Sau und Ferkel in der Abferkelbucht. Die Vorrichtung dient der Sicherheit der Ferkel, die ansonsten Gefahr liefen, von der Muttersau unbeabsichtigt erdrückt zu werden. Foto: LWL-Archiv/Greshake

Lüdenscheid. Rot und Grün – ab Sonntag, 17. Mai, dominieren in den Museen der Stadt Lüdenscheid zwei Farben. Rot für Fleisch, Fleischproduktion und den Fleischverzehr, Grün für alternative und fleischlose Ernährungsformen. Unter dem Titel „Darf’s sein bisschen mehr sein?“ führt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die Besucher mitten in die gesellschaftliche Kontroverse um Fleischverzehr und Fleischverzicht, um Massentierhaltung und industrialisierte Transport- und Schlachtverfahren.

Sorgen um die Gesundheit

„Westfälischer Himmel" im Schinkenland Westfalen: Tenne im "Schultenhof" in Schmallenberg-Oberkirchen um 1920.  Foto: LWL-Archiv
„Westfälischer Himmel“ im Schinkenland Westfalen: Tenne im „Schultenhof“ in Schmallenberg-Oberkirchen um 1920.
Foto: LWL-Archiv

Trotz aller Skandale: Der Fleischkonsum stagniert in Deutschland auf konstant hohen Niveau. „Die Fleischindustrie muss sich noch keine Sorgen machen. Die Beliebtheit unserer Mahlzeiten hängt allerdings auch von Moden und Trends ab. Das Interesse an Ernährungsfragen wächst, und neben der Sorge um die eigene Gesundheit beschäftigt viele Verbraucher die Frage, was ethisch verantwortbares Essen ausmacht – das ist besonders beim Thema Fleisch der Fall“, sagt Verena Burhenne vom LWL-Museumsamt für Westfalen. Sie ist die Kuratorin dieser Wanderausstellung. „Ernährung ist eines der wichtigsten Themen der Zeit. Die Ausstellung versuche einen Beitrag zur Sensibilisierung der Besucher hinsichtlich ihres Fleischkonsums zu leisten, erläutert die Ausstellungsmacherin weiter.

Historische Entwicklung der Nutztierhaltung

Die Schau zeigt auch die historische Entwicklung der Nutztierhaltung, die Entwicklung des Metzgerhandwerks und des Fleischverzehrs. „Es geht aber auch um ethische, ökologische und gesundheitliche Aspekte des Fleischverzichts“, so Burhenne.

Deutschland ist „Wurstparadies“. Es gibt eine breite Palette an Wurst- und Fleischprodukten. Nordrhein-Westfalen nimmt bei der Fleischproduktion eine Sonderstellung ein. Die Ausstellung thematisiert deswegen auch die Entwicklung von der Hausschlachtung zu den modernen Schlacht- und Zerlegungsbetrieben in Westfalen-Lippe.

Schweinebraten krönte sonntags die Woche

Einige der kulturkritischen Bünde junger Erwachsener, die sich vegetarisch ernährten und auf Alkohol verzichteten, brachten dies mit Fahnen wie dieser aus dem Jahr 1913 zum Ausdruck. Foto: LWL/Schüttemeyer
Einige der kulturkritischen Bünde junger Erwachsener, die sich vegetarisch ernährten und auf Alkohol verzichteten, brachten dies mit Fahnen wie dieser aus dem Jahr 1913 zum Ausdruck.
Foto: LWL/Schüttemeyer

Welche Art Fleisch und wie viel auf den Tisch kam, bestimmte lange Zeit vor allem der gesellschaftliche Stand. Durch den steigenden Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit der 1950/60er Jahre kam Fleisch öfter auf den Tisch; der Sonntagsbraten krönte die Woche. Bis in die 1990er Jahre stieg der Gesamtfleischverbrauch in Deutschland – also auch in Westfalen-Lippe an. Bei 85 Prozent aller Verbraucher kommen Fleisch- und Wurstwaren täglich auf den Tisch. Den größten Anteil hat dabei das Schweinefleisch.

Thema Fleischkonsum polarisiert

Die Wanderausstellung versuche nicht, dem Thema seine Sprengkraft durch den Rückzug in Historie und Volkskunde zu nehmen, sagt Burhenne. Zudem lege sie größten Wert Objektivität, ergänzte Museumsleiter Dr. Eckhard Trox im Pressegespräch. „Hier wird nicht missioniert. Die Tatsachen sprechen für sich.“ Klar sei, dass das Thema Fleischkonsum polarisiere. Es fordere zu Wertung und Widerspruch heraus. Verena Burhenne dazu: „Niemand in unserer stark fragmentierten Gesellschaft kann sich dem Topthema der Ernährung entziehen, jeder muss Position beziehen, denn jeden Tag müssen wir immer wieder neu entscheiden, was wir essen und welchen Preis wir dafür zahlen wollen – im engen wie im übertragenen Sinn.“

Die Ausstellung will ein Bewusstsein für ein „Schlüsselproblem“ vermitteln. Sie will informieren ohne den mahnenden Zeigefinger zu heben und auf die Eigenverantwortlichkeit jedes einzelnen verweisen. Sie bietet facettenreiche Zugänge zum Thema und öffnet in einer Mischung aus geschichtlichen und aktuellen Bezügen neue persönliche Horizonte und stimuliert den gesellschaftlichen Diskurs.

Katalog und Begleitprogramm

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit wissenschaftlichen Beiträgen von insgesamt 208 Seiten Umfang. Er kann in im Museum und beim LWL-Museumsamt für Westfalen-Lippe für 16 Euro erworben werden. Begleitend zur Ausstellung wurden museumspädagogische Konzepte für die Primarstufe und die Sekundarstufe I erarbeitet

Komplettiert wird die Ausstellung durch ein Begleitprogramm. Am Donnerstag, 28. Mai, wird ab 18 Uhr zu einem Abend mit Thomas Wewers, Kulturmanager, Theaterpädagoge, Clown und Veganer eingeladen. Das Motto lautet „Gaumenkitzel mit Tofu & Co. – zu Gast am Veganerstammtisch“. Am 21. Juni geht es ab 18 Uhr mit Michaela Knitter um „Traditionelle Chinesische Medizin und die Fünf-Elemente-Ernährung“. Der Kostenbeitrag bei beiden Veranstaltungen beläuft sich auf drei Euro.

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