Foto: Bernhard Schlütter

Plettenberg. Eigens aus Portugal eingeflogene Arbeiter/innen haben am heutigen Samstagmorgen ihre Tätigkeit im Dura-Werk Plettenberg aufgenommen. Die Konzernleitung begründet diese Maßnahme mit der Notwendigkeit, Kundenaufträge zu erfüllen, was ohne Mehrarbeit der Stammbelegschaft nicht möglich sei. Der Betriebsrat knüpft die Genehmigung von Mehrarbeit an die Zusage der Geschäftsführung, über einen Sozialplan und Abfindungen zu verhandeln. Die Arbeitnehmervertreter empfinden den Einsatz der portugiesischen Arbeiter als „Schlag ins Gesicht jedes Mitarbeiters“. Die Fronten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bei Dura sind weiter verhärtet. Ein Aufeinanderzugehen ist nicht zu erkennen.

Bis zuletzt hatten Betriebsrat und Gewerkschaft IG Metall gehofft, dass das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm den Einsatz der ausländischen Konzernbeschäftigten in Plettenberg untersagen würde. Das Gericht lehnte aber am Freitagabend den Antrag des Betriebsrats auf Rechtsschutz aus formalen Gründen ab.

Dura-Stammbelegschaft empfängt Portugiesen vor dem Werkstor

dura-betriebsrat
Dura-Betriebsrat und IG Metall (von links Faruk Ikinci, Fabian Ferber und Torsten Kasubke) positionierten sich am Samstag erneut vor dem Werkstor. Foto: Bernhard Schlütter

Als die Portugiesen am Samstagmorgen zur Frühschicht mit Bussen das Werk an der Königstraße erreichten, wurden sie von einer großen Zahl von Dura-Mitarbeiter/innen erwartet. Mit einer angemeldeten Spontanversammlung verhinderte die Stammbelegschaft, dass die Busse aufs Firmengelände fuhren. Die austeigenden Männer und Frauen wurden mit Hilfe eines portugiesischen Dolmetschers über die Lage aus Sicht der Arbeitnehmer informiert, erhielten außerdem Infoblätter in portugiesischer Sprache. „Unser Zorn bezieht sich ausdrücklich nicht auf die portugiesischen Kolleginnen und Kollegen, betont Torsten Kasubke, 2. Bevollmächtiger der IG Metall und Verhandlungsführer für die Arbeitnehmerseite. „Viele von ihnen haben uns mitgeteilt, wie unwohl sie sich fühlen. Hier werden Menschen gegen Menschen beziehungsweise Arbeiter gegen Arbeiter ausgespielt. Dura nutzt die Angst der Mitarbeiter aus, die sich am letzten Ende der Kette fühlen. Ein Unternehmen, das sich nach außen darstellt, als sei es dem Erhalt von Arbeitsplätzen verpflichtet, tut genau das Gegenteil, wenn es Beschäftigte gegeneinander ausspielt.“

Nach Informationen der IG Metall sind 280 Leiharbeiter aus Portugal eingeflogen worden. Am Samstagmorgen traten etwa 140 die Arbeit an, so dass Torsten Kasubke annimmt, dass in zwei Schichten gearbeitet wird.

Torsten Kasubke, 2. Bevollmächtigter der IG Metall im MK Foto: Bernhard Schlütter
Torsten Kasubke, 2. Bevollmächtigter der IG Metall im MK Foto: Bernhard Schlütter

„Die Gerichte haben unser Begehren auf einstweiligen Rechtsschutz aus formalen Gründen abgelehnt. Das ist ärgerlich und bedauerlich“, kommentierte Kasubke die Vorgänge. „Trotzdem bleibt das Verbot der Sonntagsarbeit bestehen, auch für die portugiesischen Beschäftigten. Es ist also davon auszugehen, dass die Beschäftigten aus Portugal an einem oder zwei Samstagen – wenn überhaupt – eingesetzt werden dürfen. Dafür mussten Flugmöglichkeiten, Hotelzimmer, Shuttleservice und weitere Dienstleistungen aufgebracht werden, die es sicherlich nicht zum Nulltarif gibt. Hier ist die Frage erlaubt, ob ein Unternehmen, das immer noch im Begriff steht, einen Großteil der Belegschaft entlassen zu wollen, in dieser Form Geld verschwenden sollte. Außerdem bleibe ich dabei, dass alleine die Bestellung der Einsatzkräfte aus Portugal ohne vorherige Genehmigung aus Arnsberg eine unglaubliche Missachtung staatlicher Strukturen darstellt.“

Dura-CEO Lynn Tilton: Ohne Kunden lassen sich keine Arbeitsplätze erhalten

lynn_tilton
Dura-Eigentümerin Lynn Tilton Foto: www.duraauto.com

Lynn Tilton, CEO von Duras Eigentümergesellschaft, kommentierte die Gerichtsentscheidung ebenfalls: „Wir begrüßen die jüngste Gerichtsentscheidung, die uns die dringend notwendige Erhöhung der Produktion bei Leisten & Blenden in Plettenberg entsprechend unserer Kundenbedürfnisse ermöglicht. Trotz unserer unermüdlichen Bemühungen eine Einigung mit dem Betriebsrat von Leisten & Blenden und der IG Metall zu erzielen und trotz der Bitten unserer Kunden, verweigern die Arbeitnehmervertreter Mehr- und Wochenendarbeit. Der Plettenberger Belegschaft wird nicht erlaubt, die Kundenaufträge ordnungsgemäß abzuarbeiten. Unsere Kunden verlieren die Geduld. Wir sind gezwungen, Mitarbeiter von einem anderen Standort einzusetzen. Ich kann nur betonen, dass sich ohne Kunden gar keine Arbeitsplätze in Plettenberg erhalten ließen. Anstatt mit dem Management vor Ort, unseren Kunden und unseren Mitarbeitern gemeinsam daran zu arbeiten, die Situation von Leisten & Blenden in Plettenberg zu verbessern, erweckt das rücksichtslose Verhalten von IG Metall und Betriebsrat den Eindruck, das Gegenteil erreichen zu wollen: die Zerstörung unserer Kundenbasis und damit des Standorts und der Zukunft der Arbeiter und ihren Familien.“

In den letzten Wochen habe Leisten & Blenden zusätzliche Aufschläge für Mehr- und Wochenendarbeit angeboten und fast eine Million Euro Überstunden ausbezahlt. Mit Unterstützung der wichtigsten Kunden sei der IG Metall und dem Betriebsrat ein detaillierter Vorschlag unterbreitet worden, um bei Leisten & Blenden den Frieden und Fokus auf die Kunden wieder herzustellen. „Das Unternehmen war stets und ist weiterhin bereit über einen Sozialplan zu verhandeln, verbunden mit Maßnahmen zur messbaren Verbesserungen von Arbeitseffizienz, Produktivität und Qualität am Standort Plettenberg“, betont die Dura-Geschäftsführung in ihrer Mitteilung an die Medien.

Dura-Beschäftigte machen rund 200 Millionen Euro geltend

Auch Betriebsrat und IG Metall betonen, dass sie bei ihren strategischen Überlegungen immer im Blick hätten, mit dem Arbeitgeber über eine Zukunft der Standorte im Sauerland zu sprechen. Aber man befinde sich nun im elften Monat seit der Ankündigung des Arbeitgebers, einen Großteil der Beschäftigten zu entlassen. „In welcher Form dies geschehen soll, weiß Dura offenbar immer noch nicht“, stellt Torsten Kasubke fest. „An anderer Stelle wurden allerdings Fakten geschaffen. Dazu gehört die Bestellung portugiesischer Arbeitskräfte. Aber schon zu Beginn der Auseinandersetzung hat der Konzern mit der Auflösung des Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrags dafür gesorgt, dass mögliche Verluste und Investitionskosten zur Restrukturierung von Dura nicht mehr durch den Konzern aufgefangen werden. Damit könnten auch zum Beispiel Lohnansprüche der Beschäftigten verloren gehen. Deswegen haben wir entschieden, diese Ansprüche gemäß dem Aktiengesetz und der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs geltend zu machen. Knapp 600 Beschäftigte haben auf Grundlage der geltenden Rechtsprechung ihren Arbeitgeber aufgefordert, ihre Lohnansprüche für die nächsten fünf Jahre abzusichern. Damit steht Dura nun in der Pflicht, eine Sicherheitsleistung in Höhe von 200 Millionen Euro zu vollbringen.“

Unterstütze uns auf Steady

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here