Swany Diehl und Horst Beste, sie gründen eine Schule in Albanien und freuen sich über Spenden. Fotos: Iris Kannenberg und Swany Diehl

Lüdenscheid/Tirana. Was hat Lüdenscheid mit so einer erschreckenden Sache wie der „Blutrache“ zu tun? Nicht viel auf den ersten Blick. Ganz schön viel auf den zweiten. Denn mit der sicher wünschenswerten Öffnung europäischer Grenzen, wie der hin zu Albanien, schwappt ein Problem nach Deutschland, das für die davon Betroffenen alles andere als einfach zu lösen ist. Sicher, Blutrache, die kennt man aus Filmen wie „Der Pate“. Aber im Film handelt es sich um Konflikte, die mehr im Verborgenen ausgetragen werden und nur von einigen wenigen „führenden Mafia-Familien“.

Das tägliche Leben

Swany Diehl mit dem Ehepaar Albani.

In Albanien ist das anders. Da gehört Blutrache zum täglichen Leben. Lange während der kommunistischen Herrschaft im Zaum gehalten, ploppte dieses Thema nach dem Sturz dieses Systems im Jahr 1990 für viele völlig unerwartet so verstärkt auf, dass man bereits 14 Jahre später von über 2500 bekannten Fällen aktiv begangener Blutrache sprach. Und von einem Problem, das sich wie eine Seuche in Albanien ausbreitet. Heute liegt die Zahl der Opfer um ein Vielfaches höher.

Flucht in die Anrainerstaaten

Was bedeutet das für Deutschland? Nun, viele albanische Familien, besonders die der gebildeten, versuchen, diesem grausamen Ritual durch Flucht in die Anrainerstaaten zu entgehen. Denn niemand ist davor sicher. Nicht durch Stand oder Bildung, nicht durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Die Blutrache ist so sehr Teil des albanischen Lebens, dass sie vor niemandem halt macht. Sie hat sich verselbstständigt, eine schreckensvolle Eigendynamik entwickelt.

Nur Verlierer, niemals Gewinner

Seit nunmehr 500 Jahren liefert sie bereits die Gesetzesgrundlage für ein von vielen Eroberungen durch Fremdvölker völlig „aufgelöstes“Volk, das nach der Besatzung durch das osmanische Reich endgültig seine kulturellen und religiösen Wurzeln verlor und sich aus Ermangelung eines besseren, einfach eigene Wurzeln „bastelte“. Frei nach dem alttestamentlichen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, ein Gesetz, das schon damals nicht wirklich funktionierte und nur Verlierer kennt und niemals Gewinner.

Pastor wurde Opfer der Blutrache

Swany mit Elona und ihren Kindern.

Viele albanische Flüchtlinge werden nicht anerkannt als Asylsuchende und müssen zurück in ihr Land, wo sie diesem Ritual dann wieder ausgesetzt sind. Selbst gut in Deutschland integrierte Menschen wie Alban und Sonja Abazi werden mit ihren Kindern „rückgeführt“.

Sonja, die Dozentin für Sprachen ist und ebenso gut Englisch wie Deutsch spricht, hat in Albanien eine Freundin, die Pastorin Elona, deren Mann, ebenfalls Pastor, Opfer der Blutrache wurde.

Erster Eindruck vor Ort

Die ersten Hilfslieferungen sind angekommen.

Auf diesem Weg wurde dieses Thema zum Thema einer Gruppe von Lüdenscheidern, die sich während des Aufenthaltes der Familie Abazi in Lüdenscheid, um sie gekümmert hatten. Ihnen ließ ihre Abschiebung keine Ruhe und so flogen sie bereits wenige Wochen später nach Tirana, um zu sehen, wie es den Abazis wohl ginge. Allen voran Horst Beste und Willi Kebernik wollten sie sich einen Eindruck vor Ort verschaffen.

Swany Diehl, Diakonin bei der evangelischen Kirche, war ebenfalls so betroffen von der Ausweisung der Familie, dass sie kurzerhand ebenfalls nach Albanien flog, um sich dort kundig zu machen. So lernten die Lüdenscheider Elona kennen, die z.Z. einzige weibliche Pastorin in Albanien. Elona tat etwas Außergewöhnliches: Statt wegen des Todes ihres Mannes verbittert zu sein, vergab sie der Familie des Mörders öffentlich und machte so einen viel beachteten Schnitt in die ununterbrochene Fehde der beiden Familien. Ein Schnitt, der einen ersten Schritt darstellt hin zu einem Projekt, das die Familie Abazi, gemeinsam mit der Pastorin und den Lüdenscheidern nun vorantreibt.

Ein vielbeachteter Schnitt

Was die Lüdenscheider in Albanien erlebten, traf sie so sehr, dass es ihnen ein Bedürfnis wurde, in Deutschland aktiv etwas gegen die Blutrache in Albanien zu tun. Warum das wichtig ist? Albanien bewirbt sich als Mitgliedsstatt in der EU. Albanien ist ein Teil Europas und bemüht sich nach Kräften, nach langen Jahren der absoluten Isolation, Anschluss an die westliche Welt zu finden. Religionsfreiheit ist mittlerweile fest verankert, Demokratie und freie Wahlen sind Standard. Es wächst zudem eine Generation heran, die jung ist und sich nach Freiheit und einem modernen Leben sehnt.

Dem gegenüber steht eine archaische, offen gelebte blutige Tradition, die dazu führt, dass die Männer der Familie oft nur noch Nachts das Haus verlassen können. Eine geregelte Arbeit ist ihnen unmöglich. Das führt zu bitterer Armut, Angst und Depression. Und dies wiederum zur Flucht in die benachbarten EU-Länder, wo die Flüchtlinge ein Problem darstellen, das es so eigentlich nicht geben müsste.

Hilfe aus Lüdenscheid

Swany und die Kinder. Ein gutes Team.

Die Gruppe aus Lüdenscheid will helfen. Ganz praktisch. Sie gründen deshalb gerade eine Schule inder Nähe von Tirana, in der nicht nur Nächstenliebe als oberstes Gut gelehrt wird, sondern auch das Verständnis für Demokratie und ein friedliches Zusammenleben ohne Gewalt. Mitinitiator Horst Beste sagt dazu: „Wir können die Generation der Älteren nur schwer direkt erreichen. Auch sie sehnen sich nach Veränderung. Sie können aber nur schwer aus diesem verhängnissvollen Kreislauf ausbrechen.

Was wir tun können, ist, die heranwachsende Generation eine neue Art des Lebens und Denkens zu lehren. Damit einen kleinen Samen des Friedens zu säen in einem Land, das von Familienkriegen erschüttert wird, wie kaum ein anderes in Europa. Albanien ist ein junges Land, ganz buchstäblich, mit vielen Teenagern und Kindern. Eine ganz junge Gesellschaft. Es besteht einfach Hoffnung, jetzt etwas ändern zu können. Wir fahren deshalb regelmäßig mit Hilfsgütern nach Tirana, bauen die erste Schule auf und wünschen uns, damit einen Kaskadeneffekt auszulösen, der sich auf das ganze Land positiv auswirkt. Ein kleiner Stein, der hoffentlich weitreichende Wellen schlägt.“

Spenden für den Bau einer Schule

Hier soll die neue Schule entstehen.

Die Gruppe um Horst Beste, Willi Kebernik und Swany Diehl hat für umfassende Informationen zum Thema gerade eine Webseite online gestellt.

Wer helfen will: Sie suchen gut erhaltene Kleidung, sowie gut erhaltenes Kinderspielzeug und Fahrräder. Tornister und Schulsachen werden ebenfalls gebraucht. Sachspenden können in der Gemeinde Oberrahmede im Kirchenhaus abgegeben werden. Auch Geldspenden sind willkommen. Unter www.blutrache.org finden Interessierte aktuelle Berichte zum Thema, sowie ein Spendenkonto. Horst Beste ist zudem auch telefonisch zu erreichen: Unter 02351 4332065 beantwortet er gerne alle Fragen und koordiniert die Hilfsangebote.

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