Lüdenscheid. Hebammen, eine Selbstverständlichkeit. Denken wir. Es gab sie immer, und es wird sie immer geben? Denn: Menschen werden doch immer geboren. Oder etwa nicht? Ja, zweifelsohne, zumindest hofft man das.

Jedoch, ob es auch in Zukunft Hebammen gibt, die frei praktizieren, auch um Frauen ein möglichst große Wahlmöglichkeit zu lassen, wie und unter welchen Umständen sie ihre Kinder zur Welt bringen, das steht in den Sternen. Denn: ein ganzer Berufsstand steht gerade vor dem „Aus“, mehr oder weniger unbemerkt vom Rest der Gesellschaft. Um darüber mehr zu erfahren, treffe ich mich mit der selbstständigen Hebamme Andrea Matschassek aus Halver zu einem informativen Gespräch über ihre derzeitige berufliche Situation. Ich bin gespannt, von ihr zu hören, wie sie als Betroffene die Situation einschätzt.

Die Situation für Hebammen: Nicht rosig

Nach nur wenigen Minuten mit Andrea wird klar: Nicht rosig. Zumindestens nicht für die sogenannten „Freien Hebammen“. Warum? Praktiziert eine Hebamme selbstständig, ohne Angestelltenverhältnis muss sie sich versichern. Gegen alle möglichen Risiken, die meistens so gar nicht eintreten, da bei einer Risikogeburt die Gebärende sowieso ins Krankenhaus geht.

Jetzt schon ist jedoch die Risiko-Versicherung der Hebammen so teuer, dass vielen nichts anderes übrig bleibt, als ihre Praxis zu schließen. Ab Mitte 2016 gibt es zudem keine einzige Versicherung mehr in Deutschland, die die Hebammen überhaupt versichern möchte. Es gibt auch im Moment nur noch eine. Nicht etwa, weil so viel passiert bei Hausgeburten, das Gegenteil ist der Fall, sondern einfach, weil etwas passieren KÖNNTE, und der Gesetzgeber sich nicht in der Lage sieht, für Hebammen, die sicher kein höheres Risiko tragen, als Ärzte, Feuerwehrleute oder Polizisten, eine entsprechende Gesetzesvorgabe zu schaffen, dass sie sich versichern können MÜSSEN. Oder die vielen Versicherungen, die es bereits gibt, per Gesetzt dazu zu zwingen, Hebammen genauso zu versichern wie jeden anderen Job.

Was bedeutet das für andere Berufsgruppen?

Dies bedeutet im Umkehrschluss: Möchte ich eine Berufsgruppe in Zukunft aus welchem Grund auch immer vom Markt haben, mache ich es ihr einfach unmöglich, sich versicherungstechnisch abzusichern? Das hört sich nicht gut an.

Natürlich soll es jeder Frau freistehen, sich für eine Klinik zu entscheiden. Aber es steht ihr im Moment auch noch frei, sich dagegen zu entscheiden. Z.B. für eine sanfte Geburt. Z.B. zu Hause. Und sich während der Schwangerschaft komplett von einer Hebamme betreuen zu lassen. Lediglich der Ultraschall muss beim Arzt gemacht werden. Ansonsten geht´s im Moment auch noch ohne ihn.

Und natürlich dürfen Hebammen auch nach 2016 in Krankenhäusern neben den Ärzten agieren. Als Angestellte. Aber dazu gehört eben nicht mehr die freie Wahl der einzelnen Frau, wie sie ihren Nachwuchs ins Leben hineinbegleitet haben möchte. Und auf die Dauer werden auch Vor- und Nachsorge durch die freien Hebammen wegfallen, wie sie heute noch üblich sind und von den Kassen bezahlt werden. Denn davon allein können sie nicht leben. Immerhin wurden die Sätze, mit denen sie diesen Service abrechnen können, seit 20 Jahren nur unwesentlich bis gar nicht erhöht.

Wird hier ein ganzer Berufsstand entsorgt?

Man stellt sich als Außenstehender unwillkürlich die nicht unwichtige Frage: Warum ist das so? Warum wird ein Berufsstand, der fast ausschließlich von Frauen getragen wird, heimlich, still und leise mehr oder weniger „entsorgt“?

Darüber ließe sich sicher ausführlich diskutieren. Vielleicht, weil die Krankenhäuser in geburtenschwachen Jahrgängen um jede schwangere Frau kämpfen müssen, einfach um ihre Klinikbetten voll zu bekommen? Und potentielle „Kundinnen“ nicht verlieren möchten? Oder, damit die Krankenkassen die Vor- bzw. Nachsorge von Frauen und Neugeborenen außerhalb der Klinik in Zukunft einsparen? Also einfach ein Kostenfaktor? Oder vielleicht, weil die Geburt eines Menschen einer der letzten Bereiche in unserer hochtechnisierten Welt ist, die noch nicht vollkommen mechanisiert und durchkontrolliert ist? Fragen ohne Antworten. Vielleicht stimmt von allem ein bisschen. Denn das wäre alles nachvollziehbar. Aber dennoch so, ethisch nicht tragbar. Hier geht es schließlich um Menschen und nicht um nackte Zahlen.

Nicht einfach zusehen

Was auch immer die Intention sein mag, eine Gesellschaft sollte nicht einfach zusehen, wenn ihre Geburtshelfer unbemerkt von der Bildfläche verschwinden, sondern sich ernsthaft Gedanken darüber machen. Welche unfragwürdige und dem Menschen dienende Berufsgruppe verschwindet als nächstes? Private Rettungs- und Pflegedienste? Vielleicht die privaten Kindergärten? Tagesmütter vielleicht oder die privaten Schulen? Sporteinrichtungen wie Reitställe oder Schwimmbäder z.B.? Weil das Risiko zu hoch ist? Weil man sich dagegen nicht mehr versichern kann? Wieviel Kontrolle und Riskoabsicherung braucht eine Gesellschaft, um lebenswert zu sein …

Was man tun kann? Eine Öffentlichkeit schaffen für dieses Thema. Andrea und ihre Kolleginnen unterstützen bei ihrer Forderung nach einer eigenen und dabei bezahlbaren Versicherung, z.B. mit der Aktion „Gesicht zeigen“ auf der Webseite ihres Verbandes (www.unsere-hebammen.de). Als werdende Eltern auf Wahlmöglichkeiten bestehen und sich auch schnellstens in der Politik ernsthaft Gedanken darüber machen, ob unserer Gesellschaft nicht mit dem Verschwinden der freien Hebammen etwas Unwiederbringliches und zutiefst Menschliches abhanden kommt. Wieder einmal.

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