Julia Späinghaus, Sängerin und eines der jungen, erfolgreichen Talente aus Lüdenscheid. Hier zusammen mit Axel Reichard, dem Pianisten der Formation IJazz. Foto: Kannenberg

Lüdenscheid. Ich treffe mich mit Julia Späinghaus in einem Café in der Lüdenscheider Innenstadt. Ich kenne sie schon relativ lange, sie ist mir das erste Mal bei einem Living Gospel-Konzert aufgefallen. Living Gospel ist ein 80-köpfiger Gospelchor aus Schalksmühle, der mittlerweile weit über die Grenzen von Lüdenscheid und Umgebung hinaus bekannt ist, mehrere CDs produziert hat und auch schon im Fernsehen aufgetreten ist.

Erst stand sie noch irgendwo hinten zwischen den anderen Sängern, dann recht bald vorn, oft als Solostimme. Sang zusammen beim CD-Release des „Hymnenprojekts“ mit Größen wie Yasmina Hunzinger, die im letzten Jahr beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest im Schweizer Fernsehen Zweite geworden ist.

Julia beim CD-Release des Hymnenprojektes. Mit Chor und Yasmina.
Julia beim CD-Release des Hymnenprojektes. Mit Chor und Yasmina.

Als ich Hans Werner Scharnowski, den Leiter des Chores, nach Julia Späinghaus frage, natürlich heimlich und hinter ihrem Rücken, sagt er über sie: „Sie bereichert seit vielen Jahren meinen Gospelchor im Sopran und als Solistin. Ich liebe ihre fröhliche, unkomplizierte Art und den Soul in ihrer Stimme!!“

Zwischendurch waren wir mal Kolleginnen, sie in der Ausbildung, ich im Marketing der gleichen Firma. Wir trafen uns auch regelmäßig beim „Open Stage“ im „Lönneberga“. Julia fällt auf, sie hat eine gewaltige Stimme, ist groß und sehr apart. Betritt sie einen Raum, richten sich alle Augen auf sie. Viele hier in Lüdenscheid kennen sie von diversen Auftritten, mit Chor, Bands und auch als Solo-Künstlerin. Auch eine der interessanten jungen Leute, von denen Lüdenscheid anscheinend viele zu bieten hat. Die es verdienen, dass man über sie berichtet, sie fördert und ihnen zuhört.

Ja, Soul, den hat sie im Blut! Jetzt sitzt sie mir gegenüber, völlig entspannt. Wir beide haben auch schon mal gemeinsam ein Mikrofon geteilt haben und hatten dabei Spaß. Beim „Open Stage“ mit Tlako Mokgadi, wo wir zu dritt ein „Adele“-Lied zum Besten gaben und während des Singens feststellten, dass jeder eine andere Strophe sang. DAS WAR MAL KREATIV. Und wirklich lustig. Und sie hatte schon da keinerlei Bedenken, sich mit mir Anfänger abzugeben und mich auch noch zu loben, obwohl ich eigentlich erst einmal alles falsch gemacht hatte. Man fühlt sich bei ihr sofort ganz sicher. Darf Fehler machen. Sehr wohltuend.

Jetzt bin ich aber erst mal neugierig, mehr über sie zu erfahren.

Julia, ich habe gerade gesehen, dass Du am 24.12. Geburtstag hast. Also ein richtiges Christkind!

Ja, schon seit mittlerweile 29 Jahren! (lacht)

Ihre große Leidenschaft: Living Gosple aus Schalksmühle
Ihre große Leidenschaft: Der „Living Gospel“-Chor aus Schalksmühle

Wir kennen uns schon länger, haben uns damals über eine gemeinsame Freundin kennengelernt, die auch bei Living Gospel singt. Du hast mich dann später einfach angesprochen. Dafür bin ich heute noch dankbar. Du singst schon ganz schön lange oder? Bist ein alter Hase in der Szene…

Ja, ich singe bereits seit 15 Jahren. Ich habe mit 14 Jahren angefangen. Gesungen habe ich eigentlich schon immer, aber mit 14 habe ich eine klassische Gesangs-Ausbildung begonnen und habe dann bei meiner damaligen Gesangslehrerin in Halver Operette, Oper und Musical gesungen. Dabei habe ich bald gemerkt, dass klassische Musik begrenzt ist und auch nicht zu meinem wirklich leidenschaftlichen Wirkungskreis gehörte . Ich habe da aber natürlich viel gelernt, vor allem Grundlagen des Gesanges, auf die ich auch heute noch zurückgreifen kann. Mit 18 Jahren habe ich dann den Gospelchor in Schalksmühle kennengelernt. Dort bin ich nun – mit einer zweijährigen Unterbrechung durch ein Studium – schon seit 10 Jahren dabei.

Du bist ja ein schlaues Mädchen. Hast Abi gemacht, ein Studium angefangen und eine Ausbildung abgeschlossen. Dabei hat sich die Musik immer wie ein roter Faden durch dein Leben gezogen.

Ja, ich habe irgendwann entschieden, dass ich einen Job haben möchte, den ich ganz gewissenhaft mache, der mir aber auch die Möglichkeit lässt, mich musikalisch weiterzuentwickeln. Direkt als Profimusikerin zu arbeiten, dafür hat mir der Mut gefehlt. Ich wollte eine fundierte Ausbildung in einem Bereich, der mich auch finanziell durchbringt, falls das mit der Musik nicht richtig klappen sollte. Da baue ich zwar auf Sicherheit, aber dadurch bin ich in der Lage, meine Musik, die für mich das A und O ist, weiter gezielt voranzutreiben.

Das kann ich nachvollziehen. Es ist sicher auch besonders für unsere jungen Leser hier, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen, ein wertvoller Rat. Aber Du hast ja trotz Deines Full-Time Jobs auch schon an sehr anspruchsvollen musikalischen Projekten teilgenommen, wie z.B. dem „Hymnenprojekt“, das als CD erschienen und richtig erfolgreich ist.

Ja, viele aus dem Chor machen da mit, obwohl das „Hymnenprojekt“ ein ganz eigenständiges Projekt ist, das sich aus einer Idee von Hans Werner Scharnowski und Christian Schnarr heraus eigenständig und mit einer eigenen Dynamik entwickelt hat. Der Gospelchor an sich steht für mich aber an allererster Stelle, es ist eine sehr anspruchsvolle Art der Musik. Der Chor wird ja auch von Hans Werner Scharnowski geleitet. Er ist für mich ein Vorbild und hat mich nachhaltig geprägt. Er ist halt unser Chor-Papa und jemand, der uns alle immer wieder musikalisch und menschlich, in positivem Sinne, herausfordert.

Julia und der Chor bei einem Auftritt in Wuppertal.
Julia und der Chor bei einem Auftritt in Wuppertal.

Würdest Du sagen, es ist einfacher im Chor zu singen oder als Solokünstlerin zu arbeiten, wie Du es ja auch tust.

Also, ich genieße das sehr, mit vielen Sängern zusammen zu singen. Ich weiß nicht, ob es einfacher ist. Es ist natürlich nicht schlimm, wenn man mal einen Ton nicht trifft. Aber im Chor zu singen ist trotzdem sehr anspruchsvoll und für einen Sänger ganz sicher wichtig. Weil es hier darum geht, gemeinsam etwas zu erarbeiten, sich zurückzunehmen und dann wieder alles zugeben, ohne dabei dominant in den Vordergrund zu treten. Die Stimme wird zudem auf eine besondere Weise trainiert. Nein, als einfacher würde ich es nicht bezeichnen, obwohl mehr Überwindung dazu gehört, sich ganz allein den kritischen Blicken des Publikums auszusetzen.

Wann hast Du Dich denn das erste Mal dem Publikum ganz alleine gestellt.

Oh, da war ich noch ganz jung. Da habe ich „On my own“ aus „Les Misérables“ gesungen. Mit der ersten Gesangslehrerin bei Schülerkonzerten. Das war echt spannend.

Wie ist das heute für Dich? Bist Du jedes Mal wieder neu aufgeregt oder sagst Du jetzt eher: „Gib mir das Mikro, ich stell mich egal wohin und singe!“

Auch im Duo erfolgreich: Julis und der Sänger Björn Bergs.
Auch im Duo erfolgreich: Julis und der Sänger Björn Bergs.

Früher war das vor einem Auftritt bei mir so einen Mischung aus Aufregung und persönlichem Perfektionismus. Ich habe mich immer selbst total fertig gemacht, wenn mal ein Ton daneben ging oder ich den Text vergessen habe. Ich war wirklich total aufgeregt und konnte nicht abrufen, was ich gelernt hatte. Da kommst Du schon ins Schleudern. Aber die Musik war mir einfach zu wichtig. Also bin ich drangeblieben. Dann kam irgendwann der Punkt, da war ich darüber hinweg. Ich konnte diesen schlimmen Druck überwinden und hatte die Freiheit, mich auf der Bühne wirklich mitzuteilen. Ich denke, dass man mit dem Gesang, dem Zuhörer etwas von sich selbst gibt. Das ist mir wirklich sehr, sehr wichtig. Und wenn ich merke, dass dieser Funke überspringt, dann ist das genau das, weswegen ich Musik mache. Und dann ist auch alle Aufregung Geschichte.

Also möchtest Du Menschen berühren, Du machst das nicht, um Ruhm und Ehre zu erlangen, sondern um dem Zuschauer etwas zu geben.

Ja, ich drücke mich über die Musik aus. Ich kann meine Sorgen, aber auch meine Freude über die Musik verarbeiten und ausdrücken, mit anderen teilen, sie bewegen, vielleicht auch etwas Gutes bewirken. Das ist meine erste Intention. Ruhm und Ehre? Nein.

Denkst Du, dass es einen Unterschied macht, ob man dies mit einem Instrument tut oder mit dem Gesang? Wo ist der Unterschied?

Gesang ist direkter, Du musst etwas von Dir zeigen, Deine Seele dem Publikum öffnen. Ein Stück weit Dein Innerstes nach Außen kehren. Nicht zurückhalten. Bei einem Instrument kann man sich immer noch an etwas festhalten, es ist wie eine Schutzmauer. Beim Gesang fällt das weg. Das bist Du, niemand anderer, ganz unplugged.

Ich habe bei Dir oft das Gefühl, dass Du Themen ganz tief durchdenkst, auf eine Menge Lebenserfahrung zurückblickst, obwohl Du ja noch recht jung bist.

Ja, ich habe schon ein bewegtes Leben geführt. Dafür bin ich dankbar. Für alles, auch für die schlechten Sachen.

Welche Musik ist Dir wichtig?

Ich mag echte Musik, d.h., dass ich dem Interpreten das abnehme, was er singt. Dass es mich berührt. Die Musikrichtung ist dabei nicht so wichtig. Ich höre nicht so sehr die Charts sondern eher Musik außerhalb des Mainstream. Wer mich wirklich inspiriert und auch mein Vorbild ist, ist eine junge Sängerin, nämlich Joss Stone. Sie hat eine außergewöhnliche Stimme. Ist unangepasst. Das gefällt mir. Überhaupt höre ich viel Musik der älteren Generation, feiere die Jazzmusik, liebe Blues und Gospel.

Du bist ja selbst sehr vielseitig aufgestellt. Hast alles drauf, vom Gospel über Jazz, Pop, rockige Sachen. Und auch im Chor singst Du zwar Sopran, aber auch mal sehr gern die Altstimme. Kein Problem für Dich.

Ich möchte meinen eigenen Style in die Musik mit einbringen. So habe ich jetzt mit einem Gitarristen ein Projekt, bei dem wir uns Chart-Lieder vornehmen, die eigentlich nicht viel können und sie auf unsere eigene Art interpretieren, ihnen Gehalt geben. Ein Projekt, das noch in den Kinderschuhen steckt und ausbaufähig ist. Dabei hilft mir meine Stimme, die tatsächlich breit gefächert ist und vieles bewältigt. Das ist ein großer Vorteil.

Julia beim "Open Stage" im Lönneberga.
Julia beim „Open Stage“ im Lönneberga.

Du hast ja auch ein breites Repertoire, mit dem Du auftrittst. Ich habe das Gefühl, Du gehst ständig hinein in neue Herausforderungen. Ohne Angst?

Ich möchte mich einfach immer weiterentwickeln. Wissen, was mir wichtig ist. Auch wissen, was ich nicht mag. Einfach an den gemachten Erfahrungen wachsen. Alles was passiert, hat meiner Meinung nach einen Grund und eine Wirkung. Wenn man dem positiv gegenübersteht, kann man alles, was einem geschieht, nutzen, um daraus zu lernen und sich persönlich weiterzuentwickeln.

Was sind im Moment Deine musikalischen Projekte?

Der Gospel-Chor natürlich. Zudem singe ich in einer italienischen Coverband mit Angelo de la Ferra. Ich trete in verschiedenen Jazz-Formationen auf, ganz oft mit dem Bassisten Max Jalaly oder auch mit Erkan Besirlioglu. Angelo kenne ich wiederum über Erkan. Das sind alles bekannte Musiker aus der Lüdenscheider Musikszene. Ich singe zudem viel auf Hochzeiten mit verschiedenen Pianisten (oft mit Olaf Westmeier). zusammen. Oder mache Musik mit Axel Reichard von IJazz und mit dem Sänger Björn Bergs, den ich vom Gospelchor her kenne.

Wie bekommst Du das alles mit einem Vollzeitjob hin?

Das weiß ich auch nicht. (lacht) Aber es ist ja auch meistens nicht alles gleichzeitig, sondern saisonal geprägt. Im November / Dezember dominiert die Chorarbeit, die Hochzeiten sind hauptsächlich im Sommer. Die Arbeit mit Angelo auch. Die anderen Aktivitäten verteilen sich relativ gleichmäßig übers Jahr.

Schreibst Du auch selbst Musik?

(Sie zögert) Jaaaa, aber die hab ich bisher noch nie so richtig ausgepackt.

Kannst Du auch Noten lesen? Könntest Du auch Unterricht geben?

Ja, das könnte ich. Ich wäre dazu in der Lage und ich hätte auch Lust dazu. Ich will jetzt erst einmal mit einem ersten Workshop für Frauen anfangen. Wann und wo der ist, werde ich noch bekannt geben, aber wahrscheinlich bei Karolina in ihrem Café. Ich kann die Techniken vermitteln, kenne alle Grundlagen. Das sollte man schon können nach 15 Jahren Musik. Und anderen etwas beizubringen macht mir einfach Spaß.

Was würdest Du Leuten raten, die zwar das Talent haben, aber sich nicht auf die Bühne trauen?

Solo geht auch ...
Solo geht auch …

Du musst einfach machen, machen, machen. In dem Fall macht tatsächlich Übung den Meister. Je öfter Du auf die Bühne gehst, Dich überwindest, einfach singst, egal, wie es sich in dem Moment anhört, desto mehr Routine bekommst Du, desto weniger Angst hast Du. So ging es mir auch. Ich hab oft mit anderen gejammt, habe mir einfach spontan Texte ausgedacht zu Melodien, die ein Gitarrist gespielt hat, das macht großen Spaß und bringt Professionalität. Einfach mal machen. Hab Mut und sei Du selbst. Hab keine Angst vor Kritik.

Was macht Dich glücklich?

Ich bin sehr froh, zur Lüdenscheider Musikszene zu gehören. Ich finde die gerade jetzt total spannend. Hier ist im Moment so viel Bewegung drin, es macht Spaß, Teil davon zu sein. Und ich habe Spaß daran, andere zu fördern und ihnen auf den Weg zu helfen. Das macht mich glücklich.

Ein gutes Wort zum Schluss. Ich bin auch sehr froh, dass Julia Teil der Lüdenscheider Musikszene ist. Sie hat jetzt schon ihre feste Fanbase und viele Menschen, die an sie und ihr Talent glauben. Und ich bin sehr gespannt darauf, mehr von ihr zu hören.

 

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