Zu einer bewegenden Shabbat-Feier trafen sich die 12 Holocaust-Überlebenden mit ihren Begleitern in der evangelischen Kreuzkirche Lüdenscheid. Fotos: Iris Kannenberg

Lüdenscheid. Seit dem 3. Oktober sind sie hier in Lüdenscheid. Zwölf Holocaust-Überlebende aus Israel. Der Großteil von ihnen das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Oberbegriff „Die letzten Zeugen“ stellen sie sich ihrer Vergangenheit, haben den Mut, deutschen Boden noch einmal zu betreten. Einige von ihnen kamen auch aus Russland oder der Slowakei. Beides Länder, in denen Deutsche besonders grausam wüteten und manchmal ganze Dörfer „bereinigt“ wurden, indem man die Bevölkerung erst ihr eigenes Grab schaufeln ließ, um sie dann zu erschießen. Alle. Kinder, Teenies, Erwachsene, Großeltern. Ohne Ausnahme. Es reichte, dass sie Juden waren. Mehr brauchte es nicht an Rechtfertigung dieser grausamen Tat.

Sie waren noch Kinder

Sie waren noch Kinder, als sie den Holocaust erlebten. Viele besuchen ihr ehemaliges Heimatland nach über 70 Jahren das erste Mal wieder. Und sprechen immer noch deutsch.

Manche der hier Anwesenden sprechen gerade das erste Mal über ihre traumatische Kindheit. Denn Kinder waren sie alle noch zu dieser Zeit. Jetzt sind sie zwischen 80 und 90 Jahre alt und stellen sich bewusst einem Land, dass sie nicht wollte, ja, das sich ihre vollkommene Ausrottung zum Ziel gemacht hatte.

„Shoah“ nennen die Juden das. Und mit der Shoah muss sich jeder Jude von klein auf auseinandersetzen. Ob er will oder nicht, er muss sich damit konfrontieren.

Eine große Last

Heutzutage meistens durch die Großeltern. Überhaupt durch Erinnerungen. Es gibt in Israel kaum eine europäisch stämmige Familie, die nicht Familienmitglieder durch den Holocaust verloren hätte. Die Erinnerung ist gegenwärtig. Zur Warnung. Zur Aufforderung, wachsam zu sein, aber auch als Teil einer kollektiven Trauer und Wut auf Deutschland, die immer noch spürbar ist. Eine Last, die manchmal kaum auszuhalten ist.

In Israel selbst erinnert Yad Vashem als Gedenkstätte an sechs Millionen Menschen und ihr gemeinsames Schicksal. Auf der übrigen Welt werden die Namen der Konzentrationslager in den Synagogen vorgelesen. Immer wieder und regelmäßig. Und der Name unseres Landes wird dabei immer noch mit großem Schmerz genannt.

Endlich Frieden finden

Als Zeichen der Hoffnung verteilten Jugendliche der Gemeinde Rosen an die Gäste.

Wut und Schmerz ein Ende zu setzen, zu vergeben und selbst endlich Frieden zu finden, dazu sind die ehemaligen Deutschen, Russen und Skowaken, die jetzt alle zusammen Israelis sind, in Deutschland.

Die letzten Holocaust-Überlebenden wollen Zeugnis geben, von dem, was sich während der Hitler-Ära wirklich ereignet hat. Sie wissen, wovon sie sprechen, denn sie waren dabei. Sie sind echte Zeitzeugen. Sie haben Auschwitz, Theresienstadt oder das Ghetto von Odessa oder Warschau mit eigenen Augen gesehen. Und wie durch ein Wunder überlebt.

Ein Band aus Freundschaft

Erika Teller (ganz links) organisiert seit vielen Jahren diese Begegnungen zwischen Deutschen und Juden.

Erika Teller, selbst Holocaust-Überlebende ist Mitarbeiterin des Verbandes von Ghetto- und Lagerüberlebenden. Sie begleitete in den letzten Jahren immer wieder die Gäste aus Israel nach Deutschland.

Ihr Ziel: den Überlebenden Versöhnung zu ermöglichen. Sie weiß, wie es ist, die unvorstellbaren Grausamkeiten, die sie alle in den Konzentrationalagern erlitten haben, immer und immer wieder innerlich durchleben zu müssen. Und hat selbst die Erfahrung gemacht, wie heilsam es ist, sich auf den Weg zu machen in das Heimatland der Kindheit, um auf eine neue Generation von Deutschen zu treffen, die bereit sind und willens, sich ebenfalls der Vergangenheit ihres Landes zu stellen. Versöhnung schafft Frieden. Auch inneren Frieden. Und ein neues Band von Freundschaft und Miteinander, das so schnell niemand mehr zerreißen wird.

Schicksalstag 9. November

Burkhard Waimann spielte Klezmer auf der Klarinette. Eine typische und jahrhundertealte Musik, die sich im Judentum bis heute erhalten hat und viele moderne Musikrichtungen entscheidend mitprägte. Z.B. den JAZZ.

Die 12 Holocaust-Überlebenden waren erst in Berlin, jetzt sind sie noch bis zum 9. November in Lüdenscheid, Halver und Altena. Der 9. November, ein schicksalsträchtiges Datum.

Da war die sogenannte „Reichskristallnacht“. 79 Jahre ist sie jetzt her diese Nacht, als ein ganzes Land kollektiv beschloss, sich eines Drittels seiner Bevölkerung zu entledigen. Sicher, nicht alle haben aktiv dabei mitgemacht. Aber die meisten doch inaktiv. Durch Wegsehen, Ignoranz und Verdrängen. Durch Gleichgültigkeit.

Nie wieder wegsehen

Pastor Eckhard Link (hinten rechts am Mikrofon) von der Kreuzkirche war überwältigt von der Anteilnahme und den vielen Besuchern der Shabbat-Feier.

Wer diese Zeugen einmal gehört hat, wer ihnen wirklich zugehört hat, der wird nie wieder wegsehen können und wollen. Es kostet Kraft, sich als Deutscher dem Unvorstellbaren zu stellen.

Viel Kraft kostet es auch diese alten Menschen, von ihren Traumata zu erzählen. Aber wer den Mut dazu hat, geht auf beiden Seiten anders aus dieser gemeinsamen Begegnung hervor. Gestärkt, gewarnt und versöhnt. Für eine Zukunft, in der hoffentlich niemand mehr wegsieht. Niemals wieder!

Hilfe und Unterstützung

Getragen werden diese Fahrten der Versöhnung und auch das Werk von Erika Teller ausschließlich durch Spenden und ehrenamtliche Helfer. Sie sind herzlich dankbar für jede Hilfe und Unterstützung! Wer mehr über die Arbeit von Erika Teller wissen will kann die ICEJ (Internationale Christlich-Jüdische Gesellschaft) über die Mail-Adresse: eteller.gruppe@icej.de gerne persönlich anschreiben.

Wer spenden möchte für Flüge, Verpflegung, Betreuung und Fahrten zu den verschiedenen Orten: ICEJ-Deutscher Zweig e.V., IBAN: DE63 5206 0410 0004 0202 00, Verwendungszweck: Erika Teller Gruppenbesuch

 

 

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