Neuenrade/Märkischer Kreis. Die IG-Metall Märkischer Kreis feierte in dieser Woche das 125-jährige Bestehen der Gewerkschaft mit einer besonderen, erweiterten Delegierten- und Funktionärstagung im Neuenrader Kaisergarten.

Wer bei der Ankunft vor der Kaisergartentür genau hinschaut, erkennt ihn: Kaiser Wilhelm I. Als Erinnerung an den Reichsgründer von 1871 haben 1892 die Neuenrader Schützen das Denkmal gestiftet. Eigentlich war der Kaiser der Arbeitgeber des Reichsgründers: Regierungschef Otto von Bismarck. Der war kein Gewerkschaftsfreund. Er erfand die Sozialistengesetze. Die kriminalisierten gewerkschaftliche Ideen. Bis 1890. Kaiser Wilhelm II entließ den Eisernen Kanzler. Die Sozialdemokratie als Partei der Arbeiter feierte ihren bis dahin größten Wahlerfolg – 1,4 Mio. Stimmen – erstmals wählerstärkste Partei des Reiches.

Wer den Kaisergartensaal betritt, wird von einer Ausstellung empfangen, deren Zeitrechnung 1891 beginnt. Da wurde der erste Deutsche Metallarbeiter Verband gegründet. Metall-Gewerkschafter haben seitdem in Deutschland viel erreicht. Geregelte Arbeitszeit, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitslosenversicherung, Tarifliches Urlaubsgeld, Betriebsverfassungsgesetz, Beschäftigungssicherung in Krisenzeiten sind nur einige Errungenschaften aus zwölfeinhalb Jahrzehnten. Eine Geschichte, in der das märkische Lüdenscheid eine besondere Rolle spielt.

Im MK entstand die heute größte Einzelgewerkschaft der Welt

1. Bevollmächtigte der IG Metall im Märkischen Kreis, Gudrun Gerhardt Foto: tft
1. Bevollmächtigte der IG Metall im Märkischen Kreis, Gudrun Gerhardt Foto: tft

Dort fand vom 19. bis 21. Oktober 1948 für die amerikanische und britische Besatzungszone die Vereinigung der Industriegewerkschaften Metall statt. Daraus  entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine Gewerkschaftsgeschichte von weltweit einzigartiger Dimension. Zahlen, auf die die 1. IGM-Bevollmächtigete im Märkischen Kreis, Gudrun Gerhardt, in ihrer Ansprache nicht ungern hinweist: Mit 2,27 Mio. Mitgliedern ist die IG-Metall die größte deutsche Einzelgewerkschaft und die weltweit mitgliederstärkste Arbeitnehmervertretung. Für den Märkischen Kreis kann Gerhardt da auch aktuell lokal Zählbares vermelden: Im August verzeichnete die IG Metall eine ordentliche dreistellige Zahl an Neuaufnahmen.

Starke Gewerkschaft – Starke Volkswirtschaft

Es ist offensichtlich nicht verkehrt, sich als Arbeitnehmer, als Arbeitnehmerin zu organisieren. Die weltweit größte Einzelgewerkschaft gibt es in einem Land, in dem sich eine extrem erfolgreiche Volkswirtschaft entwickelt hat. Eine Volkswirtschaft, die aktuell auf Platz vier der Welt gerankt wird, eine Volkswirtschaft, die bis 2008 Exportweltmeister war und aktuell – laut Wikipedia – auf Platz drei geführt wird.

Moderierte und interviewte IG-Metall-Aktive und Betriebsräte: Holger Majchrzak. Foto: tft
Moderierte und interviewte IG-Metall-Aktive und Betriebsräte: Holger Majchrzak.

Wie die IG Metall und damit die organisierten Belegschaften daran mitgewirkt haben und mitwirken, das zeigen im Kaisergartensaal auch die Interviews. Die führt TV-Mann Holger Majchrzak mit märkischen Betriebsräten, Jugendvertretern, Senioren und IG-Metall-Aktiven. Da geht es nicht nur um Vergangenheit und Gegenwart. Besonderen Wert legen die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auf den Blick in die Zukunft. Industrie 4.0 ist das Schwerpunktthema, das mit Betriebsratsvorsitzenden diskutiert wird.

Industrie 4.0 – Die digitale Zukunft mitgestalten

Gabi Schilling hielt das Impulsreferat zum Thema Industrie 4.0
Gabi Schilling hielt das Impulsreferat zum Thema Industrie 4.0

Für manche ist das noch Zukunftsmusik. „Bei uns ist das bereits Gegenwart“, berichtet der Betriebsrtatsvorsitzende eines großen Automobilzulieferers. „Und wir begleiten es in Projekten“, sagt IGM-Bezirkssekretärin Gabi Schilling. Sie hat spontan das Impulsreferat „Industrie 4.0 – Die Digitalisierung gestalten“ übernommen, ist für eine erkrankte Kollegin aus der IGM-Zentrale Frankfurt eingesprungen.

Da Schilling selbst an Forschungsprojekten zum Thema beteiligt ist, fällt es ihr nicht schwer, zu erläutern, welche Veränderungen in etlichen Betrieben bereits auf dem Weg sind. Zum Beispiel eine vernetztere Industrie, bei der Auftraggeber direkt in Produktionsprozesse einwirken können. Das fordert von den Belegschaften erhöhte Flexibilität.

Sorgte fürs kabarettischte Programm: Robert Griess Foto: tft
Sorgte fürs kabarettischte Programm: Robert Griess Foto: tft

In einer digital vernetzten Arbeitswelt werden immer mehr Menschen nicht mehr in einem Büro ihres Arbeitgebers sitzen, sondern an einem Computer-Arbeitsplatz irgendwo, z.B. im Homeoffice. „Das macht gewerkschaftliche Arbeit nicht leichter, wenn man Beschäftigte nicht mehr persönlich sieht“, so Schilling. Herausforderungen für die künftige Interessenvertretung von Belegschaften. Schilling: „Wir müssen das rechtzeitig mitgestalten. Wo sind die Chancen für die Menschen? Wo liegen aber auch Gefahren? Darüber muss man reden. Das muss man zum Thema machen.“

125 Jahre Erfahrung im Mitgestalten und Widerstände überwinden dürften da ganz nützlich sein.

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