Ein aussergewöhnlicher Künstler und Mensch: Der Fotograf Dirk Vogel. Foto: Iris Kannenberg

Lüdenscheid/Altena. Ja, wer ist Dirk Vogel eigentlich? Eine gute Frage. Er ist erst einmal ein sehr bekannter Fotograf aus Lüdenscheid und Altena. Dirk hat schon mehrere Bücher herausgebracht und kennt solche berühmten Menschen wie Marcel Reich-Ranicki, Wladimir Kaminer oder Wolf Biermann persönlich. Um nur einige wenige zu nennen. Er fotografiert viel in schwarz/weiß mit analogen Kameras und er ist jemand, der regelmäßig für die Firma ERCO durch Europa jettet. Architektur fotografiert. Und Licht. Immer wieder Licht und dessen Wirkung auf Menschen, Dinge und das Leben an sich. Er ist sehr vielseitig. Und sehr talentiert. Mit vielen Ausstellung seiner Werke überall in Deutschland. Spannend.

Ich treffe mich mit ihm bei Karolina´s zum Interview. Wir kennen uns noch gar nicht richtig. Wieder einmal ein „Blind Date“. Diesmal arrangiert von Christina Appelt. Sie findet ihn super. Ich bin erst einmal neugierig.

Er sitzt vor seinem Kaffee auf Karolinas Bank und sieht irgendwie gemütlich aus. Ich quetsche mich auf den Stuhl daneben, bestelle etwas und habe nach einem echt stressigen Tag jetzt hier neben Dirk auf einmal ein gutes, entspanntes Gefühl. Von ihm gehen unsichtbare Wellen der Ruhe und der Ausgeglichenheit aus, versetzen mich in einen „Chill“-Modus, der von mir aus ein paar Jahre anhalten könnte. So eine Ausstrahlung muss Hermann Hesses „Siddartha“ unter seinem Baum gehabt haben und zwar NACH seiner Erleuchtung.

Dirk bei der Arbeit.
Dirk bei der Arbeit. Foto: Dirk Vogel

Ich will jetzt mehr wissen von ihm, jemand der so gelassen daher kommt, hat wahrscheinlich schon einiges erlebt, für sich positiv verarbeitet und dabei ein gewisses Maß an Weisheit erlangt. Nett scheint er ja auch noch zu sein. Ich baue all meine Sachen um mich herum auf, Laptop, Kamera, Aufnahmegerät und sehe sofort, dass er überhaupt nicht beeindruckt ist. Kennt er alles wie seine eigene Westentasche. Wir fangen am besten direkt an, bevor er sich anfängt zu langweilen. Der Kaffee kann erst einmal warten.

Dirk, ich weiß noch nicht viel von Dir, außer, dass Du z.B. auch länger als Pressefotograf unterwegs warst, Ausstellungen machst und bereits mehrere Bücher publiziert hast. Wo genau positionierst Du Dich als Fotograf? Bist Du eher der Künstler oder eher Pressefotograf und immer auf der Suche nach der neuesten Story? Oder bist Du beides und nimmst es so, wie es gerade kommt?

Also, mit der Pressefotografie habe ich eigentlich abgeschlossen. Das habe ich für die „Westfälische Rundschau“ schon während meiner Schulzeit gemacht und dann insgesamt fast 12 Jahre lang. Hatte da aber immer weniger Lust drauf, weil diese Art des Journalismus mit der Zeit immer flacher und inhaltsloser wurde. Daher habe ich mit Pressefotografie eigentlich nichts mehr zu tun.

Spiel mit Licht und Schatten.
Spiel mit Licht und Schatten. Foto: Dirk Vogel

Ich mache wohl Auftragsfotografie, z.B. für die Firma ERCO in Lüdenscheid, oder Architekten und Designer, für die ich ihre Projekte dokumentiere. Im letzten Jahr haben mich diese Architektur- und Reportageaufträge nach Mailand, Paris, Dublin, Belfast, Prag und Bratislava sowie quer durch ganz Deutschland geführt, vom Emden bis München. Und dabei werden auch zum Glück künstlerische Bilder von mir erwartet. Diese Fotos sind digital und in Farbe.

Dazu kommen dann meine eigenen Themen, die ich mir selbst aussuche und die ich immer analog fotografiere, hauptsächlich schwarz/weiß. Ich habe zwei Bildbände publiziert in Deutschland, einer heißt „Augenblicke – Porträts von Juden in Deutschland“, der andere „Gesichter der friedlichen Revolution“ zeigt 63 ehemalige DDR Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen, die ich 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer portraitiert habe.

Wie bist Du auf das Thema „Porträts von Juden in Deutschland“ gekommen. Ist ja nach wie vor in Deutschland kein einfaches.

Das hat eigentlich schon vor 20 Jahren angefangen, während meines Fotodesign-Studiums in Dortmund. Eine zentrale Aufgabe während des Studiums war es, eine Reportage, über ein Kulturzentrum oder Museum zu machen, im nichtdeutschsprachigen europäischen Ausland. Und da ich gerade etwas über Sinti fotografiert hatte, die dann nach Auschwitz fuhren, weil da ein Gedenktag zur Sinti- und Roma-Vernichtung war, hab ich mir gesagt, ok, Auschwitz ist ein Museum und zwar das wahrscheinlich flächenmäßig größte Museum in Europa. Also bin ich mit denen nach Auschwitz gefahren.

Dort habe ich eine Woche lang fotografiert und war ganz in diesem Sinti-Thema drin. Erst am letzten Abend habe ich dort deutsche Juden getroffen. Und da hat es bei mir „KLICK“ im Kopf gemacht: „Seltsam, Du musst nach Auschwitz fahren um deutsche Juden zu treffen? In Deutschland kennst Du tatsächlich keinen einzigen. Warum nicht, wo in sind Juden bei uns zu finden? Also, fang doch mal an, Dich auch fotografisch darum zu kümmern.“

Traditionsreicher Jüdischer Glaube, praktiziert und gelebt heute.
Traditionsreicher Jüdischer Glaube, praktiziert und gelebt heute. Foto: Dirk Vogel

Die Idee war dann, erst einmal eine kleinere Reportage darüber zu machen, also Geschichten aus dem jüdischen Alltag hier in Deutschland. Das ist aber zunächst daran gescheitert, dass ich keine Leute kannte. Ich bin dann 1995 nach Köln gefahren, da wurde zum ersten Mal nach 1945 öffentlich ein Chanukka-Leuchter entzündet (Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.) nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand der Juden Judäas gegen hellenisierte Juden. Chanukka wird etwas früher gefeiert als das christliche Weihnachten und ist eines der wichtigsten jüdischen Feste im Jahr. Die Red.).

Dort habe ich Fotos gemacht und auf diesem Wege George Pusenkoff kennengelernt, einen sehr erfolgreichen jüdischen Künstler. Ich habe mich mit ihm angefreundet. Er kommt aus Moskau und kam in den 90-er Jahren nach Deutschland. Er hat mir Mut gemacht, dieses Thema weiter zu verfolgen. Hat mich motiviert, indem er sagt, dass es wichtig sei, jüdisches Leben in Deutschland zu fotografieren, da es keine aktuellen Bilder davon gäbe.

Jüdisches Leben in Deutschland - gibt es das? Ja, vielfältig und interessant.
Jüdisches Leben in Deutschland – gibt es das? Ja, vielfältig und interessant. Foto: Dirk Vogel

Ich habe dann ihn portraitiert und ein Jahr später dann das Pessach-Seder in seiner Familie fotografieren können (Pessach feiert den Auszug der Israeliten aus Ägypten und wird immer ungefähr zu der Zeit gefeiert, wenn bei den Christen Ostern gefeiert wird. Von der Bedeutung her ähnlich wichtig, wie das Osterfest, nur natürlich ein paar 1000 Jahre älter. Die Red.) Ich bin also über die Porträtfotografie an die Lebens-Geschichten der Porträtierten drangekommen.

Hast Du das weiterverfolgt?

Ja, habe ich, in Berlin, Dortmund, Selm, Gelsenkirchen, Köln, Dorsten. Durch meine Diplomarbeit hatte ich ja dann ein großes Netzwerk an Kontakten zum Jüdischen Leben in Deutschland.

Warst Du auch in Israel?

Nein, das interessiert mich erst mal gar nicht. Mich interessiert das jüdische Leben hier. Vor Ort. Ich bin ein deutscher Fotograf, der sich hier seine Themen sucht. In dem Fall habe ich mein Diplom mit 58 Portraits von deutschen Juden gemacht und habe dann danach auch noch weiter nach Kontakten gesucht. 1999 war mein Diplom mit Ausstellung in der „Städtischen Galerie Iserlohn“. Mein Colloquium war da und die Professoren sind dann auch dorthin gekommen. Das zu machen war ein absoluter Glücksfall, da Iserlohn durch die Verbindungen zu Magnum (berühmteste internationale Fotoagentur) ja quasi ein Zentrum für bedeutende Fotoausstellung ist. Zu meiner Ausstellung waren am Eröffnungsabend dann auch über 100 Besucher da, unter anderem die Pressesprecher von LEICA und von ERCO. Einen besseren Rahmen kann man sich als Newcomer wirklich nicht wünschen. Das war schon toll.

Ralph Giordano  Schriftsteller, Publizist, Regisseur. Porträtiert von Dirk Vogel.
Ralph Giordano Schriftsteller, Publizist, Regisseur. Porträtiert von Dirk Vogel. Foto: Dirk Vogel

Ich habe dann immer weiter gemacht mit den jüdischen Porträts, bin am Thema drangeblieben und habe 2002 einen Verlag gefunden, der mein Buch verlegen wollte. Ich habe dann noch einmal ganz gezielt fotografiert und habe dann auch so Leute wie Marcel Reich-Ranicki, Ralph Giordano oder Wladimir Kaminer vor die Kamera bekommen. Die hatten Zeit, als sie wussten, dass da ein Verlag dahintersteckt. 2003 kam dann das Buch mit 75 Portraits auf den Markt.

Da bin ich erst mal echt platt. Marcel Reich-Ranicki vor die Kamera zu bekommen, das ist schon etwas Besonderes. Hast Du auch Kontakte direkt in die Kultusgemeinden hinein bekommen?

Ja, hauptsächlich nach Berlin und Dortmund. Mit dem Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten hat sich eine sehr gute Zusammenarbeit entwickelt. 2004 habe die eine große Werkschau mit mir gemacht: 50 Portraits und 25 Reportage-Fotos aus dem jüdischen Leben der Gegenwart.

Ich finde es echt wichtig, dass Du dieses Thema so aufbereitest, weil dieses Thema immer noch nicht richtig im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung angekommen ist.

Den ehemaligen Bürgerrechtlern ein Gesicht geben. Das zweite Buch von Dirk.
Den ehemaligen Bürgerrechtlern ein Gesicht geben. Das zweite Buch von Dirk. Foto: Dirk Vogel

Obwohl das jüdische Leben ja mittlerweile eine richtige Blüte erfahren hat. Umso unverständlicher.

Ich schaue mir Dirks Bildband an. Sehr schöne schwarz/weiß Bilder von beeindruckenden Menschen. Feinfühlige Texte, nie voyeuristisch sondern immer in einem geschützten, liebevollen Rahmen. Man merkt dem Buch an, dass Herzblut darin steckt, dass Dirk hier viel Zeit, Emotionen, Arbeit hineingesteckt hat. Bei manchen Bildern kommen mir glatt die Tränen, so sehr rühren sie mich an. Dieses Buch sollte jeder einmal zur Hand nehmen, der etwas über Juden in Deutschland wissen möchte. Kaum bin ich gefühlstechnisch wieder im Lot, hält er mir das nächste Buch hin, mit einem ähnlich brisanten Thema. Diesmal geht’s um ehemalige Bürgerrechtler in der DDR. Auch hier schwarz/weiß Fotografie. Fast das erste Bild, das ich aufschlage, zeigt Wolf Biermann. Ich muss schlucken. Welche Leute hat Dirk denn da vor der Kamera? Die deutsche Geschichte seit 1933 in allen Facetten dokumentiert und festgemacht anhand von Porträts realer Menschen. Hier schauen mich Augen an, die durchleben mussten, was wir im Schulunterricht gelernt haben. Wolf Biermann und das ganze Drama seiner Ausreise habe ich als Kind ganz real mitbekommen. Seine Beziehung zu Eva Hagen. Und seine Stieftochter Nina, die dann ebenfalls berühmt wurde.

Ganz schön viel zu verarbeiten. Erst die jüdische Geschichte und jetzt das.

Ja, stimmt schon irgendwie. Dieses Buch ist 2011 erschienen und in Berlin im ehemaligen Stasi-Knast mit Ausstellungseröffnung und Präsentation vorgestellt worden, von Roland Jahn, an seinem zweiten Arbeitstag als Staatsunterlagenbeauftragter. Ich wollte in dem Buch nicht nur bekannte Leute zeigen, sondern auch solche, die man nicht kennt. Das war mir wichtig.

Da kann ich nur zustimmen. Es ist wirklich wichtig, dass man gerade denen ein Gesicht gibt. Beide Themen, die Du da verarbeitet hast, sind ja nicht einfach, sondern sehr brisant. Werden kontrovers diskutiert, sind auch noch angstbesetzt.

Für mich war das ein sogenannter „Lackmustest“. Wie tickt denn eigentlich unsere Gesellschaft? Wie reagiert sie auf solche unbequemen Themen. Das Eis ist dünn, auf dem man dann geht. Bei beiden Themen echauffieren sich Menschen in einer Weise, die mich teilweise wirklich schockt. Da werden alte Vorurteile gegenüber Juden wieder hervorgekramt oder Bürgerrechtler als Verräter beschimpft. Man wundert sich wirklich, wie tief das bei manchen noch drin sitzt, und wie fest verankert Vorurteile noch in der Gesellschaft sind.

Ausstellung seiner Bilder in der Zionskirche in Berlin.
Ausstellung seiner Bilder in der Zionskirche in Berlin. Foto: Dirk Vogel

Ich möchte noch ein zweites Buch zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland“ mit diesen Reportagefotos, den kleinen Geschichten aus dem Alltag und von Feiertagen machen. Dann hätte ich dieses Thema für mich abgeschlossen. Vielleicht klappt das ja zusammen mit dem Jüdischen Museum in Dorsten. Meine Texte schreibe ich dabei nicht selber, sondern sie werden von richtigen Autoren geschrieben. Bei dem Buch von den Bürgerrechtlern habe ich zusammen mit den Herausgebern von der Robert-Havemann-Gesellschaft beschlossen, dass wenn ich als Wessi die Fotos mache, sollen die Texte von Autoren aus dem Osten geschrieben werden.

Dirk haut mir eine Liste berühmter Autoren um die Ohren, die für seine Bücher geschrieben haben. Mir wird etwas schwindelig und ich beschließe, auf jeden Fall, jedes seiner Bücher, noch einmal ganz privat und ganz für mich allein in Ruhe durch zu forsten und mich auf die Suche zu machen nach all den literarischen und fotografischen Schätzen, die darin verborgen sind.

Du hast eine ganz besondere Beziehung zu Berlin, oder?

Ja, 2014 war ich allein acht Mal in Berlin. Das hat sich so ergeben. Durch die Bücher und auch mein Interesse für die Stadt. Ich kenne da einfach mittlerweile sehr viele Menschen, fühle mich wohl dort. Ist irgendwie meine Stadt. Ich hatte auch 2014 relativ viele Ausstellungen in Berlin. Zum Beispiel in der Konrad-Adenauer Stiftung und in der Zionskirche. Daraus hat sich dann wieder eine weitere Ausstellung bei der evangelischen Kirche, ergeben und bei einem politisch engagierten Rechtsanwalt. Außerdem fotografiere ich auch immer wieder in den Straßen Berlins. Zusammen mit der Dichterin Esther Dischereit, die ich für meine Jüdischen Portraits fotografiert habe, möchte ich auch daraus gerne ein Buch machen. Fotos und Gedichte aus diesem Projekt konnten wir schon in einem kanadischen Literaturmagazin veröffentlichen. Und dann fotografiere ich ja auch noch eine Serie über Altena und, und, und…

Seine LEICA´s. Die gehen überall mit hin.
Seine LEICA´s. Die gehen überall mit hin. Foto: Dirk Vogel

Wir reden noch lange. Davon, dass er so gerne analog fotografiert. Am liebsten mit LEICA, der Kultkamera schlechthin. Zeigt mir eines seiner „Babys“, eine LEICA von 1956, die noch tadellos funktioniert. Erzählt mir von seinem Fotolabor, in dem er noch seine Filme selber entwickelt und abzieht. Wir fachsimpeln dabei eine Runde über Fotopapiere. Früher hatte ich auch so ein eigenes Labor und fuhr manchmal in die damalige DDR, um dort Papier zu kaufen, das es nur da gab und so schlecht war, dass es schon wieder genial dafür war, besondere Effekte in die Fotos zu bringen.

Und er erzählt mir von seinem neuen Projekt, nämlich den Stasi-Knast in Berlin zu fotografieren. Von den Farben darin, diesen Nichtfarben vielmehr, die noch aus DDR Zeiten dort übrig geblieben sind. Mattes Grün, Beige und Grau, Farben, die den Alltag der Häftlinge bestimmten. Dass ehemalige Häftlinge dort jetzt die Führungen machen. Wie die ehemaligen Gefangenen in Auschwitz dies auch tun. Weil sie trotz der unfassbaren Dinge, die ihnen zugestoßen sind, daran nicht zerbrochen sind, sondern wachrütteln, erinnern, das Vergessen verhindern wollen. Ein Anliegen, das auch Dirk antreibt.

Damit so etwas nie wieder passieren kann. Nicht bei uns, nicht hier in Deutschland.

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