Lüdenscheid. Was in den vergangenen Tagen mit bunten Luftballons begann, endete am Dienstag, den 28. April, vorerst mit einem runden Tisch. Geladen hatte die Stadt Lüdenscheid Gastronomen und Einzelhändler der Stadt, um über die bestehenden Gestaltungssatzungen für Alt/Oberstadt und die Wilhelmstraße zu reden. Und sie kamen zahlreich. Rund 50 Lüdenscheider folgten der Einladung.

Stadt sieht die Probleme der Gastronomen in der Stadt

In seiner Begrüßung machte Martin Bärwolf, Fachbereichsleiter Planen und Bauen, deutlich, dass die Luftballons, die in den vergangenen Tagen der Auslöser für einen „Ballon-Protest“ in Lüdenscheid waren, „zu keiner Zeit verboten waren sind oder sein werden.“ Aber auch, dass es offenbar Probleme bei der Kommunikation zwischen Stadt, Gastronomen und Händlern gäbe, wenn es um die Umsetzung der bestehenden Satzungen gehe. Er verstünde es auch, dass Gastronomen gerade in den Übergangsjahreszeiten Probleme hätten. Vor allem vor dem Hintergrund des Nichtraucherschutzgesetzes, welches viele Gäste vor die Türen treibt.

Sonnenschirme: „Kein Typ oder Farbe vorgegeben“

In der Verwaltung habe man nach Bärwolf „nicht das Ziel Händler und Gastronomen zu ärgern.“ Und darum stellte er in Bezug auf die Diskussion um Sonnenschirme das ein oder andere richtig. So seien „keine Typen oder Farben der Schirme vorgegeben“. Auch gegen kleinformatige Werbung habe man nichts. Es handle sich in den meisten Fällen jedoch um „persönliche Empfehlungen“ der Verwaltungsmitarbeiter, die den Händlern und Gastronomen unterbreitet würden. Bei Unmut über diese Vorschläge fordert Bärwolf zudem, dass man das Gespräch miteinander suchen müsse.

Gemeinsame Diskussion ist wichtig

Lars Bursian vom Fachdienst Stadtplanung und Verkehr moderierte den runden Tisch im großen Sitzungssaal. Er machte in seiner Eröffnung ebenfalls deutlich, dass es wichtig sei, „die gemeinsame Diskussion“ zu führen. Es ginge der Stadtverwaltung „nicht um Gleichförmigkeit“, sondern darum, „die Innenstadt als einen gemeinsamen Standort zu verstehen.“ Lüdenscheid habe im Vergleich zu anderen Städten die Besonderheit, dass die Innenstadt sich aus vielen kleineren Bereichen zusammensetze. Dazu zählte Bursian die Ober- und Altstadt, den Knapp und natürlich die Bereiche um Rathaus- und Sternplatz. Bei der Umgestaltung von Rathaus- und Sternplatz habe man bewusst auf „eine großstädtische Gestaltung gesetzt.“ Bei dieser sei die Funktion der Gastronomie als Magnet am Standort für Besucherumso wichtiger.

Nicht alles verboten. Aber auch nicht alles erlaubt.

Dagmar Däumer verteidigte die Gestaltungssatzungen und versuchte mit einer Präsentation zu verdeutlichen, worum es ihr bei der Umsetzung der Satzungen geht. So wolle man in der Altstadt zum Beispiel das „Aufstellen von billigen Plastikmöbeln im Außenbereich verhindern“. Auch großflächige Werbetafeln könne man sich „nicht vorstellen.“ Sogenannte „Raucherzelte“, also Zelte oder Unterstände für rauchende Gastro-Gäste im Außenbereich von Cafés und Restaurants in der Innenstadt erachtet Dagmar Däumer als „nicht vorstellbar.“ Diese „könnten auf Besucher der Stadt abschreckend wirken.“ Däumer untermauerte aber nicht nur unvorstellbares, sondern zeigte in ihrer Präsentation auch vorstellbare Konzepte, die von den örtlichen Händlern und Gastronomen zum Teil auch schon umgesetzt würden.

Unmut Nachdruck verliehen

Nach der Eröffnung durch die Vertreter der Stadt wurde das Wort an die rund 50 Gastronomen, Einzelhändler und Eigentümer im Ratssaal übergeben. Diese nutzen die Gelegenheit noch einmal dazu, ihre eigenen Erfahrungen und Probleme vorzutragen. So sprach Architekt Rüdiger Wilde aus seiner Sicht als Gast: „Ich freue mich über die bunten Sonnenschirme in anderen Städten. Mir als Biertrinker zeigen sie schon vom Weiten wo ich mein Lieblingsbier bekomme.“ Auch zur aktuellen Situation in der Altstadt wusste Wilde etwas zu sagen: „Wenn ich auf dem Graf-Engelbert-Platz im Außenbereich sitze, wird es früher oder später sehr zugig und unangenehm. Und das nur, weil dort ein Windschutz fehlt. Das ist geschäftsschädigend.“ Zudem ärgerte er sich über das „Schick-gemache“ in der Stadt. So Schick sei der Lüdenscheider nun mal nicht. „Wir sind eine Würstchengesellschaft.“

Dass Blumen „nicht ins Konzept der Stadt passen“ bemängelte Ratsmitglied Peter Biernadzki. Er gab aber auch zu bedenken, dass Bürgermeister Dieter Dzewas bei seinem Amtsantritt gesagt hätte, dass man auch bestehende Beschlüsse hin und wieder prüfen und gegebenenfalls auch überarbeiten müsse.

Gastronom Nihad Kumalic verwies auf viele Kommentare, die er von seinen Gästen erhalten hätte, die im Bezug auf die Gestaltungssatzung durchweg negativ ausfallen würden. Auch seine neue Markise, die er passend zur Satzung ausgewählt habe, sähe nur wenige Wochen nach Anbringung schon aus, als sei sie uralt.“ Kumalic versteht auch die Argumentation gegen kleine Blumenkübel an seinem Eiscafé in der Wilhelmstraße nicht. „Ich wollte links und rechts nur zwei kleine Kübel aufstellen, um es etwas schöner zu machen. Darf ich aber nicht. Man sagte mir, es handle sich dabei um eine Abgrenzung. Und es müsse Passanten auch ermöglicht werden bei Bedarf durch die Tischreihen gehen zu können. Aber jetzt mal ehrlich: Welcher klar denkende Mensch macht so was?!“

Halil Özince verdeutlichte zudem, dass die vorgeschlagenen Schirme, die auch Dagmar Däumer zuvor vorstellte, für einen Raucher-Bereich im Freien nicht praktikabel seien. „Sobald im Winter Schnee draufliegt, brechen sie zusammen. Und Stützen darf ich nicht anbringen. Auch meine teuren Seitenwände als Schutz vor Wind, Regen und Schnee darf ich nicht anbringen. Die liegen jetzt im Keller“, erklärte der Gastronom vom Sternplatz.

Werbefachmann Matthias Czech erklärte seine Sicht der Dinge. „Wir begleiten mit unserer Werbeagentur viele Lüdenscheider Gründer. Gerade bei der Frage, wie man neue Geschäfte möglichst schnell voll und bekannt bekommt. Früher ging das einfacher. Heute scheitern wir aber oft an Satzungen, Regeln und Verboten.“ Er forderte zudem eine Vereinfachung für den Bearbeitungsprozess von Genehmigungen und Anträgen. Zudem sollen die Satzungen „dynamischer werden“ und die Kommunikation zwischen den Akteuren verbessert werden.

Situation am Sternplatz ein „großes Problem“

Eigentümer Klaus Dickhagen bekräftigte seine Sorgen und Probleme, einen geeigneten Nachmieter für das Ladenlokal in seinem Haus zu finden. Aus diesem zieht der Schuhhändler Schlatholt in Kürze aus. Als Problem sieht Dickenhagen vor allem das gegenüberliegende Gebäude in dem einst SinnLeffers angesiedelt war. Er forderte endlich greifbare Antworten auf die offenen Fragen, wie es mit der Immobilie weitergehen solle. Peek&Cloppenburg hatte die Immobilie vor einigen Jahren erworben und wollte mit dem Bau eines Neubaus durch einen Investor nach Lüdenscheid zurückkehren. Doch aus den Plänen wurde offenbar nichts. Die Immobilie in zentraler Lage der Innenstadt steht leer und wirkt sich negativ auf das Stadtbild aus.

„Hätte ich gewusst, dass P&C nicht kommt, hätte ich auch nicht in mein Café investiert“, sagte Nihad Kumalic zum Thema. Architekt Rüdiger Wilde sieht hier auch Versäumnisse der Stadt als Ursache für die aktuelle Situation. „Die Abrissgenehmigung kam schnell. Die Baugenehmigung ließ aber auf sich warten. In der Zeit platzte der Vertrag zwischen Müller und P&C, und Müller ging ins Stern-Center. Hätte man bei der Stadt schneller gehandelt, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen“, erklärte Wilde seine Sicht der Dinge.

Martin Bärwolf reagierte auf die Vorwürfe mit der Erklärung, dass auch die Stadtverwaltung mit der aktuellen Situation „sehr unzufrieden“ ist. Man habe mehrere Monate vergeblich versucht, eine Aussage zur Zukunft des Standorts zu bekommen. „Besprochenes wurde hier nicht eingehalten, uns wurde aber mitgeteilt, dass es bis Mitte des Jahres eine endgültige Aussage zum weiteren Verlauf geben soll.“ Man habe aber eindeutig auch etwas für den zukünftigen Umgang mit Investoren gelernt. Bärwolf gab auch zu verstehen, dass der „Handlungsspielraum der Stadt durch das Grundgesetz stark eingeschränkt ist, wenn es um Privatbesitz geht. Wir können erst handeln, wenn vom Gebäude eine Gefährdung ausgeht. Was hier nicht der Fall ist.“

Satzung hat auch Befürworter

Bei aller Kritik der Anwesenden gab es aber auch in den Reihen der Händler und Gastronomen Befürworter der jeweiligen Satzungen. So erklärte Norman Weßling, dass er vor allem auch die Selbstständigen selbst in der Pflicht sieht. „Wenn ich ein Geschäft habe, bin in erster Linie ich selbst dafür verantwortlich, dass es läuft.“ Aus seiner Sicht macht die Satzung vor allem in der Altstadt auch Sinn. Man müsse aber darüber sprechen, ob die Eigenwerbung im Außenbereich, zum Beispiel auf Sonnenschirmen, nicht wichtiger und wertiger ist als die von Brauereien und so auch erlaubt sein sollte. Auch Nihad Kumalic sprach sich im Kern für die Satzung aus. „Die Satzung soll nicht abgeschafft werden, was eventuell in der Oberstadt für Herrn Weßling passt für mich unten in der Wilhelmstraße vielleicht nicht. Sie muss so zugeschnitten sein, dass es auf die jeweiligen Bedürfnisse passt.“

Als möglicher Investor in Lüdenscheid sieht sich Gastronom Cüneyt Ünükür, der in Dortmund verschiedene Gastronomiekonzepte im U-Turm betreute. Er zeigte sich „erschrocken“ über die vorhandenen Gestaltungskonzepte, die in seinen Augen die Kreativität und Individualität der einzelnen Gastronomen und Händler sehr stark beschneiden würden. Es könne nicht das Ziel der Stadt sein, „dass alles gleich aussieht.“ In dasselbe Horn stößt auch Gastronom Thomas Klasen aus der Altstadt. „Wenn man in Dortmund durch die volle Stadt geht, sieht man volle Terrassen und Biergärten. Da stört sich nicht einer an den bunten Schirmen, die mit Werbung der Brauereien versehen sind.“

Stammtische sollen es richten

Grundsätzlich konnte man sich am Dienstag darauf einigen, dass vor allem ein besserer Austausch zwischen Stadt und Selbstständigen in der Innenstadt notwendig ist. Nun sollen erst einmal Stammstiche gegründet werden. Bei diesen sollen sich Händler und Gastronomen der Oberstadt und der Wilhelmstraße zusammenschließen und ihre Wünsche und Verbesserungsvorschläge für die Satzungen zusammentragen. Damit soll es dann in den Dialog der Stadt gehen, um die Satzungen bei Bedarf anzupassen. Um die Stammtische zu organisieren, sollen „Stammtischführer“ aktiv werden. Also Personen, die die Stammstiche organisieren und die Einzelnen zusammenbringt. Für die Oberstadt hat diese Funktion Willi Denecke übernommen. Dieser teilte unserer Redaktion später mit, dass nun schon recht kurzfristig ein erstes Treffen in der Oberstadt organisiert werden soll, um das Thema nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wer den Stammtisch in der Wilhelmstraße organisiert, steht bislang noch offen.

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Ich bin 31 Jahre jung und gehöre zur viel besprochenen Generation Y. Seit 1999 nutze ich digitale Kommunikationswege und seit 2012 bin ich Online-Unternehmer und berate und betreue Unternehmen als Social Media Experte.

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