meine eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler lachen.

Was ist Dir wichtig?

Hier sind die Flüchtlinge gerade angekommen. Jutta in ihrer Funktion als Johanniterin.
Hier sind die Flüchtlinge gerade angekommen. Jutta in ihrer Funktion als Johanniterin.

Freunde sind mir wichtig. Familie. Meine Kollegen und das, was wir als Hilfsorganisation zusammen tun. Das bewegt mein Herz immer wieder aufs neue.

Ich bin oft ins kalte Wasser geworfen worden und musste mich frei schwimmen. Manchmal dachte ich, ich ertrinke, aber ich wurde dann auch wieder sehr gefördert z.B. von meinen Vorgestzten, habe Seminare zur Weiterbildung besuchen dürfen und gelernt, mit Situationen, die manchmal haarig sind, gelassen umzugehen.

Ein gutes Team ist mir auch sehr wichtig. Sehr. Auch privat.

Bist Du ein Idealist?

Ja, trotz vieler auch böser Erfahrungen, bin ich das. Bin es gerne. Ich gebe die Hoffnung nie auf. Ich freue mich aber auch sehr gerne, auch über kleine Dinge. Ich bin dankbar für die guten Dinge in meinem Leben, vielleicht auch deshalb, weil ich auch durch tiefe Täler gegangen bin.

Ist es nicht erstaunlich, dass die alten Ritterorden, aus denen auch die Johanniter hervorgegangen sind, heute wieder genau in der Funktion sind, für die sie eigentlich gegründet wurden? Die Malteser, die Johanniter. Diese Orden wurden ausdrücklich zum Schutz von Flüchtlingen gegründet.

Ja, das war unser Auftrag, damals vor langer Zeit im Hospital von Jerusalem, dass man den Kranken und Verwundeten hilft und den Flüchtlingen beisteht. Dass man Flüchtlinge begleitete und ihnen sicheres Geleit gewährleistete.

Ich merke für mich ganz persönlich, dass ich nach diesen zwanzig Jahren durch und durch Johanniterin bin. Unsere Leitbilder voll mittragen kann, einfach, weil das soviel mit dem Menschen zu tun hat und mit Menschenliebe. Ich versuche immer, ich selbst zu sein. Ich versuche niemandem mehr, zu gefallen. Kann „nein“ sagen, kehre Dinge nicht unter den Tisch. Denn wenn man das tut, fliegen die einem irgendwann eh voll um die Ohren.

Es ist natürlich auch gerade sehr angesagt, nichts unter den Tisch zu kehren. Bei dem Brisanzthema „Flüchtlinge“, mit dem ihr euch als Organisation an vorderster Front befasst, ist des doch enorm wichtig, klar und transparent zu sein.

Das stimmt. ich frag mich dann aber auch, wie weit wir damit kämen, irgendetwas unter den Tisch zu kehren? Wie weit kommen Menschen, die alles, was sie beschäftigt und umtreibt, unter den Tisch kehren. Ich sag mal: Genau bis unter die Tischdecke. Und irgendwann platzt dann die ganze konstruierte Blase und fliegt einem um die Ohren. Hundertfach passiert. Gerade heutzutage. Das Resultat? Vertrauensverlsut, Verlust der Glaubwürdigkeit und keine Möglichkeit mehr, Menschen positiv zu erreichen, ihnen zu helfen. Nein, wir müssen glaubwürdig sein, Vertrauen bilden, offen und transparent daher kommen. Anders können wir gar nichts bewirken.

„Komm, wir reden jetzt.“

Ich umgebe mich gerne mit Menschen, die sagen, „komm, wir reden jetzt“! Ich bin da ja auch gar nicht perfekt, wir sind alle Übende. Aber man sollte Ehrlichkeit und persönliche Glaubwürdigkeit doch als ein hoch zu schätzendes Gut betrachten und alles dafür tun, um es zu bewahren. Das bewahrt natürlich nicht vor Fehlern, aber auch die kann man wieder positiv nutzen, wenn man sie sich und anderen gegenüber eingesteht.

Warum wurden die Johanniter ausgewählt, die Flüchtlinge zu betreuen? Ihr wart ja die ersten, die damit konfrontiert wurden und die quasi über Nacht die Flüchtlinge für den Dickenberg zugewiesen bekamen. Ihr habt da ja zusammen mit THW, Ärzten und der Gemeinde Oberrahmede fast Übermenschliches geleistet und damit eine Marke gesetzt für alles, was danach kam.

Für jeden ein aufmunterntes Wort.
Für jeden ein aufmunterntes Wort.

Ich glaube, wir wurden angesprochen, weil wir einfach das nötige Gesamtpaket mitbringen. Also nicht nur die Erfahrung haben, mit besonderen menschlichen Situationen umzugehen, sondern weil unsere Leiter auch im Katastrophenschutz ausgebildet sind und solche brisanten Situationen angemessen einschätzen können.

Wir haben das Netzwerk, das Kow-How und die Ausbildung, um mit solchen Ausnahmesituationen umgehen zu können. Natürlich war das eine Riesenherausforderung. Aber wir haben es hinbekommen. Wir sind dadurch auch wieder ein Stück zusammengewachsen, haben viel gelernt. Das ist ja auch gut.

Der Märkische Kreis weiß einfach, dass wir so etwas können. Da lag es nahe, uns mit ins Boot zu nehmen.

Die Johanniter werden ja genauso wie der THW oder die Freiwillige Feuerwehr durch viele Ehrenamtliche getragen?

200 aktive Ehrenamtliche

Ja, die Einsatzleitung der „Gruppe Südwestfalen“ ist eine Gruppe Ehrenamtlicher. Das heißt, es gibt Leute, die arbeiten hauptamtlich bei uns und leiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit noch Gruppen wie die Rettungshundestaffel, die Hospiz-Arbeit, die Trauerbegleitung oder eben die „Gruppe Südwestfalen“, die sich um die Flüchtlinge mit kümmert. Wir habe im Verband weit über 200 aktive Ehrenamtliche. Ohne die ging vieles einfach nicht. Wir wären nicht, was wir sind, ohne die Ehrenamtlichen.

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Es gibt einiges zu tun am Dickenberg.

Du bist ja auch die Ehrenamtskoordinatorin bei den Johannitern.

Ich bin die erste Ansprechpartnerin für Menschen, die etwas tun möchten. Meine Aufgabe ist es, solche freiwilligen Helfer in die Gruppe zu bringen, in die sie am besten passen, also, in der sie ihre Talente und Gaben am besten einbringen können.

Ich bin dann auch immer mal wieder in den einzelnen Gruppen, halte Vorträge und höre mir auch das Feedback ganz genau an. Das, was zurückkommt von den Menschen, denen man hilft, ist immer mehr, als das, was man gibt.

Was hast Du denn am Dickenberg genau gemacht?

Vor Ort war ich nur die ersten paar Tage. Habe Pressearbeit gemacht, war das Gesicht nach außen, habe koordiniert und dann in den nächsten drei Monaten die Koordination der vielen Ehrenamtlichen übernommen. Die Hilfe ist überwältigend, es haben sich unglaublich viele Menschen gemeldet, die helfen wollen. Irgendwann kam dann aber meine eigentliche Arbeit zu kurz. Ich gestalte ja auch die Werbemittel für den „Verband Südwestfalen“, bin zuständig für die interne und exteren Kommunikation dieses riesigen Verbandes, daher war irgendwann der Punkt gekommen, dass einer der anderen Johanniter den Dickenberg und die dortige Organisation hauptamtlich übernimmt. Mit ihm bin ich aber auch jetzt noch kontinuierlich im Gespräch.

Aber es ist ja nicht nur easy, was Du da machst. Du musst ja auch den Druck aushalten und die Kritik, die von außen kommt. Bei Pressekonferenzen auch da maßgeblich den Kopf hinhalten.

localaid im Kulturhaus. Hier Michael Wirth über seine Zeit in einem jordanischen Flüchtlingslager.
Die Veranstaltung „localaid“ (www.localaid.eu) im Kulturhaus. Hier Michael Wirth über seine Zeit in einem jordanischen Flüchtlingslager.
Bei localaid als einer der Sprecherinnen im Kulturhaus.
Bei der Veranstaltung „localaid“ (www.localaid.eu) als eine der Sprecherinnen im Kulturhaus.

Ja, das geht immer solange gut, wie ich mit mir selbst im Reinen bin, nicht zu sehr unter Stress stehe und gelassen bin.

Das verbraucht schon auch Kraft und braucht Rückrad. Man kommt da öfter einmal total an seine Grenze. Ich habe ja parallel dazu in diesem Sommer zusammen mit Andreas Wolf und meinem Gospelchor „Risecorn“ auch noch diesen riesigen „Gospelday“ organisiert.

Ein Jahr vorher wusste ja niemand, dass das Thema des Gospeldays – Hunger, Armut, Sklaverei – plötzlich auch für uns und ganz nahe so eine Präsenz haben würde. Da kam eines zum anderen, alles gleichzeitig und das alles zusammen war dann doch irgendwann sehr viel und auch sehr belastend.

Hast Du etwas für Dich daraus gelernt?

Einfach mal ausspannen. Und dabei ein Interview geben...
Einfach mal ausspannen. Und dabei ein Interview geben…

Man sollte nicht zuviel auf einmal machen. Lieber hintereinander. Aber diese Situation konnte man einfach auch nicht voraussehen.

Man wächst zwar an seinen Aufgaben, aber wenn man so mittendrin steckt, dann weiß man echt manchmal nicht, was zuerst tun. Aber und das ist mir wichtig zu sagen: Im Rückblick kann ich auch diesmal wieder sagen, das ich das, was 2015 geschehen ist, also die ganze Flüchtlingssituation, der zusätzliche Gospelday und dann im Dezember noch so eine große Veranstaltung wie die der Initiative „localaid“ im Kulturhaus (www.localaid.eu), so noch vor ein paar Jahren nicht hätte durchziehen können.

So in der Öffentlchkeit zu stehen, vor den Medien, öffentlich zu reden, mich auch öffentlich oft harter Kritik auszusetzen, das hätte ich früher nicht geschafft. Das zeigt mir aber auch, wie sehr ich mich verändern durfte, wie viel sich bei mir getan hat, indem ich mich meinen Aufgaben gestellt habe. Manchmal will man ja lieber weglaufen und leicht ist vieles auch nicht. Gar nicht. Aber, wenn man auch durch die harten Zeiten hindurchgeht und bereit ist, Neues zuzulassen, dann ist man später gewappnet für solche Ausnahmesituationen, wie sie dann im letzten Halbjahr 2015 auf uns alle zugekommen sind. Und das ist dann auch ein schönes Gefühl.

Das hat Dich gepackt, das Thema Flüchtlinge, oder?

Flüchtlingsmädchen.
Flüchtlingsmädchen.

Ja, das hat mich gepackt. Diese Menschen aus dem Bus steigen zu sehen. Einen kleinen Jungen, der eine Stunde lang nur dasteht und mit großen Augen um sich herum schaut, die Eltern daneben, mit einer einzigen Plastiktüte in der Hand, in der sich ihre ganze Habe befindet. Ein Mädchen zu sehen, die nicht spricht, nicht lacht, ein Kind, das mich wirklich erschütterte.

Und das zusammen mit den anderen Kindern dort völlig verschüchtert nachmittags um einen Tisch saß, Kinder, die uns anschauten mit Entsetzen in den Augen, nicht wissend, was wir jetzt mit ihnen machen würden. Und die dann aus einem Sack voller Spielzeug jeder für sich etwas aussuchen durften und so nach kurzer Zeit, alle zusammen da um den Tisch herum saßen und spielten. Einer mit Autos, die andere mit einem Stofftier.

Ich habe mit diesem besagten Mädchen begonnen, einen Klötzchenturm zu bauen. Sie war so scheu und ich dachte immer nur, was muss sie erlebt haben, um so traumatisiert, traurig und verstört zu sein. Aber irgendwann schaute sie mich an und nahm so ein kleines Stofftier vom Tisch und kuschelte so an mir herum und gab mir ein anderes Stofftier und gab mir zu verstehen, dass diese beiden Tiere sich einander umarmen sollten. Da wusste ich, dass es für mich leicht sein wird, für diese Menschen da zu sein. Da hat es mich gepackt.

Diese Flüchtlinge haben mich so beeindruckt. Denn das war Tag eins. Am zweiten Tag kamen sie schon auf mich zu und umarmten mich, am dritten Tag konnten sie schon „Danke“ sagen und „Hallo“. Das war einfach unglaublich schön. Gleichzeitig mussten wir ja sehr, sehr viel strukturieren und schauen, wie wir mit diesen fremden Menschen umgehen. Es gab erst nur Feldbetten und wir waren so froh, als die richtigen Betten kamen.

Ich habe in dieser ersten Zeit jeden Abend in meiner schönen Wohnung gesessen und war einfach nur unfassbar dankbar, dass wir keinen Krieg haben, dass wir nicht auf der Flucht sind. So dankbar.

Ja, das war ich auch, nachdem ich euch besuchen durfte. Allein die Sicherheit, in der wir hier leben dürfen

Spontanes Ballspiel. Man spricht zwar nicht die gleiche Sprache, versteht sich aber doch.
Spontanes Ballspiel. Man spricht zwar nicht die gleiche Sprache, versteht sich aber doch.

Und die Freiheit, tun zu können, wonach einem ist, hingehen zu können, wohin man will, glauben zu dürfen was man will. Das habe ich nach den Begegnungen mit den Flüchtlingen und ihren Schicksalen alles noch einmal mit ganz neuen Augen gesehen.

Gerade die erste Gruppe am Dickenberg war ja völlig traumatisiert.

Ich habe mit einem jungen Mann gesprochen, dem es sichtlich schlecht ging, ob er über seine Erlebnisse sprechen möchte. Er verneinte und sagte mir, das könne er noch lange nicht. Unmöglich.

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Ihr Job ist eben auch Herzenssache. Nicht nur ihre Karten.

Aber sie müssen es ja, wenn sie als Asylanten anerkannt werden möchten, dann müssen sie ja darüber sprechen.

Ja, genau, dann müssen sie. Aber zu dem Zeitpunkt konnte dieser junge Mann das noch nicht. Ein ganz besonderer Mensch, der perfekt Deutsch und Englisch sprach. In dieser ersten Gruppe waren überhaupt ganz viele hochgebildete Menschen, die so gar nicht dem Klischee entsprachen, das man sich jetzt gerne in der Öffentlichkeit von den Flüchtlingen macht. Hochgebildete Männer und Frauen übrigens.

Wenn wir Fragen bekommen, „wie sind diese fremden Menschen denn?“, dann kann ich immer nur antworten: Wie sind wir Deutschen denn? Es gibt ganz sympathische, tolle und gebildete Menschen unter uns, und dann eben auch die nicht ganz so sympathischen, nicht so gebildeten und auch nicht so tollen Menschen. Es gibt gute, weniger gute und auch wirklich böse Deutsche. Und das ist in anderen Nationen eben auch so. Bei den Menschen, die ich in diesen ersten Gruppen kennengelernt habe, hatte ich nicht die geringsten Bedenken, ihnen zu vertrauen. Im Gegenteil. Viele von ihnen haben sich vom ersten Tag an Gedanken darüber gemacht, wie sie uns so schnell wie möglich etwas zurück geben können, sind dankbar und wollen zu unserer Gesellschaft unbedingt etwas sehr positives beisteuern.

Aus Liebe zum Leben . . .

Mit Jutta Beißner kann man stundenlang reden. Sie strahlt soviel Menschlichkeit und Wärme aus, hat schon soviel erlebt und gesehen und ist immer bereit, erst einmal jeden so anzunehmen, wie er ist. Zum Abschluss unseres Gespräches erklärt sie mir noch, dass sie alle als Johanniter ihre Einrichtung unter dem einen Motto führen. Dieses Motto lautet: „Aus Liebe zum Leben“. Ob sie mit alten Menschen arbeiten, mit Kindern, mit Behinderten oder Flüchtlingen, jedes Leben sei es wert, geschützt zu werden. Und ohne diese Liebe zu den Menschen und dem Leben, könnte man solch eine Arbeit gar nicht machen. Zum Schluss sagt sie noch einen speziellen Satz, der bei mir besonders hängen bleibt: „Ein Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen und öffnet so manche Herzenstür“. Recht hat sie.

Wer sich für ein Ehrenamt oder einen festen Job bei den Johannitern interessiert: http://www.johanniter.de/die-johanniter/

 

 

 

 

 

 

 

 

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