Wolfgang Thierse, prominenter SPD-Politiker aus Berlin, war auf Einladung des heimischen Bundestagsabgeordneten René Röspel in den Hohenhof gekommen. Der 52-jährige Röspel gehört selbst seit bereits1998 dem Deutschen Bundestag an. (Foto: Maliga)

Von Klaus Maliga

Hagen. Der frühere Präsident und Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, hat die SPD aufgefordert, wieder verstärkt ihre „sozialdemokratische Haut zu Markte zu tragen, damit die Menschen die SPD-Mitglieder nicht nur als staatliche Akteure, sondern als sozialdemokratische Nachbarn wahrnehmen“ könnten. Der 72-jährige SPD-Politiker war heute Nachmittag auf Einladung des heimischen Bundestagsabgeordneten René Röspel zum „Salongespräch“ in den Hohenhof gekommen, bevor er am Abend bei der Jubilarehrung der Hagener SPD in der Stadthalle auftrat.

Wohin entwickelt sich Deutschland?

Timo Schisanowski, Hagens SPD-Unterbezirksvorsitzender, hieß den Gast aus Berlin willkommen. (Foto: Maliga)
Timo Schisanowski, Hagens SPD-Unterbezirksvorsitzender, hieß den Gast aus Berlin willkommen. (Foto: Maliga)

Wolfgang Thierse, eines der bekanntesten Gesichter der Umbruchjahre in der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands, war in dem „Salongespräch“ zunächst mit René Röspel und dann dem gut 60-köpfigen Auditorium ein breites Themenspektrum aufgegeben: Wo steht die Gesellschaft? Wohin entwickelt sie sich?

Der gebürtige Breslauer, auch Sprecher der „Christen in der SPD“ und beratend für die Grundwertekommission der Partei tätig, ordnete dabei den Flüchtlingsbewegungen heute einen ähnlichen historischen Einschnitt zu, wie er 1989 durch den Mauerfall geschah. Die Veränderungen seien aktuell möglicherweise sogar noch größer – Thierse sprach von einem „tief verunsicherten und zerstrittenen Kontinent Europa.“

Dass die Zuflucht von einer Million Menschen aus anderen kulturellen und religiösen Zusammenhängen letztlich auch im „Salongespräch“ breiten Raum einnahm, war nicht verwunderlich. Aber dem Gast aus Berlin gelang es, andere Dimensionen aufzuzeigen.

Klartext ohne spektakuläre Wortwahl

René Röspel (links) moderierte das "Salongespräch". (Foto: Maliga)
René Röspel (links) moderierte das „Salongespräch“. (Foto: Maliga)

Ohne spektakuläre  Wortwahl und in leisem Ton fesselten seine persönlichen Erinnerungen an die Wendezeiten. Sie verdeutlichten einen entscheidenden emotionalen Unterschied, mit dem sich die Menschen damals mehrheitlich den historischen Veränderungen stellten: der Dankbarkeit für die Wiedervereinigung. Dieses Gefühl speiste sich aus der Lebenserfahrung der Ostdeutschen, deren Leben – angefangen vom Aufstand 1953 bis hin zum Prager Frühling und der polnischen Solidarnosc-Bewegung – für viele Menschen eine Biografie der Niederlagen gewesen sei. Die friedliche Revolution der Ostdeutschen von 1989/90 empfinde er immer noch „als politisches Glücksgefühl im Bauch und im Herzen“, so Thierse.

Der Theatersaal dse Hohenhofes: Die SPD wählte diesen Ort für das nachmittägliche "Salongespräch" aus.
Der Theatersaal des Hohenhofes: Die SPD wählte diesen Ort für das nachmittägliche „Salongespräch“ aus.

„Emotionale Grundierung“

Die neue Herausforderung, die die große Flüchtlingszahl für die Menschen bedeute, würde aber ohne diese positive „emotionale Grundierung“ wahrgenommen. Die Diskussion gerade auch mit dem Publikum zeigte, dass der SPD-Politiker in seiner Analyse immer wieder über die sozialen und finanziellen Probleme, die viele Menschen im Land spüren und den Flüchtlingen zuschreiben, hinausgeht.

Ohne die inzwischen allseits diskutierten Schwierigkeiten abzuschwächen, legte der frühere Bundestagspräsident Wert darauf, dass sich die Rechtswende vieler Menschen damit allein nicht erklären lasse. Vielmehr müssten – besonders auch im Hinblick auf die Menschen der früheren DDR – „viele den Himmel ihrer Überzeugungen umräumen“, müssten ihre autoritäre Prägung, die „alles von denen da oben erwarte“, abstreifen, und sie müssten auch den Umgang mit Fremden lernen. Thierse: „Auch Westdeutschland brauchte Jahrzehnte, um im Türken nicht den Gastarbeiter, sondern den Nachbarn zu sehen.“ Der Referent brachte mehrfach den Begriff der „Entheimatung“ ins Spiel, weil es eben darum gehe, dass Emotionen eine große Rolle spielten.

„Nicht verteufeln, widersprechen!“

Integration, so einer der Sätze des SPD-Politikers, bedeute: „Heimisch werden im fremden Land. Den Einheimischen darf aber das eigene Land nicht fremd werden.“ Im Umgang mit der AfD empfahl er: „Nicht verteufeln, sondern widersprechen. Zeigen, dass das, was ihr wählt, euch nicht hilft, sondern schadet.“

Erinnerungen an einen früheren Hagen-Besuch: Wolfgang Thierse im Gespräch mit einem Gast der Veranstaltung. (Foto: Maliga)
Erinnerungen an einen früheren Hagen-Besuch: Wolfgang Thierse im Gespräch mit einem Gast der Veranstaltung. (Foto: Maliga)

Mit der Fülle der Argumente, Erklärungen und auch Anekdoten war die zweistündige Veranstaltung ein Plädoyer, den Begriff der Politik nicht zu eng zu fassen, sondern vor allem die Bedeutung von Kultur und Bildung für die Gesellschaft, deren Entwicklung und deren Fähigkeit zur Problembewältigung zu erkennen. Entsprechend wurde auch durch das Publikum zum Ende hin ein besseres Klima für Bildung gefordert. „Der selbstverständliche Stellenwert von Bildung“, so hatte Thierse zusammengefasst, „ist uns leider verlorengegangen.“

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