Ende Februar wird die ehemalige Hermann-Gmeiner-Schule geräumt. Das Mobiliar aus der Notunterkunft geht zurück an die Bezirksregierung Arnsberg.

Lüdenscheid. Fliegender Wechsel: Am Dienstagabend feierten die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in der Hermann-Gmeiner-Schule mit über 140 Menschen Abschied. Dr. Ulrich Gallenkamp und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter tischten Stadtfest-Kuchen vom Rotarierstand auf. „Die 156 Stück Gebäck reichten“, freute sich Dr. Ulrich Gallenkamp. Schon am Mittwoch war die Notunterkunft leergezogen.

MdBs Petra Crone und Matthias Heider vor Ort

Die beiden Bundestagsabgeordneten Petra Crone (SPD) und Dr. Matthias Heider (CDU) sowie Vize-Regierungspräsident Volker Milk erlebten dann am Vormittag hautnah, wie 140 neue Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer die ehemalige Schule am Dickenberg erreichten – ein Zeichen dafür, welcher Druck auf Lüdenscheid und den anderen Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen lastet.

Thomas Ruschin, Matthias Heider, Volker Milk und Petra Crone besuchten mit Dr. Ulrich Gallenkamp und Oliver Branscheid die Unterkunft am Dickenberg.
Thomas Ruschin, Matthias Heider, Volker Milk und Petra Crone besuchten mit Dr. Ulrich Gallenkamp und Oliver Branscheid die Unterkunft am Dickenberg.

Johanniter und die vielen Ehrenamtlichen haben die Lage am Dickenberg aber nach wie vor im Griff: „Lüdenscheid ist ein gutes Beispiel für Hilfsbereitschaft.“ So bewertet Dr. Matthias Heider die Lage vor Ort. Er sei als Politiker und als Bürger „sehr berührt“. Die beiden Bundespolitiker und der Arnsberger Spitzenbeamte machten sich am Mittwoch vor Ort ein Bild. Volker Milk lobte im anschließenden Pressegespräch die Kooperationsbereitschaft der Stadt Lüdenscheid, den Einsatz der Johanniter und der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer.

Zahlen steigen im Oktober und November

Volker Milk rechnet damit, dass NRW in den kommenden Monaten noch mehr Flüchtlinge aufnehmen muss. Zurzeit werden täglich rund 2800 Menschen aufgenommen, doppelt so viele wie prognostiziert. „Erfahrungsgemäß steigen die Zahlen in den Monaten Oktober und November nochmals an“, ergänzte der Vize-Regierungspräsident.

Schon am Freitag wird der Märkische Kreis 400 Neuankömmlinge aufnehmen. Sie werden voraussichtlich in der ehemaligen Förderschule Susannenhöhe in Halver sowie in der Sporthalle des Lüdenscheider Berufskollegs am Raithelplatz untergebracht.

Tabus bei der Unterbringung fallen

Die Turnhalle dient als Gemeinschaftsraum.
Die Turnhalle dient als Gemeinschaftsraum.

Volker Milk räumte ein, dass bei der Unterbringung inzwischen die „letzten Tabus“ fallen. Inzwischen seien in Köln und Selm zwei Zeltstädte errichtet worden. „Früher undenkbar“. An erster Stelle stehe aber das Bemühen, Obdachlosigkeit zu verhindern.

Ob die Stadt Lüdenscheid weitere Flüchtlinge aufnehmen muss, ist derzeit völlig offen. Dass das möglich aber auch sehr schwierig werden könnte, erläuterte Sozialdezernent Thomas Ruschin. „Die Organisation steht. Da haben wir eine Menge gelernt. Auch Gebäude wären vorhanden. Was fehlt, sind eher die praktischen Dinge.“ So sei es zurzeit nahezu unmöglich, in Deutschland Feldbetten und Bettwäsche zu bekommen. Die Betten der Hermann-Gmeiner-Schule hat Oliver Branscheid, Einsatzleiter der Johanniter, im Sommer in Passau übernommen. Sie stammen aus Österreich.

Bisher kein schriftlicher Vertrag

Ungewöhnlich für Behörden: Über die Kooperation der Stadt Lüdenscheid und der Johanniter besteht noch kein Vertrag. Wie auch? „Zunächst war die Schule am Dickenberg als Notunterkunft für zwei Tage vorgesehen. Daraus wurden zwei Wochen und schließlich acht Wochen.“ Inzwischen gehen die Verantwortlichen davon aus, dass für mindestens sechs Monate Flüchtlinge in der Hermann-Gmeiner-Schule leben werden.

Oliver Branscheid lobte die Zusammenarbeit mit den in Lüdenscheid zuständigen Einrichtungen wie STL und der Zentralen Gebäudewirtschaft (ZGW). „Da wurde nicht lange diskutiert, sondern gehandelt.“ Er selbst hat ein Registrierungsverfahren entwickelt, dass aus dem Katastrophenschutz entliehen ist und an die besonderen Verhältnisse angepasst wurde. Branscheid: „Wir behandeln die Menschen als Patienten.“

Vielfach schlechter Gesundheitszustand

Viele der Neuankömmlinge seien in einem gesundheitlich schlechten Zustand. Dass reiche vom Parasitenbefall bis zu ernsthaften Erkrankungen. Im Registrierungsverfahren werde jede Auffälligkeit erfasst. Inzwischen liegen sogar Listen von Arzt- und Zahnarztpraxen, Apotheken sowie Kliniken vor, auf denen Fremdsprachenkenntnisse der jeweiligen Mitarbeiter vermerkt sind. „Alles klappt sehr gut.“

Die Sprachkurse seien gut besucht, betonte Jutta Beißner von den Johannitern.
Die Sprachkurse seien gut besucht, betonte Jutta Beißner von den Johannitern.

Bisher haben 320 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer die Einrichtung am Dickenberg durchlaufen. Jutta Beißner, Öffentlichkeitsreferentin der Johanniter, lobt die Hilfsbereitschaft und Toleranz der Bevölkerung. „Das ist nicht selbstverständlich.“ Inzwischen könne am Dickenberg sogar eine Art Freizeitprogramm mit Sprachkursen, Tanzkursen, Gitarrenunterricht und mehr angeboten werden.“ Wir planen schon jetzt langfristig“, betonte Jutta Beißner. „Sogar schon für eine Weihnachtsfeier.“

Immer wieder neue Herausforderungen

Die hauptamtlichen Helfer werden immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. So war unter den Flüchtlingen eine Frau, die im achten Monat schwanger ist. „Andere wussten gar nicht, dass sie schwanger sind“, berichtete Oliver Branscheid.

Vize-Regierungspräsident Volker Milk hofft, dass durch die Einrichtung von zwei zentralen Registrierungsstellen (am Flughafen Münster/Osnabrück und in Herford) die Zahl der Notunterkünfte von derzeit 141 in NRW verringert werden kann. Die Beschleunigung dieses Verfahrens steht auch für die SPD-Politikern Petra Crone an erster Stelle.

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