Bürgermeister Dieter Dzewas lädt am 2. September zur Sprechstunde in sein Büro im Rathaus ein. Foto: Peter Dahlhaus

Lüdenscheid. Wer ist eigentlich Dieter Dzewas? Nun, genau, um das herauszufinden, haben wir, der Fotograf Peter Dahlhaus und ich, einen Interviewtermin mit dem Bürgermeister unserer Stadt vereinbart. Wikipedia sagt folgendes zu ihm: Dieter Dzewas (* 21. September 1955 in Lüdenscheid) ist Mitglied der SPD und seit Oktober 2004 Bürgermeister der Stadt Lüdenscheid. In der 14. Legislaturperiode von 1998 bis 2002 war er Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB). Bei der Bundestagswahl 2002 kandidierte er erneut, verfehlte aber aufgrund eines hinteren Listenplatzes den erneuten Einzug. Der Listenplatz hätte im September/Oktober 2004 den Einzug in den Deutschen Bundestag als Nachrücker ermöglicht. Jedoch trat Dieter Dzewas als Bürgermeisterkandidat im Kommunalwahlkampf an. Nach seinem Sieg in der Stichwahl zum Bürgermeister der Stadt Lüdenscheid am 10. Oktober 2004 gegen Friedrich Karl Schmidt (CDU) verzichtete Dieter Dzewas auf den Einzug und wurde Bürgermeister. Bei den Kommunalwahlen am 30. August 2009 wurde Dieter Dzewas für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Er erhielt 63,1 Prozent der Stimmen.“



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Dieter Dzewas und ein Säckchen bunter Murmeln. Ein Mitbringsel für einen seiner kleinsten Schützlinge. Und ein schönes Symbol für das Leben mit all seinen bunten Facetten. Foto: Peter Dahlhaus
Dieter Dzewas und ein Säckchen bunter Murmeln. Ein Mitbringsel für einen seiner kleinsten Schützlinge. Und ein schönes Symbol für das Leben mit all seinen bunten Facetten. Foto: Peter Dahlhaus

Hört sich trocken an, doch dann schaut man ein zweites Mal hin: 63,1 % der Stimmen?! Wow. Und tatsächlich, es scheint Fügung gewesen zu sein, dass es nicht geklappt hat mit dem Einzug in den Deutschen Bundestag. Denn Dieter Dzewas ist der geborene Bürgermeister. Warum? Nun, er hat ein riesengroßes Herz für seine Stadt. Und für die Menschen darin. Und er ist präsent, lebt mit seinen Bürgern. Ist nicht aussen vor, sondern mitten drin. Ob „Bunt ist Kult“, Freiräume für Dich“, die Anti-Pegida-Demonstration, an der er ganz spontan mit seinen Ratsherren teilnahm, die Wiederbelebung der Altstadt oder bei „Jugend musiziert“. Er ist da und sagt auch etwas dazu. Stellt sich dem, was seine Bürger bewegt. Nie hat man dabei das Gefühl, dass er sich nur oberflächlich mit einem Thema befasst. Nein, wenn er was sagt, dann hat das Hand und Fuß. Man hört ihm gerne zu.

Dabei ist er niemand, der sich an den eigenen Worten berauscht, sondern ganz im Gegenteil. Kurz und knapp kommt er auf den Punkt. Trifft Aussagen, klar, akzentuiert und ohne „wenn und aber“. Glaubwürdig ist er. Und sehr klar. Einfach ein Mensch, der an seinen Werken gemessen werden will und nicht an seinem Reden.

Und er ist Fan des BVB. Auch das mit ganzem Herzen. An diesem Tag hat der BVB gerade 7:1 gegen einen norwegischen Verein gewonnen. Das macht ihm Spaß. Seine Augen leuchten, als Peter ihn später darauf anspricht.

Peter Dahlhaus im Gespräch mit dem Bürgermeister. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Foto: Iris Kannenberg
Peter Dahlhaus im Gespräch mit dem Bürgermeister. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Foto: Iris Kannenberg

Als wir gemeinsam vor des Bürgermeisters Tür stehen und darauf warten, dass sie sich öffnet, sind wir beide sehr gespannt auf diesen doch sehr facettenreichen Mann, der in so gar keine Schublade passt.

Dann geht endlich die Tür auf und eine größere Menge dunkel gewandeter Ratsmitglieder strömt aus dem Bürgermeisterzimmer. Dringende Sitzung. Man sieht allen an, dass das anstrengend war. Ganz zum Schluss kommt uns Herr Dzewas entgegen und bittet uns herein. Er macht gleich weiter. Ohne Pause. Wir sitzen dann auch sehr schnell ganz zwanglos mit an seinem riesigen Tisch. Er fängt ohne Umschweife an, zu erzählen, wischt meine sorgsam formulierten Fragen einfach vom Tisch. Gut so. Zwischen uns dreien entwickelt sich ein ganz lebendiges Gespräch, bei dem wir viel lachen. Unser Bürgermeister hat offensichtlich auch noch Humor.

Er erzählt von seinen Erfahrungen mit seinen Sprechstunden. Die scheinen ihn wirklich zu beschäftigen. Davon, dass viele ihn als Schlichter anrufen in Familiensachen. Und das ca. jeder 10. dabei durchaus auch etwas lauter wird.

Und solche Menschen sitzen dann hier bei Ihnen?

Ja, es gibt ja in allen Familiensachen auch durchaus echte „Streithansels“, die es als ihre Aufgabe sehen, dem oder der „Ex“ eins auszuwischen. Diese Leute lassen nichts unversucht. Und als eine der letzten Instanzen, gehen sie dann zum Bürgermeister.

Und wie nehmen Sie die dann auf? Ist da salomonische Weisheit gefragt?

Bei manchen Themen wird er sehr ernst. Vieles macht ihn betroffen. Foto: Peter Dahlhaus
Bei manchen Themen wird er sehr ernst. Vieles macht ihn betroffen. Foto: Peter Dahlhaus

Na ja, ich bilde mir nicht ein, so weise zu sein wie dieser König, aber es ist schon so, dass vielen die Zusammenhänge durchaus bewusst sind. Also, dass ich der Vorgesetzte bin von z.B. der Dame vom Jugendamt, mit der man nicht klar kommt. Die, die zu mir kommen, sind ja immer welche, die schon bei Gericht waren. Und da gescheitert sind. Und sich dann eben bei mir beschweren.

Und können Sie diesen Leuten dann helfen?

Ich kann diese Sachen immer nur entgegennehmen. Kann mir von meinen Mitarbeitern eine Stellungnahme einholen zu den einzelnen Fällen und dann kann man versuchen abzuwägen, ob was dran ist an der Beschwerde. Aber meistens ist bei lediglich 10% der Fälle etwas dran. Die versucht man dann, zu klären.

Wird man eigentlich auch mal gelobt? Kommen Leute auch mal, um etwas Gutes zu berichten, sich zu bedanken vielleicht oder ähnliches?

Na ja, das kommt eher selten vor. Der Lüdenscheider an sich ist irgendwie nicht der Typ Mensch, der zu Freudenausbrüchen neigt. Das ist ja auch nicht – objektiv gesehen – die Funktion dieser Sprechstunde. Diese Stunde ist für die da, die mühselig und beladen sind, die also auch wirklich in den bestehenden Instanzen eher verloren sind und dann hierhin kommen, um irgendwo Hilfe zu finden. Das Schöne ist ja auch, dass man keinen festen Termin machen muss. Man kann einfach kommen, so wie man ist. Ganz zwanglos. Ein Grund, warum ich versucht habe, die Bürgersprechstunde auf den Samstagvormittag zu legen. Da ist das Rathaus stark frequentiert und man kann mal eben zu mir hochkommen, ohne sich erst einen Termin holen zu müssen. Das wird gut angenommen.

Sie haben generell eine hohe Präsenz hier in der Stadt. Besonders auch in den Bereichen, Kunst, Kultur, Jugend und Migranten. Liegt Ihnen das besonders am Herzen?

Ich werde dazu ganz klassisch eingeladen. Und ich habe natürlich auch Spaß dran. Z.B. an der Musik. Dadurch, dass ich selber Geige spiele, habe ich einfach einen großen Zugang zu Musik und Kultur. Ich gehe ganz generell sehr gerne zu den Veranstaltungen des Kulturhauses. Auch als Privatperson. Mir macht das einfach Freude.

Man hat immer das Gefühl, Sie sind mit dem Herzen dabei.

Er bezeichnet sich selbst als unverbesserlichen Optimisten. Foto: Peter Dahlhaus
Er bezeichnet sich selbst als unverbesserlichen Optimisten. Foto: Peter Dahlhaus

In diesem Beruf muss man ja offen sein für neues. Das ist natürlich eine Herausforderung, aber es führt auch dazu, dass man immer gefordert ist, sich nie einfach zurücklehnen kann oder stehenbleiben bei dem, was man mal dachte, dass es richtig ist.

Wenn es denn eine Einstellungsvoraussetzung für Bürgermeister geben sollte, dann wäre das die: Die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen ist inklusive. Das geht ja gar nicht anders in diesem Job. Eine Stadt ist ja lebendig. Sie verändert sich ständig. Wer mir z.B. vor zwei Jahren erzählt hätte, wir kämen noch einmal in eine so erhebliche Ausweitung der Flüchtlingsproblematik, wie wir sie jetzt vor uns sehen, den hätte ich vielleicht sogar ausgelacht. Und doch ist es genau das, was jetzt passiert. Wir haben tatsächlich darüber nachgedacht, wie wir vorhandene Flüchtlingsunterkünfte verkaufen können. Der politische Trend ging ja hin zu einer dezentralen Unterbringung der Flüchtlinge. Also weg von den großen Sammelunterkünften. Das kann man im Moment natürlich vergessen.

Ist das ein Problem, das besonders durch das Auftauchen wie Isis und Boku Haram entstanden ist?

Nun, nicht nur. Schon Willy Brandt hat diese Problematik in den 70-er Jahren vorausgesagt, Die Verteilung von Waren und Dienstleistungen ist einfach nicht ausgewogen auf dieser Welt. Die einen haben viel, die anderen nichts. Natürlich kommt es zu den Versuchen, an unseren scheinbar so paradiesischen Verhältnissen zu partizipieren. Eigentlich verwunderlich, dass das erst jetzt in diesem Ausmaß passiert.

Aber das ist natürlich unterstützt durch die religiösen und politischen Unruhen in den jeweiligen Staaten. Das bringt sicher viele dazu, sich aufzumachen in Richtung Europa, einfach, weil man eh nichts mehr zu verlieren hat. Unglaublich, welches Elend uns da entgegenschlägt. Man kann es einfach kaum begreifen, was mit den Menschen in diesen Ländern passiert. Das ist sicher eine der politischen Herausforderungen dieses Jahrhunderts, deren Dimension noch gar nicht richtig erfasst wird. Und natürlich gibt es auch Teile unserer Bevölkerung, die es mit großem Missfallen sehen, dass die Flüchtlinge zu uns kommen.

Ja, man wundert sich, wie schnell es vergessen wurde, dass vor 20 Jahren ja fast die gleiche Welle an allerdings Deutschen zu uns herüber schwappte. Nach dem Fall der Mauer. Und genau diese Leute, sind jetzt oft die, die schreien, dass zu viele Flüchtlinge zu uns kommen. Man erkennt schon teilweise sehr rechte Tendenzen.

Ja, das ist leider so. Die Neonazis kommen eben auch immer wieder aus ihren Ecken. Man wundert sich, dass man 70 Jahre nach Beendigung des 2.Weltkrieges doch in Teilen der Bevölkerung sehr wenig gelernt hat. Andererseits ist die Stimmung in der Bevölkerung bei den jetzigen Flüchtlingen doch sehr anders, was dann auch wieder Isis etc. zuzuschreiben ist. Man sieht einfach schon durch die Medienpräsenz, wozu diese Fanatiker in der Lage sind und was sie mit Menschen machen. Da stockt wohl jedem der Atem und so gut wie niemand wird sich darüber beschweren, dass man Menschen, die Isis entkommen konnten, hier bei uns aufnimmt.

Man sieht aber auch hier wieder einmal: Mit militärischen Mitteln hat man noch nie wirklich einen Konflikt gelöst. Das ist ein Fakt. Wir werden auch diese Problematik nicht mit militärischen Mitteln lösen. Sondern man muss immer den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Das ist einfach der Frieden. Und man kann über Europa sagen, was man will. Aber dieser gemeinsame Nenner ist das, was uns stark macht und die unbedingte Voraussetzung für alle zivilisatorischen Errungenschaften auf unserem Kontinent der letzten 70 Jahre.

Erst wenn man auf politische Lösungen setzt, statt auf militärische, erst dann hat man doch die Hoffnung darauf, einen Konflikt dauerhaft zu lösen. Ich bin deshalb auch für den Einsatz der Vereinten Nationen. Trotz Blockadehaltung der verschiedenen Großnationen wie China oder den USA. Für mich ist auf die Dauer nur das Gespräch das, was uns Ruhe und Fortschritt bringt. Nichts anderes. Globale Probleme können nur durch den Einsatz globaler Institutionen gelöst werden. Nicht durch den willkürlichen Einsatz von Gewalt und territorialen Ansprüchen. Hier ist ganz klar die Vernunft gefragt. Und der Wille, eine Lösung für die Probleme zu finden, die eben besonders durch die globalen Veränderungen verstärkt auf uns alle zukommen.

Wie sehen Sie denn generell die Haltung der Lüdenscheider zu dem Flüchtlingsproblem?

Peter stellt ehrliche Frage. Und erhält eine ehrliche Antwort. Foto: Iris Kannenberg
Peter stellt ehrliche Frage. Und erhält eine ehrliche Antwort. Foto: Iris Kannenberg

In Lüdenscheid gab es immer verstärkt Zuwanderung. Seit hunderten von Jahren. Dies scheint von jeher ein Platz gewesen zu sein, an dem Menschen gute Lebensbedingungen vorfanden. Es gab immer wieder ganze Einwanderungswellen. Von Sachsen, Thüringern, aus den deutschen Ostgebieten, später die Griechen, Italiener, Spanier etc. Dann wieder nach der Wende die Menschen aus Ostdeutschland.

Die Lüdenscheider haben damit weniger Probleme. Hier herrscht eine offene Mentalität, die sich in Hilfsbereitschaft und dem Willen zum Zusammenleben äußert. Bei uns leben über 100 Nationen und auch das Stadtbild an sich ist bunt und interessant. So sah man doch auf der Antipegida-Demonstration vom ganz normalen Bürger bis hin zum Punk mit Irokesenschnitt alle friedlich und gemeinsam durch den Regen marschieren, mit dem Willen, eine Zeichen zu setzen gegen Intoleranz und Rechtsradikalität. Und das ist etwas, was ich an dieser Stadt einfach sehr, sehr schätze. In den Fragen der Menschlichkeit sind sich die meisten Bürger doch einig. Was sich jetzt auch in der freundlichen Aufnahme der neuen Flüchtlinge niederschlägt.

Ist man eigentlich generell in einem Konflikt zwischen Politiker und Verwaltungsbeamten? Also wünscht der Mensch im Bürgermeister sich manchmal andere Dinge als der Verwalter einer Stadt?

Ach, diesen Konflikt halte ich aus. Es ist einfach so, dass die Stadtkasse leer ist und man deshalb viele Dinge nicht tun kann, die man gerne tun möchte. So würden wir z.B. gerne die Gehälter unserer Erzieher erhöhen. Aber wovon? Überhaupt wäre es mein größter Wunsch, den ersten Bildungsweg, von der Kinderkrippe bis zur Universität kostenfrei anzubieten. Niemand sollte dafür bezahlen müssen. Ja, wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre das mein Wunsch. Statt dessen müssen wir Steuern erhöhen, einfach weil wir von Seiten das Staates zu Zahlungen verpflichtet sind, die eigentlich Länder oder sogar Bundessache wären. Erstausbildung sollte generell kostenfrei sein, schon deshalb, weil die Allgemeinheit von gutausgebildeten Menschen profitiert. Deshalb sollte die Allgemeinheit auch dafür geradestehen.

Sie waren früher ja Bundespolitiker. Hat sich durch Ihr Bürgermeisteramt Ihre Perspektive generell verschoben?

Ja schon, man sieht hier an der Basis, zu der die Städte ja gehören, vieles anders. Bund und Länder geben immer wieder Aufgaben, die klar zu ihnen gehören, an die Städte weiter, besonders im finanziellen Bereich, ohne dass die Städte entsprechend finanziell ausgestattet werden. Das habe ich allerdings gelernt: dafür zu kämpfen, dass dieses Ungleichgewicht endlich aufhört. Dazu sitzen wir z.B. im Städtetag zusammen, um gemeinsam dagegen anzugehen. Mit mehr oder weniger Erfolg. Aber aufgeben tun wir nicht.

Wie lange geht denn generell Ihre Amtszeit noch?

Bis 2020. Also noch einige Jahre. Was zumindest der Konstanz einer Politik gut tut, jedoch nicht ganz allgemein der Wahlbereitschaft. Das ist eine meiner großen Enttäuschungen in der Politik, dass ausgerechnet das, was uns alle am meisten betrifft und berührt, nämlich das kommunale Geschehen, auf das wenigste Interesse in der Bürgerschaft stößt. Dabei ist es doch sehr wichtig, seinen Lebensmittelpunkt mitzugestalten. Aktiv dabei zu sein. Aber dieses Interesse geht immer mehr zurück. Leider.

Wie sehen Sie die Veränderungen, denen z.B. die Vereine dieser Stadt unterworfen sind? Ist es manchmal frustrierend, immer dieselben Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen zu sehen? Oder ist das ein Vorurteil?

Der BVB. Da kommt er ins Schwärmen. Foto: Peter Dahlhaus
Der BVB. Da kommt er ins Schwärmen. Foto: Peter Dahlhaus

Nein, ich bin sehr gerne mit den Menschen dieser Stadt zusammen, die sich so engagieren. Ich suche aber auch ganz gezielt die direkte Nähe der Menschen, einfach, weil es mich interessiert, wie die Bürger dieser Stadt leben, denken, wie sie sind.

Und mir ist einfach auch klar, dass sich Strukturen z.B. von Vereinen ändern und diese es auch müssen, um in einer Gesellschaft, die solch grundlegenden Veränderungen ihrer Lebensgewohnheiten unterworfen ist, nicht den Anschluss zu verlieren. Man muss viele Veränderungen auch hinnehmen können, sie sind nicht aufzuhalten. So geht der Trend z.B. eher dahin, dass sich vieles in den Schulen abspielen wird und weniger in Vereinen.

Bei einer Ganztagesschule müssen viele Freizeitaktivitäten in die Schule verlegt werden. Leider können die Vereine das nicht wirklich leisten, weil sie eben zu den Schulzeiten einfach keine Leute zur Verfügung haben. Auch da wird ein Umdenken stattfinden müssen. Das Vereinsleben verändert sich gerade einfach ganz grundlegend. Ein gutes, positives Beispiel dafür sind die Turboschnecken, die sich den veränderten Anforderungen unserer Gesellschaft perfekt anpassen und in vielen Dingen sogar vorangehen. Ein intelligent organisierter Verein, der ganz nebenbei noch so etwas wie das Schneckenhaus „wuppt“.

Ich sehe das generell positiv. Ich bin ein tiefgläubiger Christ und Optimist, der fest daran glaubt, dass es immer wieder gelingen wird, Schwierigkeiten zu beheben und ein Gemeinwesen weiterzuentwickeln. Der klassische traditionelle e.V., in den mich vielleicht meine Eltern mit sechs Jahren mitnehmen oder reinschicken und in dem ich dann 80 Jahre später mit der goldenen Ehrennadel auf dem Kissen geehrt werde, wird es allerdings in dieser Form nicht mehr geben. Ich bin dabei optimistisch genug, so dass ich annehme, dass sich das gesellschaftliche Leben auch innerhalb der Vereine durchaus zum Positiven entwickeln wird. Auch wenn alte Strukturen dabei fallen.

Sie haben ja auch durchaus Hobbys, die mit dem Vereinsleben zu tun haben? Den BVB z.B.

Ja, das muss ich zugeben. Ich bin ein richtig großer Fan!! Heute ist auch ein besonders guter Tag nach dem 7:1. Da freut man sich natürlich mehr als nur ein bisschen.

Und man sieht Sie z.B. auch ganz fröhlich auf dem Stadtfest, das ja jetzt auch wieder vor der Tür steht. Auch ein Vereinsfest.

Laute Musik auf dem Stadtfest gefällt ihm auch. Da ist einfach Leben drin. Foto: iris Kannenberg
Laute Musik auf dem Stadtfest gefällt ihm auch. Da ist einfach Leben drin. Foto: Iris Kannenberg

Das Stadtfest ist aber auch wirklich eine Bereicherung für die Stadt. Das gibt es jetzt ja schon seit über 30 Jahren. Und viele von denen, die da mitmachen, die sind schon seit 10 Jahren und mehr dabei. Gerade hier sieht man, dass die Befürchtung, die Vereine könnten nicht mit der Zeit gehen, doch weit hergeholt ist. Viele Vereine sind äußerst lebendig und lassen sich immer wieder neue interessante Dinge einfallen. Oft sind sie zudem auch ganz schön laut (er lacht).

Gut, hier im Rathaus beschweren sich schon einige, wenn so ein Verein wie KultStädte e.V. direkt vor dem Rathaus zwei Tage am Stück Konzerte bietet. Aber was solch ein Verein für junge Menschen leisten, ist schon außergewöhnlich. Mir gefällt das. Auch, dass es laut ist. Ich finde, das ist eine tolle Bereicherung für das Fest. Ein mittlerweile unverzichtbarer Bestandteil. Und bei solchen Vereinen wie „Wir hier“ oder „KultStädte“ sehen wir, dass Integration fast automatisch läuft. Das geht nicht über den Kopf, das geht über den Bauch, über das Gefühl, über gemeinsame Erlebnisse. Hier sind kulturelle Unterschiede sogar bereichernd. Und das ist einfach schön.

Die Kulturszene ist generell sehr gut und engagiert in Lüdenscheid und ich freue mich auch darüber, was in der Alt- und Oberstadt gerade stattfindet. Unterstützend dazu gibt es das Altstadt- und Oberstadtkonzept. Da wollen wir den nächsten markanten Punkt nach der Denkfabrik hier in der Stadt setzen. Trotz der knappen Finanzen: Die Stadt lebt und das wollen wir unterstützen.

Fast eineinhalb Stunden hat unser Bürgermeister uns Rede und Antwort gestanden. Jetzt muss er los, zum nächsten Termin. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass er ein Mensch mit einer großen Bandbreite ist. Und einem weiten Denken. Offen und engagiert. Wir hätten uns noch stundenlang unterhalten können, ohne, dass es langweilig geworden wäre. Er strahlt einfach eine rundum positive Grundhaltung aus. Jemand, der das Leben liebt und mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Er mag seine Stadt und die Menschen darin. Ohne wenn und aber.

 

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