Die fleißigen Helfer im Gemeindezentrum in der Rathmecke. Die Spendenbereitschaft der Lüdenscheider ist überwältigend und vorbildlich. Fotos: Kannenberg Design & Kommunikation

Lüdenscheid. Im großen Saal des Gemeindezentrums an der Rathmecke herrscht seit Mitte der Woche Ausnahmezustand. Lange Tische sind aufgebaut, davor freiwillige Helfer, die die vielen Kleiderspenden in brauchbare und weniger brauchbare sortieren und in Kartons verpacken. Als wir den Saal betreten, wird gerade ein Sesamstraßen-Ernie und ein riesiger Teddybär aus einem Sack gezogen. Alle sind begeistert und knuddeln die Stofftiere erst einmal ordentlich durch.

Viele Spenden

Ein kleiner Ernie für die Allerkleinsten. Die Helfer freuen sich.
Ein kleiner Ernie für die Allerkleinsten. Die Helfer freuen sich.

Vor dem Saal türmen sich blaue Säcke auf der einen Seite, Kartons mit vorsortierten Sachen auf der anderen. Dazwischen Jutta Beißner von den Johannitern, Monika Deitenbeck-Goseberg, Pastorin der Oberrahmede, jede Menge Presse und immer wieder Helfer, die mit Autos ankommen, Spenden bringen, Kartons mitnehmen und zu den Flüchtlingen bringen.

Engel in Alltagsklamotten. Menschen, die einfach helfen wollen. Man ist in dem Moment überwältigt von dem, was hier passiert, wenn man durch die Tür hindurch den Innenraum betritt.

Große Sympathie in der Bevölkerung

Laneg Tsiche. Die Spenden müssen von fleissigen Händen sortiert werden. Dann erst gehen sie weiter zu den Flüchtlingen.
Lange Tische. Die Spenden müssen von fleißigen Händen sortiert werden. Dann erst gehen sie weiter zu den Flüchtlingen.

Beispielhaft, was Lüdenscheids Bevölkerung den über 100 Flüchtlingen an Sympathie entgegenbringt , Sympathie, die sich in den vielen Spenden äußert. Beispielhaft auch, was die Johanniter Unfallhilfe, THW, das Team um Monika Deitenbeck-Goseberg und die vielen Freiwilligen aus allen Verbänden und der Bevölkerung hier in so kurzer Zeit geleistet haben. Denn sehr lange wissen sie noch nicht, dass die Flüchtlinge nach Lüdenscheid kommen. Erst am Montag war richtig klar, dass da sehr kurzfristig etwas passieren wird.

Daraufhin begann die Hilfe-Maschinerie von Johannitern, THW, Kirchen, DRK, Klinikum Hellersen, Flüchtlingsberatungsstelle etc. ganz gezielt anzurollen. Lüdenscheid kann stolz sein auf seine Helfer. Diszipliniert und gut organisiert weiß jeder, was zu tun ist und geht dabei persönlich weit über seine Grenzen hinaus. Acht-Stunden-Job und dann Couch? Fehlanzeige. Sie geben wirklich alles und strahlen dabei nicht ein bisschen Stress aus, sondern Freude darüber, hier etwas tun zu können.

Und geleistet haben sie in dieser Woche mehr als genug. Alles ist straff durchorganisiert. Von der persönlichen Versorgung der Flüchtlinge in ihrer Unterkunft, den Kleiderkammern, der medizinischen Versorgung und dem leider notwendigen Schutz für die Flüchtlinge durch eigens dafür engagierte Security, alles hat Hand und Fuß und geht dabei nicht an den Menschen vorbei, sondern bezieht sie voll mit ein.

Flüchtlinge aus 14 Nationen

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Mit der Security wird die Organisation der Kleiderverteilung noch einmal durchgesprochen. Damit auch nicht schiefgeht.

Flüchtlinge aus 14 Nationen wohnen im Moment in der Schule, die als Unterkunft dient. Davon viele Christen, Jesiden und andere religiöse Minderheiten, die zum großen Teil vor den ISIS-Aktivitäten nach Deutschland geflohen sind. Aber auch aus den syrischen Flüchtlingsgebieten, Afghanistan und Nigeria, wo Boku Haram wütet, sind Menschen in Lüdenscheid. Viele gut ausgebildete dabei, die nur auf Grund ihrer demokratischen und/oder religiösen Gesinnung fliehen mussten.

Da wird eine ganze, gut ausgebildete geistige Elite von ISIS, Taliban und Co. auf die Flucht geschickt. Ärzte, Lehrer, Journalisten, Ingenieure, viele Künstler jeder Richtung. Sie sitzen in deutschen Flüchtlingsheimen. Und ihre Ländern verlieren ihren gerade größten Schatz an Menschen, den sie zur Verfügung haben. Sozialsysteme brechen einfach zusammen. Zurück ins Mittelalter? Zu Ende gedacht eine wirklich beängstigende Perspektive auch für den Rest der Welt.

Man sieht ihnen das Trauma an.
Man sieht ihnen das Trauma an.

In Lüdenscheid sind die Flüchtlinge größtenteils willkommen, auch wenn es einige menschenverachtende Tendenzen auch hier in der Bevölkerung gibt und die Polizei Wache stehen muss, weil Rechtsradikale mal wieder Patrouille fahren. Aber das sind nur wenige hier in dieser Stadt. Die anwesende Security ist gewappnet.

Die meisten Bürger heißen die Flüchtlinge willkommen

Derweil geht das Leben innerhalb der Unterkunft seinen geordneten Gang. Die Flüchtlinge verstehen sich. Man geht respektvoll und freundlich mitteinander um. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, fast 50, und vier schwangere Frauen, von denen zumindest ein Baby als echter Lüdenscheider das Licht der Welt erblicken wird. Alle sind gespannt. „Es kann jeden Moment losgehen, wir stehen bereit!““ erzählt denn auch einer der taffen Zwei-Meter-Security-Männer mit leuchtenden Augen. Na, dann kann ja nichts schiefgehen, bei solchen Geburtshelfern.

Es gibt viel zu organisieren und noch mehr zu bedenken. Jutta Beißner von den Johannitern udn Monika Deitenbeck aus der ev. Gemeinde Oberrahmede.
Es gibt viel zu organisieren und noch mehr zu bedenken. Jutta Beißner von den Johannitern und Monika Deitenbeck-Goseberg aus der ev. Gemeinde Oberrahmede.

Essens- und Kleiderausgabe gehen diszipliniert über die Bühne, überall ist es ordentlich und sehr, sehr sauber. Viele Kinder, Menschen jeder Hautfarbe, die einträchtig beisammen sitzen und einfach in Ruhe Kaffee trinken. Man sieht vielen an, welche Strapazen sie hinter sich haben. Dass sie gehungert haben und traumatisiert sind. Und es noch gar nicht begreifen können, dass sie gerettet sind. Einige stehen nur draußen und schauen recht fassungslos auf die Bäume. So viele haben die meisten noch nie gesehen. Und sie frieren. Alle. Denn sie kommen aus Ländern mit 40 Grad Hitze und mehr.

Highlight für die Kinder

die Schlafräume der Flüchtlinge. Noch sind es Fedlbetten. Aber richtige Betten sind unterwegs.
Die Schlafräume der Flüchtlinge. Noch sind es Feldbetten. Aber richtige Betten sind unterwegs.

Spontan beschließen Jutta Beißner und Monika Deitenbeck, dass es für die Kinder Nachmittags eine kleine Süßigkeit außerhalb des üblichen Rahmens gibt. Als Highlight.

Abends hat sich der Künstler Niklas Zabel angesagt für ein Benefizkonzert. Draußen auf dem Hof wird Volleyball gespielt, die Kinder probieren ihre Roller und Bobby-Cars aus, alle aus Spenden.

Eine junge Frau hat ein krankes Kind auf dem Arm. Schon viele Tage lang. Sie ist erschöpft, die Arme tun ihr weh. Jutta und Monika können ihr versprechen, dass jeden Moment ein Kinderwagen – ebenfalls aus einer Spende – eintrifft. Viele Flüchtlinge sitzen einfach da und suchen aneinander Trost, reden miteinander oder halten sich im Arm. Mich berühren besonders die Alten. Wie schrecklich muss das sein, als Großvater oder Großmutter noch einmal alles zu verlieren. Eigentlich unvorstellbar.

Wie kann man helfen?

Die beiden passen auf! Man fühlt sich alleind durch ihre Präsenz schon sicher.
Die beiden passen auf! Man fühlt sich allein durch ihre Präsenz schon sicher.

Dringend gebraucht werden: Lange Röcke für die Frauen, sie tragen oft keine Hosen, Damenunterwäsche, Wegwerfwindeln, Babyzubehör, Kinderwagen, warme Kleidung für jedes Geschlecht und Alter, Männerkleidung in kleinen Größen, Kleidung für die Teenies, Umzugskartons, Sackkarren, ganz dringend Lieferwagen für den Transport der Spenden und Helfer fürs Sortieren der Spenden. Auch wenn jemand nur eine Stunde dabei sein kann. Alle, die helfen

Eine kleine Prinzessin: Dieses Mädchen hat es geschafft - sie hat überlebt.
Eine kleine Prinzessin: Dieses Mädchen hat es geschafft – sie hat überlebt.

wollen, sind willkommen! Bitte die Spenden nicht mehr abgeben im Rathaus, sondern direkt am Gemeindezentrum Rathmecke! Das spart den Transport, Lieferwagen sind sehr knapp. Vielleicht fällt dem einen oder anderen noch etwas ein, womit er helfen kann. Dann bitte bei den Johannitern oder in der Gemeinde Oberrahmede melden, Telefon 02351 52324, E-Mail: gemeindebuero@kirche-rahmde.de

Den Unterschied machen

Vielleicht gibt es ja auch Künstler, die ein Benefizkonzert geben wollen oder Leute, die sich für die Kinder ein Programm ausdenken? Es wäre einfach schön, wenn Lüdenscheid den Unterschied ausmacht… Wenn wir der Welt zeigen, dass es auch anders geht. Refugees welcome!

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