Von Almut Kückelhaus

Hagen. Es geht nur gemeinsam. Das  signalisierte bereits die Veranstaltergemeinschaft aus SPD- und Grünen Frauen mit der Gleichstellungsstelle, die eine spannende Mischung von Referentinnen und Referenten zum Thema „Frauen sicher unterwegs“ zusammengeholt hatte. Das Treffen mit Vorträgen und Diskussion am Montag im Emil-Schumacher-Museum wurde von etwa 60 Frauen und einigen Männern besucht. Es moderierten Birgit Buchholz und Kirsten Pinkvoss (SPD).

Aktualität verleiht Forderungen mehr Nachdruck

Nach den Silvester-Übergriffen sollte die Debatte versachlicht und in politische Bahnen gelenkt werden. Die Veranstalterinnen wollen die Aktualität des Themas nutzen, um uneingelösten Forderungen der Frauenbewegung nach besserem Schutz wieder mehr Nachdruck zu verleihen.

„Ein Nein reicht bislang immer noch nicht“

Irmingard Schewe-Gerigk (rechts)
Irmingard Schewe-Gerigk (rechts)

In ihrem pointierten Eingangs-Referat stellte Irmingard Schewe-Gerigk (Grüne, Ex-MdB aus Herdecke) heraus, dass das Gewalt-Problem weder neu noch auf den öffentlichen Raum beschränkt sei. „Über 100 Millionen Frauen in der EU haben nach ihrem 15. Lebensjahr Gewalt erfahren“. Dabei sei in den allermeisten Fällen das eigene Heim der Tatort. Nur zwei Prozent der Täter seien Fremde. Bei keinem anderen Delikt wie bei sexualisierter Gewalt würden so viele Taten nicht angezeigt und so wenige Täter verurteilt – nur sechs bis acht Prozent der Angeklagten. Die Übergriffe in Köln seien eine neue Dimension sexualisierter Gewalt. Man müsse aber fragen, weshalb der Staat die Opfer nicht schützen konnte. „Gesetze und Rechtsprechung müssen sich erheblich ändern.“

Schewe-Gerigk wandte sich aber strikt dagegen, das Thema für rassistische Ressentiments instrumentalisieren zu lassen.

Nicht auseinander dividieren lassen“

Sami Charchira
Sami Charchira

Dem konnte Sami Charchira, Sozialpädagoge aus Düsseldorf, sich sofort anschließen. Er verwahrte sich im Zusammenhang mit der Köln-Debatte gegen Pauschalisierung und wies auf die Unterschiede zwischen und in den nordafrikanischen Ländern hin. Auch Muslime wüssten, dass man Frauen nicht zu begrapschen hätte. Die Täter gehörten zu international gemischten Gruppen von Kleinkriminellen, die meist seit Jahren inder EU lebten und Normen bewusst verletzten. „Wir haben alle zu wenig hingeschaut“.

Gewalt wird unterschiedlich definiert

Die Juristin Ulrike Schultz ging der Frage nach, warum es so schwer ist, Belästigung, Beleidigung oder Gewalt juristisch zu ahnden. Der Verstoß gegen den freien Willen müsse eindeutig nachgewiesen werden. Es herrsche große Unsicherheit. Eine empfundene Beleidigung, etwa ein „eindeutiges“ Angebot per Handy, sei juristisch nicht unbedingt eine solche. Zudem müsse man auf die Anwendung des Rechts achten. Hier forderte sie mehr Konsequenz: „Wir müssen bestrafen, nicht nur resozialisieren.“ Sonst werde der Staat nicht ernst genommen. Wie viele Anwesende vermisste Ulrike Schultz Respekt und Rücksichtnahme im öffentlichen Raum, etwa in der Bahn.

Ulrike Schultz
Ulrike Schultz

„Ich sehe dunkelgrau“

Wer  es gerne konkreter wollte, bekam Auskunft von der Hagener Polizei. Roland Schulz vom Opferschutz stellte klar, dass die Zahl für angezeigte Übergriffe nicht angestiegen sei. 2015  wurden 103 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt. Als erfahrener „Schutzmann“ wünschte er sich mehr Kolleginnen und Kollegen, um Präsenz zeigen zu können.

Claudia Dahmen als Selbstschutz-Trainerin geht die Angst auf dem Heimweg ganz praktisch an. Sie entwickelt persönliche Konzepte mit Betroffenen, klärt, wo Angst-Räume sind. Von Pfefferspray riet sie ab und demonstrierte einen sehr lauten Taschenalarm. Ihr Vorschlag, sich „strategisch auszurichten“, traf auf etwas Unmut. Viele Frauen wollen sich nicht die Verantwortung für ihre Sicherheit aufbürden lassen.

Roland Schulz und Claudia Dahmen
Roland Schulz und Claudia Dahmen

Für eine breitere Diskussion war wenig Zeit. Aus den Beiträgen ging jedoch hervor, dass Übergriffe oder die Angst davor für die Frauen zum erlebten Alltag gehören, sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken – und Frust oder Wut hervorrufen.Podium und Publikum forderten einvernehmlich Prävention, und zwar mit einem umfassenden Konzept, von der Elternarbeit im Kindergarten bis zur Lehrerausbildung. „Es müsste mehr laufen“, gerade auch in den Schulen.

 

„Gewalt fängt an, wenn wir schweigen“

Das Praxisbeispiel aus Duisburg kam gut an. Susanne Lohaus und Burak Yilmaz stellte ihr Projekt „Heroes“ vor, das Jungen mit Migrationshintergrund zu Kämpfern für Gleichstellung macht. Schließlich seien auch sie in der patriarchalen Ordnung in ihrer Freiheit beschnitten. 16 bis 25-Jährige gehen in Teams in die Schulklassen und regen mit Rollenspielen ein Nachdenken über Geschlechterklischees an.

„Natürlich“ fehlt auch bei den acht deutschen „Heroes“-Projekten wie bei der gesamten Präventionsarbeit das Geld. Bedauert wurde, dass am Montag fast nur die ältere Generation vertreten war, was allerdings der Situation in den gastgebenden Parteigruppierungen entspricht.

Die Forderung von Helga Heukeroth (Grüne) fand einhellige Zustimmung: “Wir wollen das Projekt ‚Heroes‘ in Hagen etablieren.“

 

 

 

 

 

 

 

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