Die "Initiative G9 jetzt" möchte mit einem Volksbegehren das sogenannte Turbo-Abitur nach acht Jahren kippen. Foto: pixabay.com

Meinerzhagen. Für die heimische G9-Initiative war der Meinerzhagener Frühling ein Erfolg. Allein beim Familientag in der City sammelte sie 366 Unterschriften für das Volksbegehren gegen das sogenannte Turbo-Abitur nach acht Jahren. Auch in Kierspe waren die G8-Gegner erfolgreich. Hier sammelten sie vor den Wahllokalen am Tag der NRW-Landtagswahl 422 Unterschriften.

Zur Diskussion um das Turbo-Abitur hat die Meinerzhagenerin Christina Först von der Initiative G9-jetzt-nrw einen Leserbrief geschrieben. Der Titel:

Das Märchen vom bösen G9

Das Thema (Jahres-)Wochenstunden kurz JWS ist komplex und wirkt für Laien oft wie ein Dschungel. Hier wie dort lauern Gefahren, vor denen in letzter Zeit vor allem Gewerkschaften warnen. Sprungbereit der böse Tiger Shir Khan, hier die „Pflichtstundensenkung“, der die Bildungsgerechtigkeit frisst. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich jedoch nicht nur als zahnlos, sondern gar als Panther Baghira, der den Schwächeren hilft, und das kommt so:

Es war einmal ein G9, das kam mit 179 JWS in den Klassen 5-10 (per Gesetz finanziert aus dem Pflichtstundentopf für alle Schulformen) blendend zurecht.

Alle Ganztagsschulen bekamen/bekommen zusätzlich 20% mehr „echte “Lehrerstellen (per Erlass finanziert aus dem Topf „Ganztagserlass“). Mit G8 wurde die Sek.I an Gymnasien auf 163 JWS reduziert (5.- 9.Klasse), an den meisten anderen Schulen z. B. auch Realschulen wurden die JWS ungefragt auf 188 erhöht, was mit der zusätzlich vorgeschriebenen Mittagspause zu Langtagen führte.

Freiwillige Nachmittagsangebote

Das Volksbegehren möchte durch die Rückführung auf 180 JWS in der Sek.I einen Halbtag, der von der Mehrheit der Eltern am Gymnasium gewünscht wird, wieder ermöglichen. Wo gewünscht sollen natürlich freiwillige Nachmittagsangebote möglich sein (ähnlich dem System der OGS). 180 JWS  in 6 Schuljahren bedeuten 30 Wochenstunden (5 Tage à 6 Stunden). Die Senkung von 188 auf 180 Stunden führt also pro Schuljahr zu einer Senkung um 1,3 Stunden pro Woche; das sind knapp 5% weniger Pflichtunterricht. Diese 5% Lehrerstellen könnten stattdessen jederzeit aus Topf 2 bezahlt werden, indem der Ganztagserlass von 20% auf 25% erhöht wird (inoffiziell hat das Schulministerium diese Möglichkeit schon einmal selbst ins Spiel gebracht). Das hieße für alle Gesamt- und Ganztagsschulen:

Chancen auf ein Happyend

Keine Lehrerstelle weniger, keine Stunde weniger und keinerlei Mehrkosten für Land und Bürger! Durch die Senkung der Pflichtstunden entstünde sogar gleichzeitig ein 5% höherer Anteil an Förderstunden – ich nenne es hier einmal den Baghira-Effekt.
Das Märchen vom bösen G9 hat also alle Chancen auf ein Happy End für alle.

Für Realschüler 290 Stunden bis zum Abi

Für die Leser nicht mit besonderer Liebe zum Märchen, sondern mit einer Vorliebe für Fakten hier auch noch die Zahlen zur Oberstufe. In der dreijährigen Sek.II gab es 86 Wochenstunden. So wurden die von der KMK (Kultusministerkonferenz) insgesamt bis zum Abitur vorgeschriebenen 265 JWS (179 + 86) von jedem Abiturienten „spielend“ erreicht. Wer nicht so blendend zurechtkam, konnte mit einer mittleren Reife oder einer Fachhochschulreife in der Tasche die Schule vor dem Abitur verlassen. Derzeit haben Gymnasialschüler, die nach der Sek.I die Schule verlassen (obwohl sie den vorgeschriebenen Bildungsstandard nachweislich erfüllen) nur einen „eingeschränkten Hauptschulabschluss“ in der Tasche. Realschüler müssen im jetzigen System als einzige 290! Stunden bis zum Abitur absolvieren, da die Sek.II nunmehr 102 JWS hat (durch das fehlende 10. Schuljahr mussten 16 JWS hierhin umverlegt werden) und 188 +102 ergibt seit Adam Riese 290 JWS.

Stundenrückführung in die Mittelstufe

Die von der GEW sogenannten „geforderten Reduzierungen der Stunden in der Sek.II“ sind also keine Einsparungen, sondern eine Rückführung der Stunden in die Mittelstufe. Die Gesamtstundenzahl am Gymnasium und pro Schüler bleibt mit 265 JWS gleich. Die minimal möglichen Einsparungseffekte erklären sich aus dem derzeit höheren Anteil an Oberstufenunterricht, der mit einem anderen Lehrer-Schüler-Schlüssel erteilt wird.

Neues Konfliktpotential

Die jetzigen Varianten der Parteien (nachzulesen auf le-gymnasien-nrw) bleiben in jeder erdenklichen Regierungskoalition widersprüchlich und bergen erneutes Konfliktpotential. In den letzten Wochen nochmal schnell „nachgebessert“ sind sie zu kompliziert, zu teuer oder schlichtweg aus Gründen des Lehrermangels nicht praktikabel.

Begleitetes Überspringen

Das Volksbegehren ermöglicht die Umsetzung des Elternwillens flächendeckend und bei Wunsch auch weiterhin ein G8 durch ein begleitetes Überspringen. Es bietet eine parteiübergreifende, preiswerte und pragmatische Lösung mit mehr Qualität (nun auch in Bayern wieder G9!). Es bringt endlich Ruhe für Schüler, Lehrer und Familien. Es sichert Eltern die beruflich geforderte Mobilität durch ein gleiches Schul-Angebot an jedem Ort in NRW. Es führt Schüler zurück zu einem Abitur, das nicht nur Studienberechtigung, sondern Studierfähigkeit sichert. Es lässt Zeit nicht nur für die wichtigen MINT Fächer, sondern auch für mehr Geschichts- und Demokratieverständnis. Werden Sie aktiv und nutzen Ihr Stimmrecht für das Volksbegehren.

Christina Först

Initiative G9-jetzt-nrw

 

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