Insolvenz
Über seinen Werdegang und eine Gesellschaft, die Insolvenzler nicht ausgrenzen, sondern fördern sollte, sprach Referent Atilla von Unruh am Donnerstag in Lüdenscheid. Foto: Parnemann

Lüdenscheid. In bin insolvent. Drei Worte, die in unserer Gesellschaft, vom Existenzgründer bis hin zum gestandenen Unternehmer, erst einmal jeden ins Abseits stellen. Unter welchen Umständen man in die Insolvenz geraten ist, wird dabei selten hinterfragt. Waren es unglückliche Umstände? Waren Dritte Schuld? Oder war die Geschäftsidee am Ende doch nicht so erfolgreich, wie man sich das zu Beginn gedacht hatte? Darüber, und über eine Gesellschaft der 2. Chance sprach Referent Attila von Unruh am Donnerstag vor rund 30 Mitgliedern des Humboldt-Clubs in Lüdenscheid.

Unverschuldet in die Insolvenz

 Attila v. Unruh wurde 2010 mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet und ist Ashoka Fellow. Foto: Stiftung Finanzvertsand
Attila v. Unruh wurde 2010 mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet und ist Ashoka Fellow. Foto: Stiftung Finanzvertsand

Attila von Unruh, Geschäftsführer der gGmbH „Stiftung Finanzverstand in Waldbröl berät mit seinem Unternehmen Menschen, deren finanzielle Situation in Schieflage geraten ist. Er selbst steckte vor einigen Jahren in der Situation, dass er die Bürgschaft für einen befreundeten Unternehmer übernahm. Dessen Firma ging pleite und die Bürgschaft wurde eingefordert. Unruh, zu der Zeit erfolgreicher Unternehmer, kam von heute auf morgen in finanzielle Probleme. Der Ausweg? Die Insolvenz. Doch welche Hürden eine Insolvenz mit sich bringen würde, das war ihm damals nicht bewusst. „Ich wollte mir etwas Neues aufbauen und wieder Geld verdienen. Ich war ja ein erfolgreicher Unternehmer“, erinnert Unruh sich. „Mir wurde von meinem Insolvenzverwalter die Ausübung einer selbstständigen Tätigkeit untersagt, das traf mich erstmal wie ein Schlag.“ Warum das damals so war, hat er erst später verstanden.

Nicht einmal ein Bankkonto oder einen Telefon- geschweige denn Mietvertrag bekam Unruh mit einer laufenden Insolvenz. Das alles nagte damals sehr an ihm. Durch Zufall aber stellte sich heraus, dass ein guter Freund Unruhs ebenfalls in diese Situation gekommen war. Durch lange, gemeinsame Gespräche konnte er sich mit seinem Bekannten austauschen und das Thema Insolvenz etwas für sich aufarbeiten. „Dieses Reden hat mir unglaublich geholfen“, sagte Unruh während seines Vortrags in der Lüdenscheider Humboldt-Villa. Um genau solche Gespräche in einem geschützten Rahmen möglich zu machen, gründete Unruh 2007 die Selbsthilfegruppe „Die Anonymen Insolvenzler„. Mit einer gewissen Portion Selbstironie wurde der Titel der Gruppe mit Sicherheit gewählt. Jedoch ist das Thema in diesem Gesprächskreis durchaus ernst.

Eine Gesellschaft der 2. Chance

„50% aller Gründer gründen nicht, weil sie Angst vor dem Scheitern haben.“

Bei einem ist sich Attila von Unruh sicher: „Wir brauchen eine Gesellschaft der 2. Chance, und genau dafür setze ich mich ein.“ Damit meint er, dass die Gesellschaft aufhören muss, Menschen, die in eine Insolvenz-Situation geraten sind, auszugrenzen. „Der Umgang mit diesem ganzen Thema muss wesentlich offener werden. Mit der Ausgrenzung von Menschen, die nicht selbst verschuldet in eine Insolvenz geraten sind, verschenken wir unglaublich viel Potenzial“, sagte Unruh im Gespräch mit unserLünsche.de. In den USA beispielsweise sei eine Insolvenz kein Grund um Menschen weniger ernst zu nehmen als vorher. „Dort scheitert man, steht wieder auf uns versucht es erneut. Und hat dazu auch die gesellschaftlichen Möglichkeiten“, so Unruh. Als Beispiel nennt er den PayPal-Gründer, der nach Angaben von Unruh, 4 Anläufe brauchte, um schließlich mit dem Bezahl-Dienst ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen.

In Deutschland hingegen werde man von der Gesellschaft auf das Abstellgleis geschoben, wenn man nicht beim ersten Versuch erfolgreich ist und scheitert. „Rund 50% aller Gründungen in Deutschland werden nicht vollzogen, weil die Gründer Angst vorm Scheitern haben“, sagt Unruh. „Diese Leute gehen dann in die Produktion oder andere Berufe in denen Sie unglücklich vor sich hinarbeiten und eine eigentlich tolle Geschäftsidee zerfällt.

Hilfsangebot für Betroffene

„Durch Insolvenzler auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis vergeuden wir unheimliche Potenziale.“

Rund 6,5 Millionen Menschen sind in Deutschland überschuldet. Circa 900.000 Insolvenzen gibt es aktuell. Zahlen, die belegen, dass es eine unglaubliche Masse an Menschen gibt, die Hilfe benötigen. Und genau da setzt Unruh an. Mit der Stiftung Finanzverstand gGmbH versucht er, diese Menschen so früh wie möglich vor der Insolvenz abzuholen und bietet Hilfe im Umgang mit der jeweiligen Situation an. Ob in den Selbsthilfegruppen, durch externe oder interne Berater oder über eine Telefon-Hotline. Unruh will Betroffenen helfen. Viele Unternehmen können durch frühzeitiges Handeln eigentlich gerettet werden“, ist sich Unruh sicher.

Übrigens: wer meint „Mich kann das nicht treffen“ liegt laut Unruh falsch. Treffen kann eine Insolvenz jeden. In den Beratungsgesprächen und -Gruppen finden sich Unternehmer aus allen Berufszweigen. Finanzberater, Steuerberater, Beamte, Angestellte, Selbstständige, Handwerker, und Existenzgründer sind nur einige von ihnen.

Weitere Infos: www.Stiftung-Finazverstand.de

 

 

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