15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, Lüdenscheid ist einer von sechs Orten, der für die Befragung ausgewählt wurde. V.l.n.r.: Werner Giet, Jugendhilfeplanung, Barbara Kleine, Fachdienst Jugendamt - Kinder- und Jugendförderung, Professor Dr. und Staatsminister a.D. Klaus Schäfer, Dietrich Vehse, Stadtjugendring, Michael Heide-Gentz, Leiter des CVJM Kinder- und Jugendhauses Audrey´s und Roland Mecklenburg, Vorsitzender des Landesjugendringes

Lüdenscheid. Am Freitag trafen sich in der CVJM Kinder- und Jugendfreizeitstätte Audrey’s die Vertreter des Stadtjugendrings Lüdenscheid, des CVJM, des Landesjugendrings und des Jugendamtes gemeinsam mit Professor Dr. Klaus Schäfer, Staatsminister a.D. und einigen Jugendlichen der Stadt. Die jungen Leute waren auf Einladung zu einer Befragung erschienen. Aufmerksam geworden auf Lüdenscheid war man von Seiten des Bundes durch Aktionen der Stadt wie „Freiräume für Dich“.

„Freiräume für Dich“ erregte Aufmerksamkeit

Nach dem Aktionsnachmittag kurz vor den Sommerferien 2015, an dem sich 44 Kooperationspartner in Lüdenscheid beteiligt hatten, gab es eine Abendveranstaltung mit einer Diskussionsrunde, bei der über 100 Personen anwesend waren, viele davon Jugendliche. Dieser Aktionstag und sein Abschlussabend waren dann eben auch der Auslöser dafür, dass man von seiten der Landes- bzw. Bundespolitik auf Lüdenscheid aufmerksam wurde. Lüdenscheid wurde dementsprechend von Professor Dr. Schäfer und seiner Kommission für die Befragung kontaktiert. Sinn des Ganzen: Der mittlerweile 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung muss bis Mitte nächsten Jahres fertig gestellt sein.

800 Seiten starker Bericht

Professor Dr. Schäfer war bereits Mitglied der letzten Sachverständigenkommission und ist nun wieder als stellvertretender Vorsitzender dabei. Vorsitzender ist Professor Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut. Den insgesamt elf Sachverständigen, die den um die 800 Seiten starken Bericht erarbeiten werden, wurde seitens der Bundesregierung der Auftrag erteilt, die Jugendlichen aktiv an dem Bericht zu beteiligen. Um auswertbare Aussagen von den Jugendlichen selbst zu erhalten, musste man nun die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.

Subjektive Befragung wichtig

Es ist nach Aussage von Professor Dr. Schäfer ein Leichtes, vor eine Klasse zu treten und dort nach Antworten zu suchen. Jedoch genau das, will die Kommission nicht. Ziel ist es, in außerschulische Einrichtungen zu gehen und Jugendliche ohne schulischen Druck einfach aus ihrer Lebenssituation heraus, zu befragen. Organisiert wurde das Ganze vom Landesjugendring, der auch den Vorschlag machte, die Befragung in verschiedenen Regionen abzuhalten. Mit dem Hintergrund, dass Jugendlicher in Dortmund zu sein, eben doch etwas anderes bedeutet, als in Lüdenscheid, Siegen, Düsseldorf, Köln oder Ostwestfalen-Lippe, den sechs Befragungsorten in NRW.

Worum es konkret geht? Man möchte mit dieser Art der Befragung abseits von offiziellen Seiten, eine authentische Studie erstellen, die Jugendliche in ihrer tatsächlichen außerschulischen Umgebung reflektiert.

Wie ist das Leben als junger Mensch?

Welches Selbstverständnis haben Jugendliche heute? Das scheint schon altersmäßig nicht so einfach. Fängt „Jugendlicher sein“ mit 12 Jahren an? Wie lange ist man heute Jugendlicher, wenn es an der Regel ist, dass man bis 26 Jahren studiert? Welche Freiräume haben Jugendliche heute noch, wenn Schule um 17 Uhr nachmittags endet? Und wie empfinden junge Leute das? Wie wirkt sich dies auf die Bereitschaft aus, nach einem Ganztagsschultag noch ehrenamtlich tätig zu sein? Oder in einem Verein? Oder in einer Musikschule? Sehr viele Fragen. Wenige Antworten. Bereits klar ist nur, dass viele Jugendliche schon jetzt sagen, dass sie keinerlei Freiräume mehr haben, sich gar nicht mehr bewegen können.

Schule als Lebensort

In der Gesellschaft und Politik wird zunehmend davon gesprochen, dass Schule nun ein Lebensort sei und nicht nur ein Lernort. Wird dies tatsächlich auch von den Jugendlichen so gesehen oder wird einer Generation da ein Lebensmodell aufgezwungen, das für die meisten Generationen vor ihnen ein absolutes „No-Go“ gewesen wäre? Das nicht nur ganz neue Strukturen in das Leben junger Menschen bringt, sondern zudem auch in die Familien und die ganze Gesellschaft. Wie stark greifen „Social Media“ und Co. in das tägliche Leben der jungen Leute ein? Und inwiefern wirkt sich das auf die Zukunft selbiger aus?

Gespräche in drei Bundesländern

Diese interessanten Gespräche werden in NRW, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt geführt. Eine eher zufällige Auswahl, die sich danach richtet, wer sich innerhalb der Kommission die Zeit nehmen kann, solche Gespräche durchzuführen. Die Kommissionsmitglieder machen ihren Befragungsjob nebenberuflich und so ist das Entstehen diese Berichtes auch davon abhängig, wer, wann, wo die meiste Zeit hat. Was aber dem ganzen keinen Abbruch tut, da die Befragung sowieso eher subjektiv durchgeführt werden soll.

Blinder Fleck seit 20 Jahren

Die Jugendlichen wurden dafür konkret angesprochen und eingeladen. In den verschiedenen Jugendtreffs, bei Schülervertretungen etc. Warum man das überhaupt macht? Weil seit ca. 20 Jahren der „Jugendliche an sich“ ein blinder Fleck ist in der gesellschaftlichen Relevanz. Durch viele verschiedene Faktoren wurde lange Zeit die Priorität auf die Kinder gelegt. Diese galt es zu erforschen und zu festigen, Jugendliche fielen da eher rechts und links durch Raster des Interesses. Parallel dazu entwickelte sich jedoch das Internet in rasanter Schnelligkeit, Facebook, Twitter und Instagram zogen in jede Familie ein und die Smart-Phones gaben dem ganzen den letzten Schliff.

Jugendliche sind nicht greifbar

Jugendliche verschwanden als Protestierer und wie in der Vergangenheit oft eben auch als „Lostreter“ von gesellschaftlichen Bewegungen, fast komplett von der Straße und verzogen sich geschlossen ins WorldWideWeb. Mit dem Resultat, dass jetzt wiederum eine ganze Gesellschaft eigentlich nicht mehr so ganz genau weiß, wo ihre jungen Leute geblieben sind. Und wo es für diese gesellschaft dementsprechend hingeht. Denn dass Jugend heutzutage schon eine ganz eigene Art des Lebens für sich etabliert hat, von der die meisten Erwachsenen nichts oder nur sehr wenig wissen, das schwant nun auch langsam solchen Institutionen wie der Bundesregierung, deren derzeitige Chefin Angela Merkel ja erst noch vor relativ kurzer Zeit feststellte, dass das Web „Neuland“ für sie ist.

Nun, für die meisten jungen Leute ist es das nicht und die Fähigkeit junger Menschen, sich der neuen Medien zu bedienen und dort eine ganz eigene Kultur zu etablieren, dürfte mittlerweile von denen, die mit Jugend zu tun haben, keinesfalls mehr übersehen werden.

Bericht ist ein wichtiger Spiegel

Professor Dr. Schäfer stellte dann auch ausdrücklich und sehr sachlich fest, dass in einer Welt, die stetig daran arbeitet, ihre Humanität zu verlieren und die konfrontiert ist mit Kriegen, Hungersnöten, Umweltkatastrophen und Flüchtlingswellen, eine ganze Generation in einer Art reagiert, die man früher „Untertauchen“ bzw. „in den Untergrund gehen“ genannt hätte. So stellte er dann auch sehr eindrücklich klar, dass dieser 15. Bericht für die Bundesregierung nicht nur Auskunft sein soll, sondern auch Anregung dafür, wie man mit dieser sich so rasant verändernden Generation umgehen sollte.

Was kommt auf die Gesellschaft zu?

Wie schafft man es, junge Leute wieder mehr in den allgemeinen Alltag zu integrieren und diese Massenflucht ins Internet zu bremsen, wenn gleichzeitig die Möglichkeiten, sich zu engagieren, Hobbys auszuüben oder ein Instrument zu erlernen stetig eingeschränkt werden?

Spannende Fragen, die uns als Gesellschaft in den nächsten Jahren zusehens beschäftigen werden, falls wir nicht irgendwann gemeinsam vor einem Scherbenhaufen stehen wollen. Jugendliche sind eigentlich das kostbarste Gut eines Landes. Man sollte damit pfleglich umgehen und zumindest „gelegentlich“ einmal Interesse zeigen.

Alles in allem: Unterstützenswert dieser Bericht, bewundernswert die Arbeit der wirklich engagierten Kommission um Professor Rauschenbach und Professor Dr. Schäfer herum, die diese wertvolle Arbeit quasi als Ehrenamt ausübt. Und hoffnungsvoll, weil es eventuell hilft, jungen Leuten das Leben etwas leichter, und ihre Perspektiven etwas weiter zu machen, statt ihnen immer mehr Steine auf den Rücken zu packen. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr, wenn die Studie erscheint. Und natürlich noch viel gespannter auf ihre Umsetzung.

 

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