Krasse Gegensätze fanden die Kiersper auf ihrer Reise in die Ukraine. Foto: H. Willnat

Kierspe/Wischgorod. Krieg, Inflation, krasse soziale Unterschiede, aber auch Aufbruchstimmung bei jungen Leuten. Das sind Eindrücke, die Vorstandsmitglieder des Vereins „Kinder von Tschernobyl e.V.“ Gisela Steinbach, Antje Krings-Hawlina und Helmut Willnat Mitte Mai bei ihrem Koordinationsbesuch in der Ukraine gewonnen haben. Sie besuchten ihre Partner in Wischgorod und Bila Zerkwa. Die Tach-Redaktion fasst Willnats Eindrücke, der mit seinem Auto gefahren war, zusammen:

Wenn man durch die Nord-West-Ukraine fährt scheint nichts auf die Kriegssituation hinzudeuten. Die Felder sind bestellt, die Städte scheinen unverändert. Die Bautätigkeit an Einfamilienhäusern ist zwar deutlich reduziert, aber in den Städten sprießen die Hochhausbauten. Die erzielbaren Preise für die Wohnungen sind jedoch stark gefallen.

Weniger russische Waren

Die Geschäfte sind unverändert gefüllt; allerdings werden russische Waren deutlich weniger angeboten. Russischer Wodka ist im Supermarkt nicht mehr zu finden.

Hin und wieder zeigt sich übersteigertes Nationalbewusstsein. So kann es sein, dass die Kellner im Restaurant nur auf Ukrainisch angesprochen werden wollen, nicht auf Russisch reagieren. Dies ist jedoch die Ausnahme. Ansonsten hört man im Alltag beide Sprachen nebeneinander.

War der Wechselkurs Ende 2013 noch bei 10 Griven für einen Euro, so tauschten wir jetzt 28 Griven für einen Euro. Alle Preise, die vom Wechselkurs abhängen, haben sich also in 2,5 Jahren fast verdreifacht! Zusätzlich ist der Gaspreis stark gestiegen.

Pause für die Reisegruppe des Kiersper vereins Kinder von Tschernobyl e. V.
Pause für die Reisegruppe des Kiersper Vereins Kinder von Tschernobyl e. V.

Das offizielle Existenzminimum in der Ukraine liegt bei monatlich 1.400 Griven (etwa 50 €), der Mindestlohn bei 1.450 Griven (etwa 52 €) und die Mindestrente bei 1.130 Griven (etwa 40 €) im Monat. Wenn man jetzt bedenkt, dass alle westlichen Produkte vom Wechselkurs abhängen, dass das Gas stark verteuert ist, dass Benzin etwa 0,70 €/Liter kostet, dann wundert man sich, dass die Ukrainer überhaupt noch irgendwie klar kommen. Viele schaffen es zwar nicht, aber das zeigt man nicht. Da die „besseren“ Zeiten noch nicht so lange her sind, kann man den Schein noch von der Substanz bewahren.

Manchmal trügt der Schein

Wir besuchten eine neue Familie, deren Kind wir mit Medikamenten helfen wollen und staunten über die tolle Wohnung. Wird hier Hilfe gebraucht? Dann erfuhren wir, dass die Mutter eine sehr gute und hoch bezahlte Stelle gehabt, Geld gespart und dann zusammen mit dem Geld der Eltern diese Wohnung beschafft hatte. Wegen der Krankheit der Tochter musste sie inzwischen ihre Stelle aufgeben und kann jetzt nur noch drei Tage in der Woche arbeiten. Derweils passt die Oma, die mit in der Wohnung lebt, auf die Tochter auf. Jetzt kann sie mit ihrem Verdienst gerade noch die laufenden Kosten der Wohnung decken. Die Medikamente für die Tochter überfordern sie völlig. Die Wohnung sieht zwar toll aus, aber das Leben darin ist unglaublich schwer. So trügt der Schein in vielen Familien.“

Aufbruchstimmung

Unter jungen Leuten gibt es nach der Maidan-Revolution eine Aufbruchstimmung. - Das Foto zeigt die Opfer des Maidan. Foto: H. Willnat
Unter jungen Leuten gibt es nach der Maidan-Revolution eine Aufbruchstimmung. – Das Foto zeigt die Opfer des Maidan.
Foto: H. Willnat

Wischgorod ist eine stark wachsende Stadt nahe Kiew, die inzwischen fast 30.000 Einwohner hat. Nach dem plötzlichen Tod des Bürgermeisters wurde ein Nachfolger gewählt, der erst 25 Jahre alt ist. Nach der Maidan-Revolution sind viele neue Kräfte in der Ukraine gewachsen und es bleibt abzuwarten, ob dies gut oder schlecht ist. Die Aufbruchsstimmung unter jungen Menschen ist deutlich vorhanden.

Für den Partner „Bereginja“ ergeben sich Umstellungen. Da die Verwaltung der großen Wohnblocks neu strukturiert wird, muss „Bereginja“ über den Raum künftig mit einem privaten Eigentümerverein verhandeln, für den das soziale Interesse der Stadt keine Rolle mehr spielen wird.

Mit der Leiterin der Kinderpoliklinik in Wischgorod Tatjana Safonowa konnten Gisela Steinbach und Antje Krings-Hawlina über die chronisch kranken Kinder sprechen, die der Kiersper Verein bei der Medikamentenbeschaffung unterstützt.

Schwere Schicksale

Einige Schicksale berühren die Kiersper besonders: Da ist der fast 14-jährige Wowa mit einer der schlimmsten Formen von Mukoviszidose. Er ist klein wie ein Neunjähriger. Vor kurzem verlor er noch den Vater, der die Familie ernährte. Die Unterstützung aus Kierspe ist für die Mutter eine große Hilfe, besonders mental. Sie bedankte sich sehr für die Hilfe und bat, allen Mitgliedern und Spendern des Vereins diesen Dank weiterzugeben. Sie meinte, dass fremde Leute einem manchmal näher wären als die eigenen Verwandten.

Dank der Hilfe aus dem Volmetal kann Maxim wieder laufen.
Dank der Hilfe aus dem Volmetal kann Maxim wieder laufen.

Maxim spielt sehr gern Fußball und brach sich dabei kürzlich den Finger. Zu hören, dass er Fußball spielt ist allein schon unglaublich! Als Gisela Steinbach ihn kennen lernte, konnte er nicht auftreten, also gar nicht laufen, weil seine Achillessehne so verkürzt war, dass er seine Füße nicht gebrauchen konnte. Durch die Hilfe eines sehr großzügigen Spenders konnte er operativ behandelt werden und ausreichend Nachsorge erhalten, so dass er jetzt ganz normal zur Schule gehen kann und mit seinen Freunden Fußball spielen.

Hilfe lebenswichtig

Katja hat die schwerste Form der Mukoviszidose. Nach dem Aufstehen braucht sie 2,5 Stunden für ihre Gymnastik und Inhalationen. Tatjana Safonowa sagt, dass sie noch nie eine so schwere Form von Mukoviszidose gesehen hätte. Für die Kinder, denen der Kiersper Verein dank seiner Spender hilft, ist diese Hilfe lebenswichtig. Die Eltern bedanken sich herzlich für diese ihnen unfassbare Unterstützung aus Deutschland.

Armenküche in der Kirche

Bila Zerkwa ist eine Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern. Der Kiersper Verein arbeitet hier mit einer kleinen Kirchengemeinde zusammen, die parallel einen humanitären Hilfsverein unterhält. Der ehrenamtliche Pastor Stepan Gubatij hat darüber hinaus vier Pflegekinder aufgenommen, deren Mutter kürzlich verstarb und deren Vater alkoholkrank und drogenabhängig ist.

Die Kirchengemeinde betreibt in ihrem Gemeindehaus eine kleine Armenküche, die werktäglich für 60 Personen kocht. Diese Arbeit wird vollständig vom Kiersper Verein finanziert. Die Gäste bedanken sich ganz ausdrücklich bei den Deutschen. Die alten Leute, die noch den Krieg bzw. seine Folgen erlebt hatten, anerkennen diese Hilfe als Wiedergutmachung.

Stepan Gubatij der Zauberer

Stepan Gubatij hat den Spitznamen „Zauberer“, weil er es immer wieder schafft, den Menschen irgendwie wirksam zu helfen. So hat er 15 bis20 Obdachlose unterbringen können. Vier von ihnen leben in dem Kirchengebäude. Drei weitere leben in einem Gebäude der Kirche in einem Dorf. Er hat gute Kontakte zu Stadt- und Kreisverwaltung und schafft es dadurch, vielen zu helfen. Vielen Flüchtlingen konnte er Arbeit verschaffen. Weil die Flüchtlinge dadurch für sich selbst sorgen können, gibt es auch keinen großen Widerstand in der Bevölkerung.

Vertrauenswürdige Partner

Die Kiersper sind dankbar für die Partner, die sie in der Ukraine haben. Diese arbeiten mit Umsicht und Geschick. Dabei sind sie den Menschen zugewandt und verstehen die Situation vor Ort viel besser, als Ausländer es je vermöchten. Sie arbeiten absolut zuverlässig und sind voll vertrauenswürdig. Sie machen auch dieselbe Erfahrung wie die Deutschen, nämlich dass es ein Gewinn an Lebensqualität ist, für andere da zu sein und Schwächeren zu helfen.

Gut ist es zu beobachten, dass auch in der Ukraine die Hilfsbereitschaft zu keimen beginnt. Sie ist noch nicht sehr ausgeprägt, aber sie ist erkennbar. Allerdings ist es wie bei uns auch: die wirklich Reichen helfen nicht.

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