Das Bild aus dem Stadtarchiv Plettenberg zeigt Schwesternschülerinnen des israelitischen Krankenhauses in Köln. Links auf dem Bild steht die Plettenbergein Alice Sternberg.

Von Martina Wittkopp-Beine

Plettenberg. Am kommenden Freitag, dem 27. Januar erinnert die Stadt Plettenberg wie jedes Jahr an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Veranstaltung beginnt um 15.30 Uhr auf dem jüdischen Friedhof an der Freiligrathstraße. Gegen 16 Uhr wird sie im Ratssaal  fortgesetzt. Dort werden Schülerinnen und Schüler des Geschichts-Leistungskurses des Albert-Schweitzer-Gymnasiums eine Lesung halten: „Ermittlungen über Auschwitz. Eine dramatische Reflexion“.

Die Stadt Plettenberg fühlt sich insbesondere auch den Opfern verpflichtet, die aus unserer Heimatstadt kamen und verfolgt, gefoltert und getötet wurden. Eines dieser traurigen Schicksale dokumentiert die ehemalige Plettenbergerin Alice Sternberg.

Alice Sternberg wurde 1921 als Tochter des Kaufmanns Max Sternberg und seiner Frau Dina geboren. Sie war das dritte und schließlich einzige Kind der Sternbergs. Die beiden anderen Töchter waren nach der Geburt verstorben.

Geschäftsleute in der Wilhelmstraße

Alice Sternberg lebte mit ihren Eltern in der Wilhelmstraße. Ihr Vater besaß dort seit Mitte der 1920er Jahre ein Wohn- und Geschäftshaus, das jedoch schon seit der Jahrhundertwende zum Familienbesitz der Sternbergs gehörte. Das Textileinzelhandelsgeschäft wurde der „Untere Sternberg“ genannt. Diese Bezeichnung diente zur Abgrenzung vom „Oberen Sternberg“, einem anderen jüdischen Geschäft Sternberg. Dieses lag an Wilhelmstraße/Ecke Neue Straße.

Alice Sternberg besuchte zunächst die Grundschule. Ihre schulische Beurteilung bescheinigte ihr Fleiß, gutes Benehmen und gute schulische Leistungen. 1932 verließ sie die Grundschule und wechselte zur Realschule. Im Jahr 1934 verstarb der Vater. Fortan lebte sie mit ihrer Mutter allein in Plettenberg.

Ende 1938 jedoch verließen Mutter und Tochter die Stadt. Sie zogen nach Aachen. Sicherlich nicht freiwillig, aber vielleicht in der Hoffnung dort Ruhe zu finden und sicherer zu sein. Die unmittelbar nach der Machtübernahme gegen die jüdischen Geschäftsleute gerichteten nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen, die antijüdischen Gesetzte und Maßnahmen der Jahre nach 1933, die Pogromnacht im November 1938 und letztlich der zwanghafte Verkauf des Geschäft- und Wohnhauses im November 1938 führten bei Alice Sternberg und ihrer Mutter dazu, Plettenberg schnellstmöglich zu verlassen.

Ausbildung zur Krankenschwester

In Aachen wohnten die beiden zunächst in einem Wohnhaus, in das auch die Sakoms, eine andere jüdische Familie aus Plettenberg, einzogen. Vier ganze Monate lebte Alice mit ihrer Mutter Dina Sternberg dort. Im Mai 1939 ging Alice Sternberg nach Köln, um dort einen Beruf zu erlernen. Am „Israelitischen Krankenhaus für Kranke und Altersschwache“ machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Mit dem Wegzug nach Köln trennten sich die Schicksalswege von Mutter und Tochter und zwar für immer.

Alice Sternberg lebt drei Jahre in Köln. Während ihrer Ausbildung war Alice Sternberg stark in die Krankenhausarbeit eingespannt, leistete über mehrere Wochen ununterbrochen Nachtwache. Anfang der 1940er Jahre bestand Alice erfolgreich ihr Examen und arbeitete fortan im israelitischen Krankenhaus als Krankenschwester. Sie arbeitete dort rund anderthalb Jahre.

Deportation nach Theresienstadt

Ende Mai 1942, nach einem schweren Bombenangriff auf Köln, wurde das Israelitische Krankenhaus geräumt. Patienten und Personal wurden in das Lager Köln-Müngersdorf gebracht. Als sie dort ankamen, fanden sie ein überfülltes Lager vor, dessen Insassen auf die Zuweisung zu ihren Deportationen warteten. Dort lebte und arbeitete nun auch Alice Sternberg. Es war der letzte „Wohnort- und Arbeitsort“ von Alice Sternberg in Köln, bevor sie im Juni Köln verlassen musste.

Am 15. Juni 1942 wurde Alice zusammen mit weit über 900 anderen Frauen und Männern von Köln in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt. In Theresienstadt blieb sie über zwei Jahre. Mitte Oktober 1944 jedoch wurde sie mit weiteren 1500 Frauen und Männern in das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Im Alter von 23 Jahren wurde Alice Sternberg ermordet.

Unterstütze uns auf Steady

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here