Aus Sicht der Philosophie: Zum Auftakt der Ringvorlesung "Flucht und Forschung" referiert Prof. Dr. Thomas Bedorf am Dienstag, 17. Mai, 17 Uhr, in der Ellipse im TGZ-Gebäude.

Hagen. Um Gastfreundschaft und Gastrecht aus philosophischer Sicht geht es zum Auftakt der Ringvorlesung „Flucht und Forschung“ der FernUniversität in Hagen. In insgesamt sechs Veranstaltungen beleuchten verschiedene wissenschaftliche Disziplinen den Begriff der Flüchtlingskrise. Zum Auftakt referiert Prof. Dr. Thomas Bedorf am Dienstag, 17. Mai, 17 Uhr, in der Ellipse im TGZ-Gebäude aus Sicht der Philosophie.

Im Vorab-Interview zeigt Professor Bedorf auf, was die Philosophie zur Flüchtlingsfrage beitragen kann und was Interessierte aus seinem Vortrag für die aktuelle Flüchtlingsdebatte mitnehmen können.

Frage: Was kann die Philosophie zur Flüchtlingsfrage beitragen?

Thomas Bedorf: Die Philosophie ist Begriffsklärungswissenschaft. Hilfreich wäre es, wenn man sich zunächst darüber verständigt, worüber man überhaupt redet. Denn man kann im öffentlichen Diskurs über die Flüchtlingspolitik der vergangenen anderthalb Jahre beobachten, dass eine große Begriffsverwirrung herrscht. Ein Teil der politischen Polemik hängt damit zusammen, dass bestimmte Akteurinnen und Akteure mehr oder minder absichtlich falsche Begriffe verwenden. Zum Beispiel, wenn etwa die AfD und Pegida von Wirtschaftsflüchtlingen reden. Das ist eine Begriffsbildung, die Migrantinnen und Migranten etikettieren soll. Insofern wäre der Beitrag der Philosophie, zunächst saubere Differenzierungen statt vorschneller Lösungen vorzuschlagen.

Frage: Wie kann der Blick in die Philosophie-Geschichte dabei helfen?

Thomas Bedorf: „Flucht und Migration“ ist kein etablierter Gegenstand in der Philosophie. Deswegen habe ich als Aufhänger für meinen Vortrag das Thema „Gastfreundschaft“ gewählt, das sich in der Philosophiegeschichte illustrieren lässt. Denn in jeder Kultur hat der Gast seit Jahrhunderten  immer einen besonderen Status – das gilt bis heute und hat etwas mit der Erfahrung der Verletzlichkeit des Menschen zu tun. Jeder Mensch weiß, dass er oder sie stranden kann oder mal um Hilfe bitten muss. Es gibt verschiedene kulturelle Ausprägungen, wie sich Gastfreundschaft institutionalisiert hat. Zum Beispiel hat sich in manchen Kulturen der leere Stuhl bei Tisch etabliert. Das heißt, dass man immer einen Teller serviert oder servieren könnte für den Gast, der jederzeit zur Tür hereintreten kann. Zwei sehr prominente Autoren, die das Gastrecht formulieren und auch im Vortrag vorkommen werden, sind Immanuel Kant und Jacques Derrida.

Frage: Welche Positionen vertreten Kant und Derrida?

Bedorf: Kant macht den Vorschlag, dass man ein sogenanntes Besuchsrecht aus der Freiheit des Menschen einerseits und aus der Begrenztheit der Erde andererseits ableiten kann, aber kein Ansiedlungsrecht. Derrida trifft eine andere Unterscheidung, nämlich die zwischen Gastrecht und Gastfreundschaft. Das Willkommen, das man dem anderen sagen muss, ist moralisch und unbegrenzt. Aber für die Umsetzung braucht man ein Recht, um der Gastfreundschaft Durchsetzung zu verleihen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Gastfreundschaft und Gastrecht ist lokal, historisch und kulturell unterschiedlich.

Frage: Was können Interessierte aus Ihrem Vortrag für die aktuelle Flüchtlingsdebatte mitnehmen?

Bedorf: Die Bereitschaft zur Sprachkritik. Die Diskussion rund um die Flüchtlingskrise krankt daran, dass man glaubt, Bescheid zu wissen. Wir sollten anerkennen, dass wir umstrittene Begriffe politisch diskutieren müssen. Wenn man mit Derrida davon ausgeht, dass es ein Spannungsverhältnis gibt zwischen der Gastfreundschaft, die wir dem Fremden moralisch schulden, und dem Gastrecht, das  begrenzt ist und immer Menschen ausschließen wird –  dann heißt das erstmal, Spannung als Spannung anzuerkennen. Und sich einzugestehen, dass es in der Flüchtlingsdebatte keine schnelle Lösung gibt. Eine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen ist schon allein deswegen nicht begründbar, weil das Asylrecht ein individuelles Recht bei Verfolgung ist.  Insgesamt leben wir unter Bedingungen der Unsicherheit. Daran müssen wir uns gewöhnen und dazu gehört auch die Genauigkeit unserer sprachlichen Differenzierungen.

Infos zur Ringvorlesung:

Die erste Veranstaltung der Ringvorlesung findet am Dienstag, 17. Mai, 17 Uhr, im TGZ (Raum Ellipse) statt.

Zum Auftakt begrüßt die Rektorin der FernUniversität , Prof. Dr. Ada Pellert, die Interessierten.

Prof. Dr. Thomas Bedorf setzt sich anschließend mit dem Begriff der Flüchtlingskrise aus philosophischer Sicht auseinander. Die Moderation übernimmt  Prof. Dr. Frank Hillebrandt.

Die Vorlesungen der Reihe finden jeweils dienstags um 17 Uhr auf dem Campus statt.

Die Termine: 17. Mai, 24. Mai, 31. Mai, 7. Juni, 14. Juni und 21. Juni.

Weitere Online-Infos zu Terminen und Themen

Quelle: Presseabteilung der Fernuniversität Hagen

 

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