Extremismus
Fasziniert von Gewalt - so rutschte Marco in die rechtsextremistische Szene. Symbolfoto: pixabay.com

Lüdenscheid. Die verbotenen Nazi-Tattoos sind längst überstochen. Die Strafen, die er dafür zahlen musste, stottert er immer noch ab. Schlimmer noch: Auch Jahre nach dem Ausstieg aus der rechtsextremistischen Szene wird Marco noch immer von seinen ehemals besten Freuden verfolgt. Einmal warfen sie sogar einen schweren Böller auf den Kinderwagen mit Marcos Baby. „Glücklicherweise fiel er aufs Dach des Kinderwagens. Ich konnte ihn noch wegwischen“, berichtete Marco bei einem Besuch in Lüdenscheid. Marco ist sein Arbeitsname. Ebenso wie Lea und Dominik kann und will er nicht unter seinem richtigen Namen auftreten.

Schutz durch Aussteigerprogramme

Die drei jungen Erwachsenen befinden sich in Aussteigerprogrammen des NRW-Innenministeriums und genießen hohen Schutz, weil sie immer noch bedroht werden. Marco und Lea aus der rechtsextremistischen Ecke, Dominik aus der Salafistenszene.

Sie gaben auf Einladung des Bündnis gegen Rechts und der VHS Lüdenscheid einen tiefen Einblick in die Milieus, die sie hinter sich gelassen haben, schilderten den Hass und die Gewalt, der sie über Jahre begegnet sind und schonten sich selbst dabei nicht.

„Die Gewalt hat mich damals fasziniert“

Verlorene Jahre voller Prügeleien, Mengen von Alkohol und Jagd auf Andersdenkende. „Die Gewalt hat mich damals fasziniert“, sagt Marco. Als Schüler von anderen gemobbt, weil er immer schon anders war, genoss er den Schutz, den ihm seine neuen Freunde boten. Mit Politik hatte er nichts am Hut. Damals war er 14, hing beim Bier mit den älteren Neonazis ab. „Ich schwebte auf einer rosa Wolke.“ Später stand er in der ersten Reihe, wenn es darum ging, bei Demos auf andere einzudreschen. „Ich kann Euch sagen, es macht ein hässliches Geräusch, wenn ein Schädel auf den Boden knallt.“ Damals hat es ihn nicht gestört.

Lockvogel für Schlägereien

Lea hat mit Punks, Kiffern und später auch mit Rechten rumgehangen. So schlitterte sie in die rechte Szene. „Mir war einfach langweilig. Außerdem: Die neuen Freunde waren ja nett zu mir.“ Dass sie als Lockvogel für Schlägereien herhalten musste, war normal. Ansonsten hielt sie sich eher im Hintergrund. Brötchen schmieren für die Kameraden, Transparente malen. „So Frauenkram eben“, sagt sie. Politik? Kein Thema für sie. Es war einfach das Leben in der Gruppe, das sie so faszinierte.

Schon nach drei Monaten konvertiert

Der Koran: Dominik wollte als Salafist so leben wie der Prophet. Foto: pixabay.com

Dominik, heute 29, war damals total frustriert. Er suchte den Sinn des Lebens, fand ihn aber zwischen Kiffen und hunderten Fehlstunden in der Schule nicht. Ein marokkanischer Freund bekehrte in zum radikalen Islam dem Salafismus, einer ultrakonservativen Glaubensrichtung. „Egal, wer damals gekommen wäre, ich wäre ihm gefolgt“, sagt er heute. Dominik wollte zum Kern des Glaubens vorstoßen und en Sinn des Lebens entdecken. Die Salafisten bestärkten ihn. Schon nach drei Monaten konvertierte der katholisch getaufte junge Mann zum Salafismus. Für ihn damals der einzige Weg. Und: „Für jeden, der sich von mir abwendete, fand ich drei neue Freunde.“ Was konnte also falsch daran sein? Er hielt sich strengstens an die Regeln des Koran, verzichtete auf Musik, Alkohol, Frauen und stieg schließlich sogar in der Salafisten-Hierarchie auf.

Leben in einer Blase

Alle drei lebten in einer Blase. Draußen nur noch Feinde. „Plötzlich ist diese Binnensicht einfach da“, sagen die drei Aussteiger.

Lea verlor immer wieder ihre Arbeitsstelle. Das Leben in der Szene wurde zum Problem. Nach und nach zog sie sich zurück. Marco wurden die Augen geöffnet, als sein bester Freund die Lebensgefährtin immer wieder verprügelte. Die Frau flüchtete sich zu Marco. Die junge Frau verliebte sich in ihn. Beide wurden ein Paar und suchten schließlich den Absprung aus der Szene.

Drohungen aller Art

Dominik entdeckte im Laufe der Jahre immer neue Widersprüche zwischen den Ansprüchen der Salafisten und ihrem tatsächlichen Verhalten. Lange haderte er. Dann traf er einen alten Freund aus Schulzeiten. „Er hat mich nicht abgelehnt, sondern umarmt.“ Und schließlich stand der zweifelnde Salafist eines Tages vor dem Spiegel, sah seinen Bart, seine Kleidung und erkannte: „Das bin nicht ich.“ Drei Jahre dauerte der Prozess der Ablösung. Er wurde von Drohungen aller Art begleitet.

Burgmentalität

„Das ist normal“, erläuterte der Verfassungsschutzmann, der die drei Aussteiger betreut. „Jede extreme Szene lebt in einer Burgmentalität. Aussteiger und auch Aussteigerprogramme greifen diese Mentalität an.“ Deshalb werde jeder, der das Milieu verlasse, hart bekämpft.

Was hätte die drei Aussteiger vor den verlorenen Jahren bewahren können? Dominik, ein Scheidungskind übrigens, fühlte sich von seinen Eltern nicht angenommen. Liebe und Verständnis als Rezept? Möglich. Lea meint: „Vielleicht hätten meine Eltern stärker durchgreifen müssen.“ Marco kann es nicht sagen.

Zusatz: Um der besonderen Schutzwürdigkeit der drei Aussteiger Rechnung zu tragen, hatten das Bündnis gegen Rechts und die VHS die Veranstaltung nicht öffentlich angekündigt. Allerdings waren zahlreiche Institutionen und Schulen schriftlich und telefonisch eingeladen worden. Allerdings folgten nur wenige Vertreter der angeschriebenen Einrichtungen dieser Einladung. Aus Sicht von Gudrun Benkhofer, der Mitinitiatorin der Veranstaltung, war das „mehr als schade“.

Links zum Thema Aussteiger:

http://www.mik.nrw.de/verfassungsschutz/islamismus/aussteigerprogramm-islamismus.html

http://www.aussteiger.nrw.de/wp/

https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-rechtsextremismus/aussteigerprogramm-rechtsextremismus

 

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