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Gedenkstele auf dem Jüdischen Friedhof in Plettenberg Foto: Martina Wittkopp-Beine/Stadtarchiv Plettenberg

Plettenberg. Vor 71 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Bis heute steht Auschwitz als Begriff für den Massenmord an Juden, Sinti, Roma und allen Andersdenkenden durch die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland. Seit dem Jahr 2006 wird auch in Plettenberg am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus’ gedacht. Auf dem jüdischen Friedhof in der Freiligrathstraße hielt gestern Bürgermeister Ulrich Schulte die Gedenkrede, die wir hier in voller Länge veröffentlichen:

Sehr geehrte Damen und Herren!

ulrich schulte
Bürgermeister Ulrich Schulte Foto: Bernhard Schlütter

Ich begrüße Sie hier auf dem jüdischen Friedhof und freue mich, dass Sie an dieser Gedenkveranstaltung so zahlreich teilnehmen. Wir treffen uns heute hier, um den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Wir haben heute trübes Wetter und es stellt sich die Frage, warum dieser Gedenktag an einem 27. Januar stattfindet und nicht am 27. Mai oder 27. Juni, wenn die Wetteraussichten für eine solche Veranstaltung im Freien deutlich besser sind. Die Antwort liegt darin begründet, dass am 27. Januar 1945, also heute vor 71 Jahren, sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz befreiten.

Heute vor 71 Jahren trafen diese Soldaten auf ein Lager, in dem Menschen zu einem einzigen Zweck eingepfercht wurden – um getötet zu werden. Das was sie sahen, hat sie tief getroffen. Russische Soldaten, die schon seit Wochen und Monaten gegen die deutsche Wehrmacht kämpften, die zahlreiche Tote und Verwundete gesehen hatten, bei denen man davon ausgehen konnte, dass nichts sie erschüttern kann, wurden von der Realität der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie tief getroffen.

Was die Soldaten sahen, wurde auch in Filmen und Bildern aufgenommen und diese Bilder gingen um die Welt. Die Bilder und Berichte enthüllen ein unfassbares Grauen; das Ausmaß an Unmenschlichkeit, das die nach Auschwitz verschleppten Menschen zu erleiden hatten, übersteigt jedes Begreifen.

Auschwitz war eine Todesfabrik. Ein Vernichtungslager, in dem mehr als eine Million Menschen grausam und brutal ermordet wurden. Sie kamen durch Gas und durch Folter, durch grausamste medizinische Experimente und durch Arbeit bis zur völligen Erschöpfung um. Viele wurden gleich nach der Ankunft zum Tod in den Gaskammern verdammt, viele andere waren monate-, oft sogar jahrelang einer unmenschlichen Behandlung ausgesetzt. Die wenigen Überlebenden der Millionen Männer, Frauen und auch Kinder, die die Nationalsozialisten aus Deutschland und aus halb Europa nach Auschwitz deportierten, sie blieben von dem, was ihnen angetan wurde und was sie mit ansehen mussten, ihr Leben lang gezeichnet.

Auschwitz ist damit zu einem Synonym für das grausame und menschenverachtende System der Nationalsozialisten geworden und deshalb ist der Tag der Befreiung dieses Lagers, der 27. Januar, ein guter Zeitpunkt, um daran zu denken.

Wenn wir heute hier stehen und zurückblicken, wenn wir uns an die Bilder und Berichte erinnern, die wir gesehen und gelesen haben, dann fällt ein Verstehen und ein Begreifen schwer. Der Tod gehört zum Leben dazu und wir haben alle schon mal Angehörige verloren. Hier geht es aber nicht um das Sterben im Alter, auch nicht um die Opfer von Verkehrsunfällen oder Naturkatastrophen, so bedauerlich sie auch sein mögen. Hier geht es um das gezielte Töten von Menschen, nur weil sie anders sind, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen. Selbst der Soldat, der in einem sinnlosen Krieg stirbt, wird nicht losgeschickt, um zu sterben, sondern um zu erobern oder zu siegen. Hier jedoch ging es darum jüdische Menschen einfach nur zu töten, weil sie eben Juden sind und damit letztlich nicht nur diese Menschen, sondern auch die jüdische Kultur in Deutschland auszurotten.

Aber die Juden waren nicht genug. Auch Sinti und Roma, politische Gegner und Zeugen Jehovas, Behinderte und Homosexuelle. Allen Menschen, die nicht in ihr rassistisches Weltbild passten oder die sich ihren Untaten widersetzten, sprachen die Nationalsozialisten das Recht auf Leben ab.

Das Besondere an dieser Situation ist es, dass diese Menschen, die abtransportiert und getötet wurden, keine Fremden waren und dass das nicht irgendwo in Deutschland passierte. Nein, es waren Nachbarn, die hier in Plettenberg wohnten und lebten. Man traf sich auf der Straße und sprach übers Wetter. Die Kinder spielten zusammen, man hatte zusammen im ersten Weltkrieg gedient und einer ging beim anderen Einkaufen. Irgendwann war das zu Ende. Der Kontakt wurde eingestellt, die jüdischen Nachbarn zogen freiwillig fort oder sie wurden später abgeholt. Das Zusammenleben hatte sich sukzessive gedreht und für viele bedeutete das den Tod.

„Machen sie mal ihren Computer an und schauen sie in Facebook oder sonstige soziale Netzwerke.“

Manche, die von dieser Veranstaltung heute hören oder morgen die Zeitung aufschlagen und davon lesen, werden wieder sagen: „Oh, das war damals, was geht mich das heute an? Immer diese alten Geschichten. Das waren Hitler und die Nazis. Heute kann so was nicht mehr passieren, wir sind ja aufgeklärt.“

Diesen Menschen sage ich: „Machen sie mal ihren Computer an und schauen sie in Facebook oder sonstige soziale Netzwerke.“ Es wird wieder gezielt versucht, Stimmung gegen andere Kulturen und andere Religionen zu machen. Es wird wieder behauptet, dass diese Menschen nicht nach Deutschland gehören, dass sie kein Anrecht darauf haben, hier zu sein. Weil sie eben nicht deutsch sind und weil sie damit unserer eigenen Kultur schaden. Oder weil sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen, oder weil sie eine Gefahr für deutsche Frauen sind oder, oder, oder – Gründe finden sich genug, egal ob sie belegt werden können oder nicht.

Jetzt werden einige behaupten, das wäre doch was anderes: Damals hätte ja der gesamte Staat die Judenverfolgung angezettelt, heute wären das doch nur ein paar Spinner im Internet. Aber wir müssen bedenken, dass Hitler nicht schlagartig Reichkanzler wurde und dass die Nationalsozialisten auch anfangs nur eine kleine Interessengruppe waren. Und auch die Ziele und Methoden waren anfangs scheinbar noch nachvollziehbar und hinnehmbar:

„Deutsche, kauft nicht bei Juden“ – Ist doch okay, kann man akzeptieren. Was ist dabei, wenn Deutsche nur bei deutschen Händlern kaufen und so deren Einkommen stärken. Die Juden sind doch genug, die können bei ihresgleichen kaufen und kommen immer noch aus.

„Juden dürfen keine öffentlichen Ämter mehr ausüben“ – Was ist da Schlimmes dran. Die haben ihren eigenen Glauben und ihre eigene Kultur, warum sollten sie im deutschen Staatsdienst tätig sein, das ist ihnen doch teilweise fremd. Und außerdem haben jüdische Familien genug Geld, da brauchen sie solche Ämter nicht, das ist besser was für Deutsche.

So oder so ähnlich konnte jede neue Repressalie begründet werden und es wurde der Grundstein gelegt, beim nächsten Mal noch mehr das Leben und die Rechte der Juden, Sinti, Roma und sonstiger unerwünschter Personen einzuschränken, bis am Ende auch das Recht bestand, sie im großen Stil zu töten.

Wir stehen heute fassungslos vor diesem Ausmaß an Unmenschlichkeit, wie auch vor der fabrikmäßig-bürokratisch betriebenen Organisation des Massenmords. Trotz Krieg und immer näher rückender Fronten rollten die Züge mit den Deportierten bis November 1944 nach Auschwitz und bis zuletzt wurde akribisch Buch geführt.

Und wenn wir dann heute lesen, dass Straftaten, die von Migranten und Asylbewerbern begangen wurden, nie stattgefunden haben, sondern erfunden wurden, dann muss uns klar sein, dass dies einzig dazu dient, Stimmung gegen diese Personen zu machen. Es werden auf diese Art und Weise Begründungen gesucht, um durch verschärfte Gesetze und Handhabungen gegen diese Bevölkerungsgruppen vorzugehen. Damit wiederholt sich auf moderne Art und Weise, was auch im Nationalsozialismus begonnen wurde.

Hilfreich ist es dabei natürlich nicht, wenn eine Regierung versucht, tatsächliche Straftaten durch Migranten und Asylbewerber nicht publik werden zu lassen. Das stärkt nur das Misstrauen der eigenen Bevölkerung gegen Staat und offizielle Medien und treibt dadurch die Menschen noch stärker dazu, den anderen Meldungen zu glauben.

Wichtig ist es daher, dass wir heute dem begangenen Unrecht gedenken und unsere Lehren daraus ziehen. Dass wir mit offenen Augen durchs Leben schreiten und uns auf unsere eigenen Erfahrungen mit anderen Menschen verlassen. Das bildet die Grundlage für ein friedvolles Zusammenleben aller Kulturen und führt vielleicht dazu, dass irgendwann ein Bürgermeister hier steht und sagt: „Wir haben daraus gelernt, so etwas ist nie wieder vorgekommen.“

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