Nach dem Vortrag signierte Gysi sein neues Buch. Foto: Rüdiger Kahlke

Meinerzhagen. Volles Haus und mehrfach Szenenbeifall. Gregor Gysi, ehemaliger Fraktionschef der Linken im deutschen Bundestag, ist nicht nur eine politische Führungspersönlichkeit, sondern auch ein exzellenter Entertainer. Das stellte er am Mittwochabend in der Stadthalle Meinerzhagen unter Beweis.

Der Titel seiner Buches „Ausstieg links – eine Bilanz“ war Grundlage eines Gespräches Gysis mit dem Meinerzhagener Journalisten Frank Zacharias. Auf Nachfragen des MZ-Lokalchefs erfuhren die gut 500 Besucher, warum Gysi eine Ausbildung als Rinderzüchter gemacht hatte oder was es mit seinem Privileg, schon zu DDR-Zeiten reisen zu können, auf sich hatte.

Dinge auf den Punkt bringen

Aber auch Gysis Selbstverständnis als Übersetzer wurde deutlich. Die Gallionsfigur der Linken versteht es, mit anschaulichen Beispielen komplizierte Dinge zu verdeutlichen. Am Beispiel von Veräußerungserlösen und deren Besteuerung übersetzte Gysi das Polit-Kauderwelsch so: Früher wurden die Konzerne bei Verkäufen steuerlich belastet und der kleine Bäcker nicht, jetzt zahlen die Konzerne nichts und der Bäcker doppelt.

Politiker und Entertainer: Gregor Gysi bekam für seine Thesen in der Stadthalle viel Beifal. Foto: Rüdiger Kahlke

Sorgen macht Gysi der erstarkende Rechtspopulismus mit dem Aufstieg der AfD. Würden die, die die Partei wählen, das Programm kennen, würden sie die AfD nicht wählen, so Gysi. Die Populisten böten nur Schlagworte keine Lösungen.

„Fluchtursachen statt Flüchtlinge bekämpfen“

EU und Flüchtlingskrise waren weitere Schwerpunkte. trotz vieler Mängel, zeigte sich der Linke als vehementer Verfechter dieses europäischen Friedenswerkes, das durch Rechtspopulisten und zerbröselnde Solidarität gefährdet sei. Gysi warnte auch davon, zu glauben, man könne Flüchtlinge durch Zäune oder Mauern stoppen. Die derzeitige Atempause beim Zustrom müsse genutzt werden, Fluchtursachen, Kriege vor allem, zu bekämpfen. Dazu gehöre auch ein Stopp der Waffenexporte in die Krisenregionen.

Alle sollen für Rente zahlen

Sorgen machen Gysi die drohende Altersarmut und die Sicherheit der Sozialsystem. Früher zahlten 90 Prozent der Berufstätigen in die Rentenkasse ein, heute nur noch 60 Prozent. Früher wurden die Beiträge so angepasst, dass der Lebensstandarad auch im Ruhestand zu halten war. Inzwischen werde das Rentenniveau gekürzt und den Beiträgen angepasst. Die Folge Altersarmut. Gysis Rezept: alle zahlen in die Rentenkasse ein – auch Selbstständige und Beamte. Die Beitragsbemessungsgrenze fällt. Jeder bezahlt gemäß seiner Einkünfte einen Anteil. Der zwangsläufige Rentenanstieg wird in den oberen Einkommensgruppen etwas gekappt. Damit, so Gysi, wäre das Problem der Altersarmut kein Thema mehr. Zumindest in der Stadthalle gab es, dem Beifall nach zu urteilen, dafür eine breite Mehrheit.

Abschied von der Zwei-Klassen-Medizin

Entsprechend ist der Linke auch dafür, die Klassenmedizin aufzugeben und eine Krankenkasse für alle einzuführen. Wer mehr wolle als die medizinische Versorgung, etwas ein Doppel- oder Einzelzimmer, soll das über eine Zusatzversicherung regeln können. Man stelle sich vor, so Gysi, er und CDU-Fraktionschef Kauder kämen durch eine Laune des Chefarztes auf ein Zimmer. Da hätte der Linke schon die Sorge, dass das für Kauder zuviel wäre und seine Genesung litte.

Die sozialen Themen hatte Gysi selbst ins Spiel gebracht. Das Publikum dankte es ihm – mit Szenapplaus und viel Beifall nach der zweistündigen Non-stop-Plauderei. KuK hatte den richtigen Gast zur richtigen Zeit eingeladen. Und einen politischer Abend organisiert, der zudem auch ein höchst amüsanter Auftakt für ein – für viele – langes Wochenende war.

Unterstütze uns auf Steady

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here