Meinerzhagen
Jörg-Christian Schillmöller und Dirk Gebhardt im Gespräch mit Hans Martin Brinkmann. Brinkmann hatte das Warnamt gekauft, nachdem es nicht mehr genutzt wurde.

Meinerzhagen. In einem Jahr zu Fuß durch Deutschland: Mit dieser Idee machten sich zwei Männer am 3. Oktober 2014 auf, um die Nation zu durchqueren – ohne Hilfsmittel, ohne intensive Vorbereitung, dafür mit Kamera und Rechner. Von West nach Ost, durch sechs Bundesländer sind Jörg-Christian Schillmöller und Dirk Gebhardt seitdem unterwegs und dabei offen für alles, für besondere Erlebnisse ebenso wie für Eindrücke aus dem Alltag der Menschen. Sie sind auf der Suche nach einem Bild von Deutschland, das sich aus vielen Mosaiksteinen zusammensetzt. Ihre Eindrücke halten sie im Internet fest. Am vergangenen Wochenende führte sie ihr Weg nach Meinerzhagen. Knapp 24 Stunden machten sie Halt in Meinerzhagen – ein Tag voller Begegnungen.

 

750 Kilometer in zwölf Etappen – Jörg-Christian Schillmöller, im Alltag Nachrichtenredakteur beim Deutschlandfunk, und Dirk Gebhardt, Professor für Bildjournalismus an der TU Dortmund, wandern von Isenbruch in Nordrhein-Westfalen bis ins sächsische Neißenaue, dem östlichsten Punkt Deutschlands. Auf ihrer Route liegen Großstädte ebenso wie Dörfer und ländliche Gegenden. Ihre ersten Etappen durch NRW führten sie bereits vorbei am Braunkohlen-Abbaugebiet Garzweiler II, zum Kloster Knechtsteden und an die Rheingestade bei Zons. Die Planungsgrundlage der beiden Reisenden ist Spontaneität: Auf ihrer Route lassen sich die beiden treiben. Wo sie übernachten, wem sie begegnen, was sie auf ihrer Tour sehen – all dies ergibt sich unterwegs.

Willkommene Alternative zum Hotel

Am vergangenen Wochenende machten die Reisenden in Meinerzhagen Station. Ihre Vorbereitung: ein kurzer Anruf im Rathaus, die Erkundigung nach Übernachtungs- und Besuchsmöglichkeiten. Martina Grella vom Rathaus Meinerzhagen bespricht sich kurz mit Bürgermeister Jan Nesselrath, und schnell sind sich die beiden einig: Eine Übernachtung im Hotel zu organisieren, entspricht nicht dem eigentlichen Geist der Reise.

Ebenso schnell jedoch ist eine Alternative gefunden: Jörg-Christian Schillmöller und Dirk Gebhardt kommen im Wohnwagen der Familie Nesselrath unter, inklusive gemeinsamem Abendessen. „Da dreht sich der Gesprächsstoff um das Leben in unserer Stadt – allerdings aus einer ganz anderen Warte als der der Kommunalpolitik“, so Jan Nesselrath. Spielplätze, Schule und Kindergarten, das Leben am Rand der Natur, wo man am Wochenende auch mal Rehen begegnet, und der Winter im Sauerland werden aus Sicht von Dreijährigen bis Mittvierzigern ausgetauscht.

Teilnahme am Leben in Meinerzhagen

Meinerzhagen
Die Mattenschanze, eines der Wahrzeichen von Meinerzhagen. Foto: Alexandra Gall

Die beiden Wanderer setzen nicht auf sterile Umgebung und vorgefertigte Statements, sie wollen am Leben teilhaben. Spannende, alltägliche und auch rührende Begegnungen ergeben sich am besten ungeplant. Die Nächte vor dem Wohnwagen des Bürgermeisters verbrachten sie beispielsweise im Bergischen Drehorgelmuseum in Marienheide und in einer Wohngemeinschaft syrischer Flüchtlinge: Deutschland pur, mit allen Facetten, und nun eben turbulentes Familienleben mit Wohnwagen.

 

Auf Spurensuche: Zeugnisse der Zeitgeschichte und des Lebens heute

Zuvor treffen sie noch auf eine andere Facette des Alltags in Meinerzhagen, in einer Begegnung, die den vielfältigen Eindrücken von Lebensentwürfen in Deutschland einen weiteren Aspekt hinzufügt: Im Gespräch mit Cengiz Varli geht es um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher religiöser und kultureller Herkunft.

Gespräche mit Cengiz Varli

Cengiz Varli und seine Familie stammen aus der Türkei und leben seit vielen Jahren in Meinerzhagen. Sie gehören hierher, mit deutschem Pass und als aktive Mitglieder der Ahmadiyya Muslim Jamaat-Gemeinde. Dirk Gebhardt: „Diese Religionsgemeinschaft ist durchweg pazifistisch, und in unserem Gedankenaustausch wurde sehr deutlich, dass Cengiz Varli sich als deutscher Staatsbürger islamischen Glaubens sieht und auch so Teil der Gesellschaft sein will. Dass der Islam zu Deutschland gehört, wie Angela Merkel kürzlich zitierte, ist ein wichtiger Schritt, muslimische Menschen als Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Vielleicht geht es für viele darum, einfach in ihrem Anderssein akzeptiert zu werden – seien es gesellschaftliche Kriterien oder, wie in diesem Fall, in dem des Glaubens.“

Steiler Aufstieg zur Mattenschanze

Der Montag führt Jörg-Christian Schillmöller und Dirk Gebhardt außerdem zu einem Wahrzeichen Meinerzhagens. Zunächst steht ein steiler Anstieg auf die Mattenschanze an, die seit 1957 die Stadt überragt und Meinerzhagen als zeitweise höchste Mattenschanze Deutschlands unter Sportfans bekannt machte. Die beiden erwartet ein spektakulärer Blick, „wenn man den Mut hat, die fragil anmutende Treppe zu nehmen“.

Abstecher in den Luftschutzbunker

Eine andere historische Stätte, die die beiden erforschen, ist das Warnamt an der Heerstraße, in dem zu Zeiten des „Kalten Krieges“ auch ein Luftschutzbunker eingerichtet wurde. Nur zehn dieser Ämter waren bis zum Ende des 1990er Jahre in Deutschland im Einsatz. Eine beeindruckende geschichtliche Hinterlassenschaft, wie Dirk Gebhardt feststellt: „Eine riesige Anlage schlummert hier über vier Stockwerke tief im Boden, die Zeugnis unserer jüngeren Geschichte abgibt und eigentlich der Öffentlichkeit als Museum zugänglich gemacht werden sollte.“

Ein Jahr Deutschland auch im Internet

Sehr persönliche Eindrücke über das vielfältige Leben in der Stadt und Zeugnisse der Zeitgeschichte: Schon nach knapp einem Tag machen sich die Gäste wieder auf zurück nach Köln. Bald werden sie ihre Etappe fortsetzen. Ihre Gedanken und Bilder zu ihrer Stippvisite in Meinerzhagen nehmen sie mit und halten sie fest, für alle einsehbar und zusammengefasst auf ihrer Internetseite. Wenn Sie in Gedanken mitreisen möchten, sind Sie herzlich eingeladen – eine Gelegenheit ergibt sich unter www.einjahrdeutschland.de oder unter www.facebook.com/1jahrdeutschland. Wir verabschieden uns hier von Jörg-Christian Schillmöller und Dirk Gebhardt, danken für ihren Besuch und wünschen ihnen weiter eine gute Reise voller Begegnungen – quer durch Deutschland.

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