Foto: Bernhard Schlütter

Plettenberg. Der Tonfall zwischen den Verhandlungsparteien bei Dura Leisten und Blenden wird immer schärfer. Nach dem gescheiterten Schlichtungsversuch durch die unabhängige Landesschlichterin Anja Weber – die Dura-Geschäftsführung lehnte den Vorschlag ab – werfen sich nun Arbeitnehmervertreter und Geschäftsführung gegenseitig fehlende Verhandlungsbereitschaft vor.

In einer Pressemitteilung von heute (Montag, 15. August) wehrt sich die Geschäftsführung „ausdrücklich gegen die unbegründeten Vorwürfe des Betriebsrats und der IG Metall“. Der Unternehmenssprecher teilt mit: „Letzte Woche hat die Geschäftsführung mehrfach versucht mit dem Betriebsrat in Plettenberg Gespräche zu führen, um das vorrangigste Problem des Werks, nämlich die notwendige Mehr- und Wochenendarbeit und Überstunden zu regeln. Trotz wiederholter Anfragen hat sich der Betriebsrat geweigert, mit der vor Ort anwesenden Geschäftsführung zu sprechen.“

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Jerry Lavine, Duras Executive Vice President und Chief Program Officer Foto: www.duraauto.com

Dem Unternehmen sei es völlig unverständlich, warum ein Betriebsrat angesichts der überaus schwierigen Situation des Werks in Plettenberg nicht bereit sei, mit der Geschäftsführung zu sprechen. „Diese Widerstandshaltung kann alle Arbeitsplätze in Plettenberg und Selbecke gefährden“, sagt Jerry Lavine, Executive Vice President and Chief Program Officer bei Dura. Gleichzeitig wirft das Unternehmen Betriebsrat und Gewerkschaft vor, absichtlich und widerrechtlich die Produktion zu behindern bzw. zu unterbrechen. Mehrere Betriebsversammlungen während der laufenden Schichten hätten alleine letzte Woche den Produktionsverlauf um mehrere Stunden zurückgeworfen. Diesbezüglich habe das Unternehmen IG Metall und Betriebsrat schriftlich adressiert, um sicherzustellen, dass künftig die Produktivität nicht noch weiter gesenkt wird. Die Unternehmensführung sei sehr besorgt, dass IG Metall und Betriebsrat nicht die Interessen aller Mitarbeiter berücksichtigen. „Wir können das destruktive Vorgehen der Arbeitnehmervertreter nicht verstehen und auch nicht akzeptieren“, sagt Jerry Lavine. „Ich habe letzte Woche mit mehreren Mitarbeitern gesprochen, die das Vorgehen des Betriebsrats und der IG Metall ernsthaft hinterfragen und eine große Bereitschaft gezeigt haben, auch am Wochenende zu arbeiten und sich mit Überstunden für unsere Kunden einzusetzen.“ Es mache ihn traurig, dass die Zukunft engagierter Mitarbeiter durch das Verhalten ihrer gewählten Vertreter aufs Spiel gesetzt werde.

Über fünf Jahre führen die Werke in Plettenberg und Selbecke hohe Verluste ein. In dieser Zeit habe Dura enorme Summen in die Standorte investiert, um sie zu einem produktiven, erfolgreichen Bestandteil der Dura-Gruppe zu machen. Das Ziel sei stets gewesen, die Ansprüche der Kunden optimal zu erfüllen. „Die IG Metall und der Betriebsrat ignorieren die wirtschaftliche Realität: Unsere Kunden werden keine weiteren Störungen ihrer Lieferketten hinnehmen. Die Zukunft der Werke in Plettenberg und Selbecke hängt von der Qualität unserer Produkte und unserer Zuverlässigkeit ab. Wir müssen liefern, was wir versprechen“, macht Lavine deutlich. Voraussetzung hierfür blieben die Mehr- und Wochenendarbeit, über die schnell entschieden werden müsse. 

IG Metall: Arbeitgeber greift freie Betriebsrats- und Gewerkschaftstätigkeit an

Der Dura-Betriebsrat und die IG Metall sind angesichts der Vorwürfe empört. Diese seien nicht nur haltlos, sondern auch ehrenrührig. Unter anderem werde dem Betriebsrat unterstellt, er habe rechtswidrig Versammlungen und eine Sprechstunde durchgeführt. Betriebsratsvertreter hätten Abmahnungen erhalten, der IG Metall sei mit juristischen Konsequenzen gedroht worden. Die Briefe an die Arbeitnehmervertreter wurden auch in Form von Aushängen im Betrieb öffentlich gemacht.

Torsten Kasubke
Torsten Kasubke, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Foto: IG Metall MK

Hierzu erklärt Torsten Kasubke, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall und Verhandlungsführer für die Beschäftigten: „Die Vorwürfe wiegen schwer und sind doch haltlos. Bei Dura Leisten und Blenden sind über 800 Menschen beschäftigt. Nach dem Betriebsverfassungsgesetz sind damit drei Mitglieder des Betriebsrats schon auf Grundlage des Betriebsverfassungsgesetzes freizustellen. Freigestellte Betriebsräte haben aber nicht den Daumen zu drehen, sondern sich für die Belange der Beschäftigten einzusetzen. Sie haben auch dann ansprechbar zu sein, wenn eben keine Sprechstunde stattfindet. In dringlichen Fällen haben mit Problemen beladene Kolleginnen und Kollegen auch keine Zeit, auf eine Sprechstunde zu warten, deren Zeitpunkt mit dem Arbeitgeber abzusprechen sind.“

Der Arbeitgeber habe auch mit dem Vorwurf Unrecht, der Betriebsrat habe die Maximalzahl der durchführbaren Versammlungen erreicht. Aufgrund der schwierigen Situation bei Dura habe man sich, was nach Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts auch zulässig sei, auf die Einrichtung einer Betriebsversammlung verständigt, die bloß unterbrochen wurde. In den letzten Wochen habe sich die Situation immer wieder schlagartig geändert. Die Beschäftigten hätten einen Anspruch auf vollständige Information. „Dem kommt der Arbeitgeber seit November nicht nach. Der Betriebsrat will zumindest die verfügbaren Informationen durch die unterbrochenen beziehungsweise fortgeführten Versammlungen weitergeben. Was soll daran verkehrt sein?“

Das Betriebsverfassungsrecht versage dem Arbeitgeber das Direktionsrecht, wenn es um die Betriebsratsarbeit geht. „Das heißt, gerade freigestellte Betriebsräte haben keinerlei Weisungspflichten. Die Geschäftsführung der Betriebsratsgeschäfte obliegen dem Gremium selbst. Dass der Arbeitgeber nun mit Sanktionen wie Abmahnungen oder auch juristischen Mitteln gegen die IG Metall droht, stellt den traurigen Höhepunkt dieser Auseinandersetzung dar. Noch in dieser Woche habe ich dem Arbeitgeber angeboten, abseits des Protokolls miteinander zu sprechen. Auch dieses formlose Begehren ist abgelehnt worden“, berichtet Kasubke.

Zur oben zitierten Pressemitteilung der Konzernleitung stellt Kasubke fest: „Der Schlichtungsspruch der unabhängigen Landesschlichterin hat eine Genehmigung der Mehrarbeit bis Jahresende vorgesehen. Der Arbeitgeber hätte längst eine Einigungsstelle einberufen können. Hier ist aber nichts gemacht worden. Insofern ist dies alles fadenscheinig. Ich fordere die Geschäftsführung auf, mit diesem Theater aufzuhören. Sie soll aufhören, die Beschäftigten und durch Verfassung und Betriebsverfassungsgesetz geschützten Interessenvertreter der Arbeitnehmer zu bedrohen. Ich will endlich Schwarz auf Weiß sehen, wie Dura die Zukunft in Plettenberg gestalten möchte. Seit November ist der Konzern hierzu nicht in der Lage.“

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