Der erste "Preacher Slam" im Kulturhaus Lüdenscheid. Moderation Marian Heuser. Fotos: Iris Kannenberg

Lüdenscheid. Ein ganz neues Poetry Slam-Format feierte am Freitag im Kulturhaus Premiere. Der „Preacher Slam“, gefördert vom Bistum Essen, veranstaltete einen Abend rund um das Thema: „Wie barmherzig bist Du?“ Moderiert wurde der Abend von Lüdenscheids „Poetry-Sweetheart“ Marian Heuser. Wer Marian kennt, weiß, dass seine Veranstaltungen immer eines garantiert nicht sind: Nämlich langweilig.

Roter Saal war gut gefüllt

Marian Heuser moderierte und führte durch den Abend.
Marian Heuser moderierte und führte durch den Abend.

Und so war auch an diesem Abend zur offensichtlichen Verblüffung des Veranstalters der „Rote Saal“ des Kulturhaus gut gefüllt. Es mussten sogar noch Stuhlreihen gestellt werden. Dann ging es los. Wer dachte, er würde jetzt so etwas wie eine Predigt hören, der hatte sich getäuscht. Hier ging es tatsächlich um Barmherzigkeit. Allerdings: Jeder der Teilnehmer näherte sich dem Thema ganz auf seine eigene Weise.

Die jüngste war 14 Jahre alt

Eve Gennat, 14 Jahre alt und bereits Platz zwei beim Preachers Slam.
Eve Gennat, 14 Jahre alt und bereits Platz zwei beim Preachers Slam.

Die jüngste der Slamerinnen war übrigens gerade mal 14 Jahre alt, hieß Eve und gewann tatsächlich den zweiten Platz. Was sie und die anderen an diesem Abend zu sagen hatten, war schon von besonderer Qualiät. Tiefgründig und wirklich herzzerreißend sprach jeder einzelne von ihnen über sehr persönliche Themen. Teilweise war so eine Betroffenheit im Raum – man hätte einer Stecknadel beim Hinfallen zuhören können. Man war ganz still. Niemand, der nicht von Luise Frenzel, Pia Tews, Fatima Talalini, Philipp Fischer, Eve Gennat und Sim Panse berührt worden wäre.

Wie barmherzig ist unsere Zeit, wie barmherzig sind wir

Luise, sie rühte wohl jeden zutiefst an.
Luise, sie rühte wohl jeden zutiefst an.

Dieser Slam hatte es wahrlich in sich. Vielleicht, weil der Veranstalter, das Bistum Essen. bewusst ein Thema gewählt hat, das in unseren heutigen Tagen oft Mangelware ist. Barmherzigkeit. Wie barmherzig ist unsere Zeit, wie barmherzig sind wir? Mit anderen, aber auch mit uns?

Was bewegt uns zutiefst und wo brauchen wir ALLE und unsere ganze Gesellschaft Barmherzigkeit. Nun, diese sechs wussten darüber wirklich Bescheid. Die vielen älteren Menschen in diesem Raum wunderten sich auch nach der Veranstaltung noch darüber, wie groß und weit der Erlebnishorizont dieser jungen Leute bereits ist. Zu weit, wenn man es genauer betrachtet. So kam bei dem Slam der kleinen Eve schon große Betroffenheit auf. So junge Menschen sollten sich eigentlich nicht mit soviel Unglück herumschlagen müssen. Aber: Anscheindend ist unsere Welt tatsächlich so, wenn ein 14 jähriges Mädchen schon so viel darüber weiß, wie böse es um sie herum zugeht.

Was ist Gleichberechtigung

Sim Pans und sein Plädoyer für die Frauen. Super!
Sim Pans und sein Plädoyer für die Frauen. Super!

Das Plädoyer von Sim für die Frauen weckte noch einmal ganz neu ein Gefühl dafür, dass Gleichberechtigung tatsächlich auch in unserer so aufgeklärten Gesellschaft oft einfach nur ein Witz ist und ein schlechter noch dazu. Danach war man irgendwie wütend.

Die junge Fatima, die nach ihrem eigenen Bekunden nicht aussieht wie eine Fatima, zeigte auch dem letzten im Raum, dass es möglich ist, mit gerade mal 1,60 Meter den größten Mann locker an Größe zu übertreffen. Und das nur und ausschließlich durch einen richtig geraden Rücken und ganz schön viel „Popo in der Hose“. Oder im Rock. Sie gewann den Slam verdient, hatte sie doch eigentlich fast jedes Tabu gebrochen und es trotzdem geschafft, am Schluss ihr Publikum in die richtige Richtung zu führen. Sie weiß genau, was Barmherzigkeit ist und übt sie auch an ihren Mitmenschen aus, ohne Frage!

Newcomer Philipp – isso!

Philipp Fischer, der Lüdenscheider stand das erste Mal auf der Bühne!
Philipp Fischer, der Lüdenscheider stand das erste Mal auf der Bühne.

Witzig, der Lüdenscheider Philipp Fischer, der absolute Newcomer auf der Bühne. Er reflektierte sich selbst und seinen Alltag so, dass sich wirklich jeder damit identifizieren konnte. Ja, isso!, wollte man da eigentlich nur noch abschließend kommentieren.

Zu Tränen rührte Luise Frenzel. Ihr Slam über Missbrauch ließ dem Zuschauer den Atem stocken. Selten, dass man so etwas auf der Bühne hört. Und noch seltener, dass ein junger Mensch am Ende eines solchen Desasters soviel Hoffnung und auch echte Vergebung rüberbringt, wie Luise. Da möchte man einfach nur den Hut ziehen vor soviel Mut und Lebenskraft.

Pia machte ihrem Namen alle Ehre

Pia hat ein Herz voller Liebe, Hoffnung und Glauben.
Pia hat ein Herz voller Liebe, Hoffnung und Glauben.

Apropos Lebenskraft: Auch die stand „in Persona“ auf der Bühne. Pia (lateinisch für die Fromme) Twes nahm sich des Slams in genau der Art an, wie man es eigentlich erwartet hatte: Sie bezeugte ihre große Liebe zu Gott und Jesus und schöpft daraus ihre ganz persönliche Hoffnung für sich, aber auch für den Rest der Menscheit. Sie war einfach und kurz gesagt ziemlich umwerfend, wie sie da stand und mit leuchtenden Augen Liebe proklamierte.

Genau auf den Punkt getroffen

Dass es aber nicht nur ernst wurde an diesem Abend, dafür sorgte in gewohnter Manier Marian Heuser. Wie immer genau auf den Punkt, hat er eine Gabe dafür, wann man was zu wem sagt und wie man auch die ernstesten Situationen gemeinsam mit dem Publikum meistert und dann doch wieder lacht und sich entspannt. Er ist der Meister der Moderation. Locker, eloquent und absolut überzeugend führte er auch durch diesen Abend und machte ihn nicht zuletzt zu einem Erfolg.

Drei Gewinnerinnen

Nach Brechung sämtlicher Tabus siegte bei ihr die Barmherzigkeit und sie wurde die Gewinnerin des Abends. Fatima, die nicht aussieht wie eine Fatima;-)
Nach Brechung sämtlicher Tabus siegte bei ihr die Barmherzigkeit und sie wurde die Gewinnerin des Abends. Fatima, die nicht aussieht wie eine Fatima;-)

Die Veranstalter selbst freuten sich mit den drei Gewinnerinnen Fatima, Eve und Luise. Obwohl eigentlich nur die ersten zwei zur Abschlussveranstaltung in den Essener Dom hätten fahren sollen, gewann Luise eine verdiente „Wild Card“. Man darf sich also auf ein Wiedersehen auch mit ihr freuen, das dann im Essener Dom statt findet. Hierhin laden die Veranstalter alle Interessierten zur Abschlussveranstaltung des Preacher-Slams ein, um die Gewinner der Slams, die im Moment in NRW zum Thema laufen, noch einmal gemeinsam um den endgültigen Sieg slammen zu sehen.

Eine gute Idee, die den Kirchen sicher Sympathie einbringt, zeigt es doch, dass man weg will vom alten angestaubten Bild und damit „voll drauf ist“ auf dem Weg in eine hoffentlich sehr lebendige Zukunft.

Unterstütze uns auf Steady

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here