Lüdenscheid. Nachrodt-Wiblingwerde. Jeder kennt sie, die Geschichten von „Black Beauty“, „Ostwind“, dem „Pferdeflüsterer“ oder „Den Gefährten“. Ganze Bücher wurden über berührende Pferdeschicksale geschrieben und über Menschen, die alles gaben, um dem Pferd zu helfen. Viele Menschen denken daher, so etwas ist Geschichte, ja, ganz nett, aber das passiert ja nicht im wahren Leben. Das ist doch übertrieben oder unwahr oder schlicht kitschig und übertrieben. Hollywood eben.

Solche Geschichten passieren tatsächlich

So sah Donna ein paar Tage nach der Auktion noch aus. Völlig abgemagert.
So sah Donna ein paar Tage nach der Auktion noch aus. Völlig abgemagert.

Jedoch, solche Geschichten passieren tatsächlich. Sie sind echt, wahr und Teil unseres Lebens. Sie passieren direkt in unserer Nachbarschaft. Sind dabei so spektakulär, dass sie erzählt werden wollen. Als positives Beispiel dafür, dass jemand mit ganz schlechten Voraussetzungen trotzdem einmal den Jackpot knacken kann.

Obwohl er sogar „nur“ ein Tier ist. Und ein Tier ist in Deutschland vor unserem Gesetzgeber immer noch eine „Sache“. Es besitzt die gleiche Wertigkeit wie ein Gartenstuhl oder ein Zaunpfahl. Und wenn man ein Tier quält, kommt man mit einer geringeren Strafe davon als wenn man dem Auto des Nachbarn einen Kratzer zufügt.

Jedes Tier ist einzigartig

Ein Tier ist lebendig und einzigartig. Jedes Tier. Und hat ein Recht auf Respekt, Achtung und Würde. Doch, wo fängt das an und wo hört das auf? Donna jedenfalls, von der hier gleich die Rede sein wird, war 3 Jahre lang nicht mehr als ein „Ding“, ein Aktenzeichen, ein „etwas“, nicht ein „jemand“. Von ihrer Herkunft her mit einer Top-Abstammung ausgestattet und ein Pferd wie aus einem Bilderbuch, hatte sie das Pech, mit 4 Jahren an sogenannte „Tiermessies“ verkauft zu werden.

Jahrelang ohne Hufschmied. Donnas Hufe.
Jahrelang ohne Hufschmied. Donnas Hufe.

Was das ist? Das sind Menschen, die Tiere sammeln, wie andere Briefmarken. Immer mit den angeblich besten Absichten, nämlich dem Tier ein gutes Zuhause zu geben. Es womöglich sogar zu retten. Um dann soviele Tiere anzuhäufen, dass diese Personen komplett den Überblick verlieren. Weil Tiermessies nämlich einfach ihre Persönlichkeitsstörung durch das Sammeln von Tieren ausleben.

Dann kommt unweigerlich der Punkt, an dem die Tiere nicht nicht mehr versorgt werden, weil man den Überblick verliert und auch schlicht und einfach die finanziellen Mittel nicht mehr hat.

Verheerend für das Tier

Jetzt gehts ihr gut. Laura und Donna haben sich gefunden.
Jetzt gehts ihr gut. Laura und Donna haben sich gefunden.

Die Folgen? Verheerend! Für die Tiere selbstverständlich. Die Verantwortlichen hören mit dem „Retten“ der Tiere meistens solange nicht auf, bis es zu spät ist.

Wieviele Tiere mittlerweile in Deutschland aus solchen „Tiermessie“-Haltungen gerettet werden, kann man nicht mehr zählen. Meistens werden Tierschützer darauf aufmerksam, gehen zu den Veterinärämtern, versuchen etwas zu bewegen. Was nicht einfach ist.

Denn ein Tier muss buchstäblich fast tot sein, damit es dem Besitzer entzogen werden darf. Vorher werden dem Halter zunächst Auflagen gemacht. Die er oft kurzzeitig erfüllt. Dann wird mal gemistet, auch mal gefüttert, der Zustand des Tieres bessert sich, bevor es nahtlos weitergeht wie bisher.

In den Stallungen herrschte das blanke Elend

Da war sie noch halb verhungert.
Da war sie noch halb verhungert. Aber schon auf dem Weg in ihr neues Leben.

So geschehen in Soest auf einem Pferdehof. Hier war auch Donna untergebracht. Zusammen mit 87 anderen Pferden. In einer von außen sehr schönen Anlage. Ein richtiges Muster-Gut eben. Mit großen Stallungen, Reithalle, Round-Pen. Niemand hätte im Vorbeifahren für möglich gehalten, dass in den Stallungen das blanke Elend herrschte.

Denn innen standen 87 Pferde, große und kleine, alle in ihrem eigenen Dreck. Die Hufe unbeschlagen, ungepflegt, ohne Futter. Viele von ihnen jahrelang ohne Freigang. Und das bei Tieren, die dazu geboren werden, sich zu bewegen.

Seit 2011 bereits Probleme

Ihr kann nichts mehr passieren. Selbst die Hunde passen auf sie auf.
Ihr kann nichts mehr passieren. Selbst die Hunde passen auf sie auf.

Laut des Soester Anzeigers vom 12.3.2015 gab es seit 2011 Hinweise auf Probleme mit der Haltung der Pferde. Das legt jedenfalls der Bericht einer Familie aus Bad Sassendorf nahe, die ihr Sportpferd von Oktober 2010 bis März 2011 auf dem Hof eingestellt hatte.

Als offenkundig wurde, dass das Pferd wegen unzureichender Fütterung abgemagert war, hatte die Familie das Tier auf einem anderen Hof untergebracht und den Einstellvertrag gekündigt. Fohlen und Jährlinge hätten nach ihren Aussagen quasi ständig in den Boxen gestanden und so gut wie nie das Sonnenlicht gesehen. Gleiches galt für die Shetland-Ponys, die als Herde in einer Scheune gehalten wurden, und sich mehr oder weniger unkontrolliert vermehrten.

Finanzielle Engpässe sorgten für noch mehr Probleme.

Das Grasen klappt wieder. Zu Anfang fiel Donna immer vornüber, der Kopf war zu schwer für den abgemagerten Körper.
Das Grasen klappt wieder. Zu Anfang fiel Donna immer vornüber, der Kopf war zu schwer für den abgemagerten Körper.

So war bereits 2011 im Zuge eines Insolvenzverfahren eine Zwangsbewirtschaftung in die Wege geleitet worden. Das hatte allein der Insolvenzverwalter veranlasst, dass hatte mit Tierschutz zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts zu tun. Seit Januar 2012 war das Gestüt dann mehr als 20 Mal direkt durch den Veterinärdienst oder indirekt durch den Hoftierarzt kontrolliert worden.

Jetzt 2015 war dann nach dem Tod zweier älterer Pferde, die offensichtlich verhungert waren, Schluss mit Kontrolle und Auflagen und die Zeit, unverzüglich zu handeln. Innerhalb von nur 3 Monaten wurde der Hof geschlossen, die Pferde befreit, den Eigentümern jeder Zugang in die Stallungen verboten und eine Auktion organisiert.

Den Helfern aus einem benachbarten Reitstall, die die Pferde zur Pflege als erstes ehrenamtlich übernahmen, bot sich ein Bild des Jammers. Pferde, die kaum mehr laufen konnten, weil ihre Hufe verfault waren, abgezehrte und verhungerte Tiere, Boxen, die wohl jahrelang nicht mehr gemistet wurden, Pferde, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Fünf von ihnen konnten nicht mehr gerettet werden. Sie waren so verhungert, dass sie nicht mehr in der Lage waren, Nahrung aufzunehmen. Der Punkt war bereits überschritten. Die anderen wurden tierärztlich notversorgt und bereit gemacht für die schnell organisierte Auktion vor Ort.

Über 900 Pferdefreunde boten auf die Pferde

Am meisten Spaß macht Donna das futtern. Klar, sie hat eine Menge nachzuholen.
Am meisten Spaß macht Donna das futtern. Klar, sie hat eine Menge nachzuholen.

Aus dem ganzen Land fanden sich über 900 Pferdefreunde ein, um auf die geretteten Pferde zu bieten. Währenddessen sahen die Verursacher des Elends vom Balkon aus zu und stellten dem Auktionator und seinem Team kurzerhand während der Auktion den Strom ab. Von Reue also keine Spur. Erst die hinzugezogene Polizei und das THW konnten die Stromzufuhr durch ein Hilfsstromaggregat wieder herstellen.

Auch die Lüdenscheiderin Laura Betz und ihre Mutter Betty waren nach Soest gefahren. Beide hatte das Schicksal der Pferde zutiefst getroffen und sie wollten einfach helfen. Bei ihnen zu Hause war noch eine Box frei, Lauras hatte ihr Pferd Woody durch eine Borelioseerkrankung ganz plötzlich verloren. Und Donna hatte es ihnen vom ersten Augenblick an angetan.

Beide heißen Laura

Zwei Schönheiten haben sich gefunden. Laura und Donna Laura. Ein gutes Team.
Zwei Schönheiten haben sich gefunden. Laura und Donna Laura. Ein gutes Team.

Nicht nur, dass die Hannoveranerstute mit Zweitnamen „Laura“ heißt, sie ist auch noch mit Lauras Woody verwandt. Zufall oder Fügung, jedenfalls wurde Donna das neue Familienmitglied im Hause Betz.

Mit verfilztem Fell, Hufen, die seit vielen Jahren keinen Hufschmied mehr gesehen haben und mehr Kopf als Körper betrat Donna ganz vorsichtig ihr neues Zuhause. Zu Anfang konnte sie nicht einmal richtig fressen, ihr Kopf war im Verhältnis zu ihrem verhungerten Körper so groß, dass sie einfach nach vorne überkippte.

Ganz generell fiel ihr die Balance schwer, weil sie keinerlei Muskeln mehr besaß. Ganz geduldig und liebevoll päppeln Laura und Betty Donna wieder auf. Sie bekommt so viel zu fressen, wie sie will, dazu Spezialfutter, ist entwurmt, ihre Hufe sind in Ordnung und durch ein vorsichtiges Training erst an der Longe und jetzt sogar schon mit Sattel baut sie ihre Muskulatur wieder auf.

Donna ist bereits voll akzeptiert

Sie ist glücklich. Man sieht es ihr an.
Sie ist glücklich. Man sieht es ihr an.

Donna ist das einzige „Mädchen“ in der kleinen Herde, die in dem Stall vor dem Wohnhaus der Familie Betz wohnt und die drei Wallache haben sie schnell in die Herde integriert. Sie ist voll akzeptiert.

Und so langsam erkennt man, welches Potenzial in ihr schlummert. Sie ist eine sanftmütige Schönheit. Obwohl sie das alles erlebt hat, ist sie ungebrochen.

Sie findet daher langsam zu ihrem Selbstbewusstsein zurück, ist weder verbittert noch aggressiv gegenüber Menschen und Artgenossen, sondern überraschend gesund an Seele und Körper. Großartig, mit anzuschauen, wie schnell sie sich erholt. Dass sie brav am Halfter geht, ohne Angst vor Menschen und mit einer Gelassenheit, die wohl von dem Wissen herrührt, dass sie es wirklich gut getroffen hat. Denn hier ist sie keine Sache, sondern ein Familienmitglied. Geschätzt und geliebt.

Man kann sich kaum vorstellen, wie sie diese Tortur überlebt hat, aber für Donna ging diese Geschichte jetzt erst einmal gut aus. Denn bei Laura und Betty wird sie bleiben. Das steht fest.

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