Das Kulturhausschiff verliert seinen Kapitän. Stefan Weippert verlässt Lüdenscheid zum Ende des Jahres. Fotos: Iris Kannenberg

Lüdenscheid. Stefan Weippert, der seit 14 Jahren das Kulturhaus Lüdenscheid leitet, legt seinen Posten zum Ende des Jahres überraschend nieder. Er übernimmt die Leitung des Parktheaters im Kurhaus Göggingen in Augsburg. Das Kurhaus wird vom „Parktheater Augsburg im Kurhaus Göggingen“ für Sprech- und Musiktheater, Konzerte, Revuen, Varietés, Bälle, Konferenzen, Tagungen, Firmenjubiläen, Modepräsentationen und Hochzeitsfeiern genutzt. Also eine sehr reizvolle und vor allem abwechslungsreiche Tätigkeit mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit, der Stefan Weippert da entgegensieht.

Dazu eine Stadt von historischer Bedeutung, mit einer gewachsenen und immer noch stetig wachsenden Kulturlandschaft, in der es nicht nur spannenden Neuaufbrüche gibt, sondern die sich auch offen zeigt für innovative Ideen.

Wäre Stefan Weippert wirklich freiwillig gegangen?

Localaid.eu 2015 im Kulturhaus
Localaid.eu 2015 im Kulturhaus

Aber wäre Stefan Weippert wirklich freiwillig gegangen, selbst in solch eine reizvolle Stadt? Die Antwort ist: Sicher nicht, wer ihn kennt, weiß, dass sein Herz für Lüdenscheid schlägt.

Jedoch liefern sich hier die monitär Verantwortlichen für das Kulturhaus seit mindestens drei Jahren ununterbrochen sehr unwürdige Grabenkämpfe, die bei der Bevölkerung mittlerweile nur noch ungläubiges Kopfschütteln und schieres Erstaunen hervorrufen.

Demotivierend diese Kämpfe

Kämpfe, die Zeit kosten, viel Geld und zur Demotivation von Menschen wie Stefan Weippert führen, der sich mehr als verdient gemacht hat um die Kultur und die Kulturschaffenden in Lüdenscheid. 14 Jahre lang.

Käpitan geht von Bord

So kennt man ihn. In seinem vollgestopften Büro im Kulturhaus. Ansonsten: Immer in Bewegung.
So kennt man ihn. In seinem vollgestopften Büro im Kulturhaus. Ansonsten: Immer in Bewegung.

So verliert Lüdenscheid nun den „Kapitän“ dieses großen „Schiffes“ namens „Kulturhaus“, das Stefan Weippert seit 2002 sehr gekonnt zwischen allen Klippen und Untiefen hindurch manövrierte. Und der für dieses „Schiff“ trotz der beständigen Querelen und Unbeweglichkeit eines Lüdenscheider Stadtrates und seiner uneinigen Fraktionen immer wieder Wege gefunden hat, um das Kulturhaus für die Bürger dieser Stadt zu erhalten. Was ihn zuletzt einfach zuviel Kraft kostete und zu wenig Zukunft bot.

Keine schlüssiges Konzept für das Kulturhaus

Dass die Stadt ihn jetzt verliert, nun, dass ist nicht sein Wille gewesen. In den letzten drei Jahren gab es einfach zu viel Hin- und Her. Die Städtische Musikschule sollte ins Kulturhaus, dann die VHS, dann sollten mehr kommerzielle Veranstaltungen generiert werden, die Geld einbringen, dann sprach man davon, das ganze Haus doch einfach „vor die Wand fahren zu lassen.

Dazu mußte er das Ganze mit einer sehr, sehr dünnen Personaldecke „wuppen“, bei der Mitarbeiter teilweise sechs Jahre hintereinander lediglich Halbjahresverträge angeboten bekamen. Wie soll so etwas gehen?

Das Lüdenscheider Kulturhaus gibt es noch

Marian Heuser im Kulturhaus. Auch diesen außergewöhnlichen Künstler holte er zusammen mit seiner "World of Wordcraft" Veranstaltung ins Kulturhaus.
Marian Heuser im Kulturhaus. Auch diesen außergewöhnlichen Künstler holte er zusammen mit seiner „World of Wordcraft“ Veranstaltung ins Kulturhaus.

Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern hier in NRW, die rigoros und absolut gnadenlos geschlossen wurden – um da nur einmal das Schauspielhaus Wuppertal zu nennen, das solche Größen wie Pina Bausch, Uwe Ochsenknecht oder Dietmar Bär hervorgebracht hat – existiert das Lüdenscheider Kulturhaus jedoch immer noch!

Stefan Weippert ging neue Wege

CD-Release mit der Band "Sonnabend". Auch das ist möglich.
CD-Release mit der Band „Sonnabend“. Auch das ist möglich. Und gewollt.

Stefan Weippert ging in den vergangenen Jahren viele Kooperationen mit Kulturvereinen wie KultStädte e.V., „Wir hier“ oder den griechischen, italienischen oder alevitischen Kulturvereinen ein, generierte Veranstaltungen wie „Warten aufs Stadtfest“, machte seine Türen weit offen für Localaid.eu oder die bestens besuchten „World of Wordcraft“-Veranstaltungen eines Marian Heusers.

Er hatte einfach immer ein offenes Ohr für das Außergewöhnliche, das Besondere. Das zeigte sich auch an seiner eigenen Band, dem „Adonis Salon Orchester“, bei der er dann auch einmal selbst auf der Bühne stand, moderierte und Kontra-Bass spielte. Stefan war und ist einfach ein fester und nicht wegzudenkender Bestandteil der Lüdenscheider Kulturszene und mit vielen Kulturschaffenden eng befreundet.

Die Stelle wird EU-weit ausgeschrieben

Stefan Weippert mit Kontra-Bass und seiner Formation "Adonis Salon Orchester".
Stefan Weippert mit Kontra-Bass und seiner Formation „Adonis Salon Orchester“.

Tatsache ist, dass es jetzt zu spät ist. Er verlässt Lüdenscheid, die Stadt, an der sein Herz tatsächlich und ganz wirklich hing. Wie es weitergeht? Die Stelle wird ausgeschrieben, die Diskussionen, ob eine „Kleinstadt“ wie Lüdenscheid ein Kulturhaus braucht, werden aufs neue in die Gänge kommen.

Im besten Fall werden einige Politiker jetzt aus den vergangenen drei Jahren lernen und begreifen, dass eine Stadt ohne kulturelles Zentrum, ohne Künstler und Kulturschaffenden nachweislich verödet. Und als hoffentlich positives Fazit jemanden für das Kulturhaus suchen, dessen Herz für diese Arbeit brennt und der dazu eine wirkliche Vision hat für den kulturellen Aufbruch, der sich gerade und jetzt in Lüdenscheid anbahnt. Und diese Person dann mit deutlich mehr Respekt behandeln.

Noch einmal das Adonis Salon Orchester, wie fast immer vor ausverkauftem Haus.
Noch einmal das Adonis Salon Orchester, wie fast immer vor ausverkauftem Haus.

Oder, wir werden die nächste Bauruine mitten in Lüdenscheid vor Augen haben. Eine lange unseelige Folge aus Sauerlandcenter, Forum, dem ehemaligen Sinn- und Leffers-Centrum, dem Leerstand auf der Wilhelmstraße und, und, und …

Stefan Weippert hingegen sei alles Gute gewünscht auf seinem weiteren Lebensweg! Dazu ein riesengroßes Dankeschön von allen Kulturschaffenden in Lüdenscheid und dem zahlreichen Publikum, das sein Kulturhaus und den „Käptn“ darin nach wie vor zutiefst schätzt. Lüdenscheid wird Stefan Weippert sehr vermissen!

 

Unterstütze uns auf Steady

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here