Angesichts steigender Risiken fallen die Erwartungen in der Industrie schwächer aus. Foto: pixabay.com

Südwestfalen. Die zu Beginn des Jahres erhoffte deutliche wirtschaftliche Dynamik ist im Märkischen Südwestfalen schwächer ausgefallen als erwartet. Hinzu kommt, dass angesichts wachsender Risiken die Erwartungen der Unternehmen gedämpft sind. „Die gute Binnenkonjunktur wird von Handel, Dienstleistung und Bau gestützt, während es in der Industrie erstmals leichte Rückgänge gibt“, so Ralf Stoffels, Präsident der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen. Er ergänzt: „Trotz noch guter Lagebeurteilungen läuft es aber nicht mehr richtig rund. Die Investitionsneigung ist sehr verhalten.“ Inlands- und besonders die Auslandsumsätze wachsen erstmals seit Jahren nicht mehr, das belegen die Ergebnissen der aktuellen Herbstumfrage der SIHK zu Hagen bei 242 Unternehmen mit fast 36.000 Beschäftigten im Märkischen Südwestfalen.

Der Staat muss lange vernachlässigte Investitionen in die Infrastruktur – Straße und Breitband – sowie Bildung jetzt zügig umsetzen“, fordert SIHK-Präsident Stoffels.
„Der Staat muss lange vernachlässigte Investitionen in die Infrastruktur – Straße und Breitband – sowie Bildung jetzt zügig umsetzen“, fordert SIHK-Präsident Stoffels.

Die heimische Wirtschaft profitiert derzeit noch von außerordentlich günstigen Rahmenbedingungen. Die Niedrigzinsen und das preiswerte Öl sind der Konjunkturmotor verbunden mit kräftigen Lohnzuwächsen, die die Kaufkraft der Verbraucher stärken. „Die gute Wirtschaftslage führt zu steigenden Steuereinnahmen vor allem auf Bundesebene. Deshalb muss der Staat lange vernachlässigte Investitionen in die Infrastruktur – Straße und Breitband – sowie Bildung jetzt zügig umsetzen“, fordert SIHK-Präsident Stoffels.

Die akuelle Entwicklung im Märkischen Südwestfalen entspricht dem Trend in Nordrhein Westfalen: Wachstum im Dienstleistungsbereich und leichte Rückgänge in der Industrie. Auch in der Region verläuft die Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr 2016 recht stabil. Immerhin 29 Prozent bewerten die Geschäftslage derzeit mit gut, allerdings waren es im Januar noch 36 Prozent. Über schlechte Geschäfte berichten fast 16 Prozent, fünf Prozentpunkte mehr als zu Jahresbeginn. Aber in fast allen Wirtschaftsbereichen sind die Erwartungen eingebrochen.

Immer mehr Pessimisten

Der Anteil derjenigen, die in den nächsten 12 Monaten eine schlechtere Geschäftsentwicklung erwarten, stieg seit Jahresbeginn um 8 Prozentpunkte auf aktuell 25 Prozent, nicht mal 17 Prozent rechnen mit einer Verbesserung. Aufgrund der gesunkenen Lagebeurteilung und der einbrechenden Erwartungen fiel der IHK-Konjunkturklimaindex seit Jahresanfang um 15 Punkte auf jetzt 102 Punkte.

Wettbewerbsdruck nimmt bei hoher Kapazitätsauslastung zu

Die Ertragslage der Unternehmen hat sich seit Jahresbeginn in Industrie, Handel und Dienstleistung nur marginal verändert, und ist außer bei Baubetrieben, Einzel- und Kfz-Händlern im Saldo weiter positiv. Aktuell melden die Befragten auch ohne Bankenfinanzierung überwiegend eine ausreichende Liquidität. Die Auftragslage und die insgesamt weiter hohe Kapazitätsauslastung (81 Prozent) entwickeln sich nach einer Durststrecke im Früh-Sommer seit August des Jahres wieder nach oben.

Weiter moderates Wachstum in Sicht

Krisen und Flüchtlingsströme im Nahen Osten, der Brexit und unklare politische Verhältnisse in großen Exportländern wie Frankreich, Italien und den USA verunsichern die Unternehmen. Die Sorge vor einer Abschottung der Märkte und einer Abkehr vom freien Handel führt zu einer Zurückhaltung der Unternehmen bei Investitionen.

Bei den Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung haben Fachkräftemangel (50 Prozent), sinkende Inlands- (48) und Auslandsnachfrage (42), steigende Arbeitskosten (38), Energie- und Rohstoffpreise (35) bei der Benennung aus Sicht der heimischen Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (26 Prozent) abgelöst. Schwankende Wechselkurse (13) und Finanzierungprobleme (7) haben gegenüber den Vorbefragungen weiter an Bedeutung verloren.

Industrie schwächelt

Der Industrieumsatz sank im Saldo bis Ende Juli im SIHK-Bezirk um 2,8 Prozent (Bund – 0,9; NRW – 1,8) auf weniger als 12,8 Milliarden Euro. Rückschläge haben besonders die im Bezirk dominierenden Vorleistungsgüterproduzenten wie Stahl und Metall, aber auch Investitionsgüterproduzenten, z.B. der Maschinenbau zu verkraften. Die Entwicklung ist keinesfalls dramatisch, aber länger ausbleibende Anschluss- und Neuaufträge bereiten Sorgen, weshalb nur noch 28 Prozent gegenüber noch 37 Prozent zu Jahresbeginn ihre aktuelle Geschäftslage als gut bezeichnen. „Zu hoffen ist, dass im Herbst der Industrieumsatz wieder in Schwung kommt“, so SIHK-Präsident Stoffels, „das lassen zumindest die letzten Meldungen bei Auftragseingängen und Produktion erwarten“.

Bau trotz Belebung nur verhalten optimistisch

Das Baugewerbe meldet derzeit ausgeglichene Ergebnisse. Jeweils weniger als ein Zehntel melden gute oder schlechte, aber über 80 Prozent gleichbleibende (zufriedenstellende) Geschäfte. Dennoch herrscht – fast traditionell – nur verhaltener Optimismus, denn kein Baubetrieb erwartet bessere, aber auch keiner schlechtere Folgegeschäfte. Dazu beigetragen haben dürften zum einen das Investitionspaket, das nach langer Diskussion um den hohen Sanierungsbedarf der deutschen Infrastruktur endlich beschlossen wurde und bis zum Jahr 2018 steigende Ausgaben für den Straßenbau vorsieht, zum anderen der durch den Zustrom von Migranten offensichtlich gewordene Bedarf an Wohnungen. Beides sollte auch in der Region die Baukonjunktur beflügeln. Ob zusätzlich auch der Gewerbebau in Schwung gerät wird von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in den nächsten Monaten abhängen.

Handel mit guten Ergebnissen

Hohe Beschäftigung und – gestützt durch die niedrige Inflationsrate – steigende Realeinkommen sind Garanten für ein anhaltend freundliches Konsumklima und gute Geschäfte im Handel. Der gesamte Einzelhandel hat bis Ende Juli landesweit mit 2,8 Prozent ordentliche Umsatzzuwächse erzielen können. Daher berichten fast vier von zehn Einzelhändlern von einer guten Lage; weniger als jeder fünfte Betrieb meldet schlechte Geschäfte. Der Handel blickt mit positiven Erwartungen auf das anlaufende Weihnachtsgeschäft.

Die strukturellen Probleme des Einzelhandels mit Überkapazitäten an Handelsflächen sowie weiter zunehmenden Konkurrenzkampf zwischen stationärem Einzelhandel und Online-Geschäft bleiben bestehen, und es führt kein Weg daran vorbei, Online und Offline zu verbinden. „Die SIHK wird deshalb ihre Beratung gerade für kleine Einzelhändler verstärken und Aktionen wie ‚Heimat shoppen‘ unterstützen“, so SIHK-Präsident Stoffels.

Dienstleister treiben Binnenkonjunktur

Die Dienstleister avancierten zum Treiber der Binnenkonjunktur; die Branchenumsätze stiegen landesweit zuletzt im zweiten Quartal dieses Jahres um 7,3 Prozent. Entscheidend trugen dazu die vom prosperierenden Onlinehandel profitierende Logistik, freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen sowie die Informations- und Kommunikationstechnik bei. Fast die Hälfte aller Befragten bewertet die aktuelle Lage als gut.

Kraftloses Auslandsgeschäft

Die weltweiten Krisen und zunehmende Abkehr vom Freihandel wirken sich auch auf die sehr stark exportorientierte heimische Wirtschaft aus. Die Exportumsätze der Unternehmen mit 50 und mehr Beschäftigten sind erstmals seit Jahren bis einschließlich Juli 2016 gegenüber dem guten Vorjahr mit 3,6 Prozent stärker als im Bund (minus 0,3 Prozent) und NRW (minus 1,5 Prozent) auf 5,4 Milliarden Euro gesunken.

Das Auslandsgeschäft zeigt sich kraftlos und ist zur Zeit kein Treiber der regionalen Konjunktur. Europa, Nordamerika und China sind aber die Schlüsselmärkte für die südwestfälische Wirtschaft. Die Erwartungen an das Exportgeschäft sind im Saldo zwar noch positiv, aber gegenüber dem Jahresbeginn gesunken. Nur noch 28 Prozent der Industriebetriebe rechnen mit weiter wachsenden Auslandsumsätzen, jedes fünfte Unternehmen geht von schlechteren Exportgeschäften aus.

Investitionsbereitschaft gehemmt

Die generelle Nachfrageschwäche in der Weltwirtschaft und geopolitische Unsicherheiten lähmen global die Investitionstätigkeit. Auf nationaler und kommunaler Ebene bremst besonders die Investitionsschwäche in die Infrastruktur das Wachstum zusätzlich. „Dringend erforderliche Infrastrukturprojekte werden immer noch viel zu langsam auf den Weg gebracht“, betont SIHK-Präsident Stoffels. Im Zuge der ruhigeren Geschäftsentwicklung bleibt seit Jahresbeginn das Investitionsverhalten eher gedämpft. Nur noch 26 Prozent – nach 28 Prozent zu Jahresbeginn – planen höhere Investitionen; fast 30 Prozent planen mit reduzierten oder gänzlich ohne Investitionsbudgets. Im Fokus stehen unverändert Ersatzbeschaffungen (70) und Rationalisierung (50) sowie mit gewissem Abstand Investitionen in neue Technik (34), Erweiterung (30) und Umweltschutz (14).

Fachkräftemangel wird zum Konjunktur-Risiko

Der Fachkräftemangel wird für die Betriebe zunehmend zum Hauptrisiko der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Hälfte aller Befragten sieht darin eine Gefahr für die Wirtschaft. Aus- und Weiterbildung betrachten jeweils fast zwei Drittel der Unternehmen als wesentlichen Ansatz, dem Fachkräftemangel dauerhaft zu begegnen. Trotz rückläufiger Schulabgängerzahlen stellen die Betriebe im Märkischen Südwestfalen genauso viele Azubis ein wie im vergangenen Jahr. Der Bedarf an Mitarbeitern ist indes groß: Vier von zehn Unternehmen geben an, dass sie offene Stellen über einen längeren Zeitraum nicht besetzen können. Nur drei von zehn haben derzeit kein Problem bei der Stellenbesetzung.

Integration von Flüchtlingen vorantreiben

Die Unternehmen in Südwestfalen sind weiter bereit, Flüchtlinge in das Arbeitsleben zu integrieren, betont SIHK-Präsident Stoffels. Viele Flüchtlinge sind als Mitarbeiter der Betriebe nicht erfasst, weil sie zunächst als Einstiegsqualifikanten, Praktikanten oder Helfer tätig sind, um zu ermitteln, für welche Ausbildung oder Festanstellung sie geeignet sind. Von vornherein sei es klar gewesen, so Stoffels, dass Flüchtlinge zunächst die Sprache lernen müssten.

Dazu laufen in den Technischen Bildungsstätten der SIHK Projekte zur Berufsorientierung für Flüchtlinge und Willkommenslotsen unterstützen Unternehmen, die Interesse haben einen Praktikumsplatz zur Verfügung zu stellen, bei Fragen zur Beschäftigung von Flüchtlingen und begleiten Flüchtlinge bei ihrer beruflichen Orientierung.

Klare und schnelle Regelungen

Um die Fachkräftelücke zu schließen, sieht SIHK-Präsident Stoffels mittelfristig gute Chancen für die Integration qualifizierter Asylbewerber in den Arbeitsmarkt. Dafür ist aber eine stabile wirtschaftliche Lage eine notwendige Voraussetzung, damit die Integration der Flüchtlinge gelingen kann; und es bedarf weiterer Anstrengungen und eindeutiger, schneller Regelungen. Über Praktika und Einstiegsqualifizierungen können vor allem junge, motivierte Flüchtlinge an eine berufliche Ausbildung herangeführt werden und sich auf diesem Weg in unsere Gesellschaft integrieren. „Wir werden dazu die begonnen Projekte erfolgreich fortführen und nach Bedarf ausbauen“, kündigt der SIHK-Präsident Stoffels an.

Der komplette 134. Konjunkturbericht: www.sihk.de, Such-Nr. 2791.

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